17 Dezember 2010

Wie die Bundesforschungsministerin Biotechnologie und Landwirtschaft zur Bioökonomie vereinen will

Annette Schavan über "Die grüne Chemiefabrik der Zukunft"

PorträtWirtschaftsWoche: Frau Schavan, im Rahmen Ihrer High-Tech-Strategie wollen Sie die Agrar- und Biotechnik-Forschung vereinen. Das Ergebnis heißt Bioökonomie. Der Hoffnungsträger Biotechnologie findet sich in den Plänen kaum noch wieder. Warum?

Schavan: Die Biotechnologie ist eine tragende Säule der Bioökonomie, sie wird natürlich weiterhin gefördert. Aber nicht um ihrer selbst willen. Wir müssen uns in Zukunft an den großen Aufgaben orientieren: Die Energieversorgung muss auf nachwachsende Quellen umgestellt werden, weltweit wollen mehr Menschen denn je ernährt werden, und zugleich müssen wir sparsamer mit Ressourcen umgehen. Das kann nur gelingen, wenn wir verschiedene Disziplinen verbinden.

Früher wurden Technologien wie Nano oder IT gefördert. Ist das vorbei?

Gezielte Technologieförderung ist die Basis für die Lösung der großen Sachfragen. Zugleich gewinnt aber der interdisziplinäre Forschungsdialog an Bedeutung, der auf Themen wie Welternährung oder Klimaschutz ausgerichtet ist.

Arbeiten Forscher bei solchen Themen nicht längst fachübergreifend zusammen?

Ja, das tun sie. Aber gerade bei der Bioökonomie könnte es mehr Kooperation geben: Landwirte, Chemiker und Bioverfahrenstechniker arbeiten noch zu selten zusammen. Das wollen wir ändern. Zum Beispiel am Chemiestandort Leuna. Dort entwickeln 20 Partner aus Instituten und Unternehmen eine Bioraffinerie, die mit Holz statt mit Erdöl arbeitet. Sie soll 2011 in Betrieb gehen. Hier wird nicht nur aus Holz-Zellulose Treibstoff gemacht, hier wird auch erforscht, wie sich alle anderen Holzbestandteile nutzen lassen, etwa als Rohstoff für Kunststoffe oder Kleber. Das ist die grüne Chemiefabrik der Zukunft.

Im internationalen Sprachgebrauch steht Bioökonomie für Biomedizin. In Ihrer Definition taucht Gesundheit nicht auf.

Die Biomedizin ist gut aufgehoben im Rahmenprogramm Gesundheitsforschung, das gerade verabschiedet wurde. Da passt die Biomedizin am besten hin.

Und wo ist die weiße Biotechnologie abgeblieben, die Produktionsprozesse umweltschonender macht und so faszinierende Dinge wie Waschmittelenzyme entwickelt hat, die bei 30 Grad Celsius so sauber waschen wie bei 100 Grad? Darin ist Deutschland schließlich führend.

In Projekten wie Leuna steckt doch viel weiße Biotechnik. Im Übrigen fördern wir diesen Bereich als Erstes. Im Januar startet die Ausschreibung, es stehen 100 Millionen Euro Fördermittel bereit. Denn ohne die Hilfe der Enzyme, die Biotechnologen für die industrielle Nutzung von Agrarrohstoffen entwickelt haben, ließe sich aus Holz kein chemischer Rohstoff machen.

Sie haben die Bioökonomie-Förderung mit der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner gestemmt. Viele Biotechnologen klagen nun aber, dass die Agrarforschung zu prominent auftaucht. Hat Deutschland in Sachen Landwirtschaft überhaupt noch etwas zu bieten?

Inzwischen wieder. Wir haben vor drei Jahren mit dem Bauernverband und den Fakultäten darüber geredet, wie sich die Agrarforschung entwickelt hat. Mit der Erkenntnis, dass dringend Kräfte gebündelt werden müssen. Dann sind erste Projekte ausgeschrieben worden. Und seit 2009 fördert das Forschungsministerium den Aufbau von international wettbewerbsfähigen, exzellenten Kompetenznetzen in der Agrarforschung mit rund 40 Millionen Euro.

Und das Ergebnis?

Eine Neuordnung braucht natürlich Zeit. International stecken wir bereits in interessanten Projekten, etwa zur Landnutzung im westlichen und südlichen Afrika. Hier geht es um Wassermanagement und Überschwemmungsschutz sowie die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel.

Ist das unsere Stärke?

In Deutschland werden 82 Prozent der Flächen land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Jeder zehnte Arbeitsplatz steht mit der Land- und Ernährungswirtschaft in Verbindung. Damit sind wir vorbereitet auf neue Themen, die uns beschäftigen – vom Klimawandel bis zur Welternährung.

Welche Rolle spielt die grüne Gentechnik?

Deutschland hat sehr gute Forschergruppen und tolle Institute. Zugleich fühlen sich manche Forscher längst als Verfolgte einer Öffentlichkeit, die nach wie vor mit der grünen Gentechnik nur Gefahr verbindet. Das macht es nicht leicht, ihnen zu sagen: Bitte bleibt hier.

Sie haben als katholische Theologin eine positive Einstellung dazu?

Eine durch und durch positive. Das ist eine Technologie, von der ich überzeugt bin, dass sie einen Beitrag zum Problem Welternährung leistet. Sie kann Pflanzen widerstandsfähig machen gegen Wassermangel und Hitze. Die Probleme der Zukunft lassen sich ohne die grüne Gentechnik nicht bewältigen.

Ihre Amtskollegin Aigner sieht das anders. Wie werden Sie sich bei der gemeinsamen Bioökonomie-Förderung einigen?

Da geht es um Nuancen. Wir sind beide grundsätzlich der Meinung, dass diese Forschung gefördert werden muss. Ich fände es verantwortungslos, diese Zukunftstechnologie an Deutschland vorbeiziehen zu lassen. Ich setze alles daran, um bei Forschungsthemen insgesamt für Akzeptanz in der Bevölkerung zu werben.

Wie soll das konkret aussehen?

Ich werde künftig zu Bürgerdialogen einladen – auch zu Themen wie der High-Tech-Medizin. Dazu werde ich repräsentative Gruppen zum Gespräch bitten und die Gespräche ins Internet stellen. Wissenschaft zu erklären reicht nicht. Wir müssen viel öfter direkt mit den Leuten reden. Und unsere Forscher sind tolle Kommunikatoren, wenn man ihnen zuhört.

Wird die Politik gerade generell sensibler für die Vermittlung zum Bürger?

An vielen Stellen in Deutschland geht es zurzeit um Veränderungen, um große Projekte, die auch unter ökologischen Gesichtspunkten wichtig sind. Das können wir gut vermitteln. Aber für Politik und Wissenschaft ist es deshalb umso wichtiger, mehr mit den Bürgern zu kommunizieren.

Auch die Bioökonomie steht in der Kritik, denn Biomasse- und Lebensmittelhersteller machen sich die Anbauflächen streitig.

Die Weltbevölkerung wird von heute sechs auf neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 anwachsen. Im gleichen Zeitraum wird es deutlich weniger Anbauflächen geben. Schon daraus ergibt sich, dass diese wertvollen Böden nicht immer mehr zur Energiegewinnung genutzt werden dürfen. Es braucht einen ganzheitlichen Forschungsansatz, der sich bei der Herstellung von Biomasse auf nicht essbare Pflanzen und Stoffe konzentriert. Alles andere ist nicht überzeugend.

Source: wiwo-Interview vom 2010-12-17.

Supplier

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email