24 April 2011

Wie wichtig ist Recyclierbarkeit von Getränkeverpackungen?

Getränkekarton zeigt weniger Umweltauswirkungen als Glas oder Plastik

Als einzige Getränkeverpackung wird das Tetrapak in der Schweiz noch nicht rezykliert. Jedes Jahr landen 18.000 Tonnen davon in Kehrichtverbrennungsanlagen. Das ist zwar immerhin eine energetische Nutzung, aber trotzdem eine Verschwendung von Materialressourcen. Um die Ökobilanz ihres Produkts zu verbessern, wollten die Kartonhersteller die Verpackungen rezyklieren. Doch der Einzelhandel, vertreten durch die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS), hat diesen Vorschlag letzte Woche erneut abgelehnt.

Als Begründung nennt die IG DHS die jährlichen Kosten von 15 bis 20 Millionen Franken. «Angesichts der großen Mengen kommt die Rückschublogistik an Kapazitätsgrenzen, und es braucht zusätzliche Transporte», sagt Sibyl Anwander, Leiterin der Arbeitsgruppe Abfall und Recycling der IG DHS. «Wir haben sehr knappe Margen. Die Zeiten, wo man das bezahlen konnte, sind vorbei», sagt Anwander.

Schwere Schlappe
Das ist eine schwere Schlappe für den Karton und könnte dazu führen, dass die Verpackung vermehrt sowohl von Getränkeabfüllern als auch von Konsumenten gemieden wird. «Das Problem ist, dass die Getränkekartonhersteller stark von anderen Verpackungsherstellern konkurrenziert werden», sagt Michel Monteil vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Weil Kartons nicht rezykliert werden und in der Verbrennungsanlage in Rauch aufgehen, schlagen sie sich negativ in den Umweltberichten der Detailhändler nieder. Darum sind ihnen die Getränkekartons ein Dorn im Auge. «Häufig trifft man den Karton nicht mehr an, weil der Abfüller oder der Detailhändler sich für ein anderes Gebinde entschieden hat», sagt Monteil.

Doch wie ökologisch ist der Karton im Vergleich mit anderen Verpackungen tatsächlich? Fakt ist, dass er bei vielen negativen Umweltauswirkungen besser dasteht als Plastik oder Glas. Mit 28 Gramm pro Liter Milch oder Fruchtsaft ist er die leichteste Verpackung. So fällt beim Transport mit dem Lastwagen wenig CO2 an. Auch die verwendeten Materialien sind vorteilhaft. Zwar besteht ein Getränkekarton aus 5 Prozent Alu und 20 Prozent Plastik, aber die restlichen drei Viertel sind aus Holz. Damit ist der größte Anteil also eine CO2-neutrale Naturfaser.

Doch trotz diesen Vorteilen ist der grosse Holzanteil zugleich auch ein Problem. «Getränkekartons setzen die längsten und besten Fasern ein, die es gibt», sagt Monteil. Sie sind neuwertig und kommen frisch vom Baum. Denn nur sie besitzen genügend Stabilität, um dem Druck von einem Liter Flüssigkeit standzuhalten.

Kahlschlagverfahren
Wie viel Holz wir beim Milchtrinken «mit hinunterschlucken», zeigt sich im Waldverbrauch. Er liegt pro Karton bei drei bis zwölf Quadratdezimetern. Hochgerechnet auf den Schweizer Jahresverbrauch von 18.000 Tonnen Getränkekartons macht das rund 40 Quadratkilometer Wald. Ein Teil dieses Holzes stammt aus skandinavischen Urwäldern, welche von den Holzkonzernen im Kahlschlagverfahren geerntet werden, was zulasten der Artenvielfalt geht.

Hier triumphieren die Plastikflaschen, wie sie für Milch verwendet werden. Sie bestehen aus Polyethylen, dessen Herstellung keinen Wald beansprucht. Das ist ein Vorteil für die Biodiversität von Schweden, aber ein Nachteil für das Klima. Denn Polyethylen ist ein reines Erdölprodukt. Eine Studie der Umweltberatungsfirma Environmental Resources Management Limited aus Grossbritannien rechnet vor, dass in der Produktion einer Polyethylenflasche dreimal so viel CO2 steckt wie in einem Tetrapak.

Aber zum Glück gibt es noch die gute alte Glasflasche. Sie besteht im Wesentlichen aus Quarzsand, und der ist CO2-neutral, verbraucht keinen Wald und kann Dutzende Male erneut befüllt werden. Die perfekte Lösung? Nicht ganz. Denn bis aus Sand Glas wird, verbraucht der Hochofen Unmengen von Energie. Dazu kommt, dass Glasflaschen schwer sind, was sich beim Transport in einem höheren Treibstoffverbrauch niederschlägt.

Ist der Getränkekarton also doch die beste Wahl? Im Vergleich mit Glas-Mehrwegflaschen kam das deutsche Umweltbundesamt zu einem Unentschieden. Allerdings rezykliert man jenseits des Rheins schon lange einen Teil der Kartons. «Wir konnten zwischen beiden Produkten keine umfassenden ökologischen Vorteile feststellen», sagt Stefan Schmitz, der das Dossier jahrelang betreut hat. Er fügt jedoch hinzu: «Mehrweg ist in der Vielzahl der Fälle Einweg ökologisch überlegen.»

Die Deutsche Umwelthilfe kam nach der Durchsicht der unzähligen Studien zu diesem Thema zum selben Resultat. Deshalb stellt sie der Mehrweg-Glasflasche die beste Umweltverträglichkeit aus. Etwa gleich gut schneidet die PET-Mehrwegflasche ab, die zwar weniger oft befüllt werden kann, dafür aber leichter ist. Auf dem nächsten Platz folgt der Getränkekarton, der zu einem grossen Teil aus einem nachwachsenden Rohstoff besteht, aber eben nur einmal befüllt werden kann und anschliessend verbrannt oder teilweise im Ausland rezykliert wird.

Den letzten Platz bekommen alle anderen Einwegsysteme, bei denen die Verpackung meist aus einem Erdölprodukt besteht oder einem Material, dessen Herstellung viel Energie benötigt. Die Einweg-Glasflasche oder die Einweg-Aluminiumdose zählen dazu. Doch auch sie werden nach Gebrauch in ihre Grundsubstanzen zerlegt, um anschliessend in einem neuen Produkt wieder zum Einsatz zu kommen.

Es besteht also kein Grund, den Karton zu meiden, auch wenn er vorerst nicht wiederverwertet wird. «Bei 18.000 Tonnen Getränkekartons pro Jahr ist das ökologisch verkraftbar, insbesondere da die Kehrichtverbrennungsanlagen mit einem hohen Wirkungsgrad aus dem Energieinhalt der Abfälle Strom und nutzbare Wärme produzieren», sagt Monteil.

Source: NZZ Online, 2011-04-24.

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