1 Juli 2004

Zukunftssound des Biodiesel

Biodiesel ist billiger als Diesel. Das machen sich viele Spediteure und Verkehrsbetriebe zu Nutze. Ölkonzerne finanzieren über den Preisvorteil die Infrastruktur, um normalem Diesel bis zu fünf Prozent Biodiesel beizumischen. Gewinner sind vor allem Landwirte. Für Biokraftstoffe hat die Politik die Tür zum Kraftstoffmarkt weit aufgestoßen. Hierzulande sind sie vorerst bis 2009 von der Mineralölsteuer befreit und laut einer EU-Förderrichtlinie sollen sie im Jahr 2010 schon 5,75 Prozent des europäischen Kraftstoffbedarfs decken. Eine Hauptrolle wird dabei Rapsmethylesther (RME oder landläufig Biodiesel) spielen, der einzige kurzfristig verfügbare biogene Kraftstoff.

Förderung zeigt Wirkung

Wegen der Steuerbefreiung können Tankstellen RME trotz höherer Herstellungskosten bis zu 20 ct/l billiger anbieten als fossilen Diesel, den der Staat mit 0,47 EUR/l besteuert. Das macht Biodiesel auch für Spediteure und Verkehrsbet riebe interessant. Denn ein LKW mit 120.000 km jährlicher Fahrleistung spart im RME-Betrieb 2.000 bis 3.000 EUR, häufigere Ölwechsel und Wartung eingerechnet. Das Sparpotential hat sich herumgesprochen: Vergangenes Jahr lieferte die deutsche Biodiesel-Branche zwei Drittel ihrer Gesamtproduktion von 850.000 t direkt an Speditionen und andere Flottenbetreiber. Der Rest ging an 1.800 Tankstellen, die hierzulande RME vertreiben.

Jüngst ist noch ein weiterer Großabnehmer hinzugekommen: die Mineralölindustrie. Bis auf Esso, die erst 2005 nachziehen, mischen seit einiger Zeit alle großen Tankstellenketten ihrem Diesel bis zu fünf Prozent RME bei. Bis zu dieser Grenze akzeptiert die Autoindustrie die Beimischung ohne Murren. Dagegen dürfen Dieselfahrer reinen RME künftig nur noch mit Sonderausstattung tanken. Selbst VW, der bisher biodieselfreundlichste Autokonzern, erteilt keine generellen Freigaben mehr, sondern bietet für neue Modelle ein Biodieselpaket an. Darin sorgt ein spezielles Motormanagement dafür, dass die gesetzlichen Abgasnormen auch beim Wechsel zwischen RME und mineralischem Diesel eingehalten werden. Das Paket kostet ca. 200 EUR Aufpreis.

Wie der Biodieselmarkt auf die Neuerung reagiert, ist unklar. Zwar amortisieren sich die Mehrkosten schnell. Doch wer bisher nur gelegentlich RME tankte, muss sich nun festlegen – Pluspunkt für die Beimischung. In seiner aktuellen PKW-Studie geht Shell davon aus, dass RME und Bioethanol in 15 Jahren ein Zehntel des Kraftstoffbedarfs decken werden – in beigemischter Form.

Doch das ist Zukunftsmusik. Denn noch können die Ölkonzerne nur in wenigen Regionen beimischen, weil zu wenig RME verfügbar ist. Die Biodiesel-Hersteller wollen ihre treue Kundschaft halten. So bleiben gegenwärtig nur 250.000 t von den insgesam t 1,1 Mio. t Jahreskapazität der Branche zum Beimischen. Kaum mehr als ein Tropfen in das über 28 Mio. t fassende Dieselfass, das in Deutschland jährlich geleert wird.

Um normalem Diesel wie beabsichtigt fünf Prozent RME beimischen zu können, bräuchten die Mineralölfirmen das Fünffache der derzeit lieferbaren Menge. Branchenkenner wie Reinhard Dreimann, beklagen bereits die Verknappung am Markt: “Seit die großen Konzerne beimischen, ist die Ware sehr knapp”, sagt der Prokurist der Firma Diersch & Schröder Minderalöl.

