5 Januar 2006

Verbrennung von Getreide aus technischer und ethischer Sicht – NRW-Erlass erlaubt die Verbrennung

Über das Verbrennen von Getreide zur Energieerzeugung wird seit längerer Zeit aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert. Im Rahmen der Vorlesungsreihe “Perspektiven der Landwirtschaft in Deutschland” an der Universität Göttingen erläuterte Prof. Dr. Wolfgang Lücke vom Institut für Agrartechnik die Möglichkeiten und Grenzen aus technischer Sicht. Ein Heizwertvergleich zeige, dass 2,5 kg Getreide einen Liter Heizöl ersetzen könnten.

Die auf einem Hektar erzeugte Trockenmasse von rund 8 t könne somit unter günstigen Bedingungen eine Fläche von 800 m2 beheizen. “Einige Inhaltsstoffe des Getreides verursachen bei der Verbrennung Probleme, die aber technisch lösbar sind.” Der im Vergleich zu Holz hohe Stickstoffgehalt trage zur Bildung von Stickoxiden bei. Durch geringere Düngung oder die Züchtung von Energiegetreidesorten könne jedoch Abhilfe geschaffen werden.

Weitere bedenkliche Inhaltsstoffe seien Kalium und Chlor. Sie hätten negativen Einfluss auf das Verhalten der Asche (Verschlackung) bzw. verursachten eine stärkere Korrosion des Ofens. Um eine restlose Verbrennung zu gewährleisten, müsse der Verbrennungsprozess bei Getreide langsamer ablaufen. Damit wären größere und teurere Öfen notwendig.

Aus juristischer Sicht könnte Getreide zwar nach der TA-Luft als zulässiger Brennstoff anerkannt werden, jedoch nicht sein Einsatz in Kleinfeuerungsanlagen unter 100 kW (Bundesimmissionsschutzgesetz).

Derzeit sei die Technik noch aufwändiger als bei der Verbrennung von Öl oder Gas, mit der weiteren Verteuerung fossiler Brennstoffe und fortschreitender Entwicklung relativiere sich das Verhältnis aber zusehends.

Weitere Vorteile lägen in der besseren CO2-Bilanz und der Förderung der Wertschöpfung in der Region. Lücke plädierte für einen weitgefächerten Energiemix, der auch die Verbrennung von Getreide einschließe. “Aufgabe der Universitäten muss es sein, intelligente Systeme für die Landwirtschaft zu entwickeln und den Landwirten Argumente an die Hand zu geben.”

Der Göttinger Theologe Prof. Dr. Reiner Anselm erörterte die Problematik aus ethischer Sicht. Unter Abwägung verschiedener Gesichtspunkte, die für (begrenzte Energiereserven, CO2-Neutralität, Landwirt als Energiewirt) oder gegen die Verbrennung von Getreide (Tabubruch, Vernichtung von Nahrungsmitteln) zur Energiegewinnung sprechen, sprach er sich für ein “vorsichtiges Ja” zur Verbrennung von Getreide aus. Voraussetzung sei allerdings eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln. Dabei stellte er klar, dass dieses Problem global gelöst werden müsse und wies auf die begrenzte Reichweite der eigenen Entscheidung hin.

In Nordrhein-Westfalen ist künftig das Verheizen von Energiegetreide möglich. Das regelt ein Erlass des nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministeriums vom Dezemer 2005. Danach können Land- und Gartenbaubetriebe sowie agrargewerbliche Betriebe (z.B. Mühlen) eine Ausnahmegenehmigung erhalten, Getreide, das nicht für die Nahrungsmittelproduktion geeignet ist, energetisch zu verwerten.

(Vgl. Meldung vom 2005-10-25.)

Source: aid infodienst vom 2006-01-04.

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