Indem Shell, BP und Total Elf Fina trotz der Lieferengpässe schon beimischen, wollen sie verhindern, dass die EU ihre weiche Förderrichtlinie in ein starres Gesetz gießt. Die Investitionen in die Beimisch-Infrastruktur soll Brüssel signalisie ren, dass man Biokraftstoffen durchaus gewogen ist – sofern sie lieferbar sind. Diese Geste fällt den Ölkonzernen um so leichter, als sie den Preisvorteil von RME in Tanks, Rohrleitungen und Mischer investieren, statt ihn an ihre Kunden weiterzugeben. Zwar wird man die neue Infrastruktur kaum auslasten können, solange RME der einzige pflanzliche Sprit am Markt bleibt. Doch schon bald sollen hierzulande erste Anlagen Bioethanol produzieren. Und der wird ebenfalls zu herkömmlichem Kraftstoff gemischt.

EU-Pläne scheinen utopisch

Bisher hinkt die Realität den EU-Plänen allerdings weit hinterher. Einzig in Deutschland reichen die Produktionskapazitäten annähernd, um nächstes Jahr (wie geplant) zwei Prozent des Kraftstoffbedarfs aus Pflanzen zu erzeugen. Doch hierzulande wird mehr RME produziert als im gesamten Rest der EU. Und auch der teils schon verfügbare Bioethanol kann die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht schließen. Vor diesem Hintergrund mutet das für 2010 gesetzte Ziel von 5,75 Prozent biogenem Anteil am Kraftstoffmarkt utopisch an. Selbst die hiesige Branche müsste ihre Anlagenkapazität binnen fünf Jahren verdreifachen: von jährlich 1,1 Mio. auf ca. 3,2 Mio. t RME (oder auch Bioethanol).

Biodiesel im profitablen Kreislauf

Unabhängig davon, ob die ehrgeizigen EU-Ziele erreicht werden, bietet der wachsende Markt Landwirten vielfältige Chancen. So profitiert etwa die Agro Bördegrün GmbH (BG), eine ehemalige LPG aus Niederndodeleben bei Magdeburg, bei jedem Schritt der Biodiesel-Produktion. In der Fruchtfolge alternierend baut Agro ständig über 500 ha Raps an, presst ihn in der eigenen Ölmühle und liefert das Öl ans Bio-Ölwerk Magdeburg. An dieser Veresterungsanlage, die seit März 2003 täglich 190.000 l RME produziert, hält die BG Anteile. Dazu verkauft sie dort produzierten Biodiesel an einer betriebseigenen öffentlichen Tankstelle. Und selbstverständlich tanken die Trecker und Schlepper ebenfalls Biodiesel – und schließen damit den wirtschaftlichen Kreislauf.

In diesem Kreislauf fallen zudem diverse Nebenprodukte an, die ebenfalls landwirtschaftlich genutzt werden. So bleiben in der Ölpresse des Ölwerkes täglich 135 t Rapskuchen übrig, die als Futtermittel etwa 130 EUR/t einbringen. Und bei der Veresterung entstehen täglich 1,5 t Fettsäuregemisch, die ebenfalls zu Tierfutter verarbeitet werden.

Das Biodiesel-Geschäft hat allerdings auch für Landwirte eine Grenze. Derzeit blüht der Raps auf 1,3 Mio. ha Ackerfläche. Laut der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen sollten in Deutschland nicht mehr als 1,8 Mio. ha Acker mit Raps bepflanzt werden. Das sei die Grenze des ökologisch Vertretbaren.

Quellen: Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen, Reinhardstr. 18, D-10117 Berlin, Fon 030/31904202, Fax 030/31904485, E-mail ufop@bauernverband.net, Internet www.ufop.de – AGRO Bördegrün GmbH, Ronald Westphal, Bahnhofstraße 1, D-39167 Niederndodeleben, Fon 039204/8590, Fax 039204/85923, E-mail BG-Dulz@t-online.de, Internet www.agro-boerdegruen.de

Source: UMWELT kommunale ökologische Briefe Nr. 13-14 vom 2004-06-30.

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