10 April 2002

Transgene Medikamente aus Feldfrüchten

In abgeschirmten Gewächshäusern junger Gentech-Firmen – auch in Deutschland – wachsen bereits Pflanzen mit Erbgut für gezielt wirksame, pharmazeutisch nutzbare Proteine heran. Substanzen zur Abwehr von Bakterien, zur Bluter-Therapie oder für Krebsdiagnosen befinden sich dann in Tabak-, Kartoffel- oder Rapsblättern, aus denen sie nach der Ernte isoliert werden können. “Aus den Pflanzen werden Biofabriken”, erklärt Stefan Schillberg vom Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie (IME) in Aachen. Und während in Europa noch über den Einsatz von Gentechnik im Pflanzenbau und in der Medizin diskutiert wird, sind Produktionsverfahren mit Einsatz von Gentechnik z.B. in der Pharmaproduktion von z.B. Insulin bereits etabliert. Fast ein Fünftel ihres Umsatzes erzielt die Pharmaindustrie schon heute mit Hilfe von gentechnischen Methoden, Tendenz steigend.

Mit Recht wittern die Konzerne das lukrative Geschäft, soll doch Prognosen zufolge etwa das weltweite Marktvolumen für therapeutische Antikörper von heute rund 3 Mrd. auf 24 Mrd. US-Dollar im Jahr 2010 steigen. Die Vorteile von Pflanzen als Pharmafabrik – man spricht bei ihrem Anbau auch von Molecular Farming – liegen in der Produktion von großen Wirkstoffmengen und bedarfsgerechter Anpassungsmöglichkeit der Kulturen. So können Eiweiße in Pflanzen zehn- bis fünfzigmal günstiger produziert werden als im Fermenter, bei denen ständig Temperatur, Säuregehalt und Nährstoffe reguliert werden müssen, weiß Schillberg.

Offene Fragen, vor allem zur biologischen Sicherheit des Molecular Farming, gibt es immerhin: Wie kann verhindert werden, dass Nahrungspflanzen voller pharmazeutischer Wirkstoffe nicht eines Tages irrtümlicherweise von Mensch oder Tier gegessen werden? Was passiert, wenn solche Pflanzen ihr Erbgut ungewollt per Pollenflug an andere Kulturen weitergeben? ” Von den Sicherheitsanforderungen her steht das „Molecular Farming“ noch eine Stufe über der grünen Gentechnik”, sagt Joachim Schiemann, Gentechnik-Experte an der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig. Noch bleibt es in der Diskussion, wie ein sicheres “Containment” (Zurückhalten) realisiert werden kann. MPB Cologne etwa nutzt ein patentiertes Verfahren, um die Gene zur Wirkstoffproduktion in den Kartoffeln erst nach der Ernte zu aktivieren. Forscher Schillberg bevorzugt Tabakpflanzen, “weil sie nicht in die Nahrungskette gelangen können”. Greenovation Biotechnology geht mit seiner Produktionstechnik sogar ganz auf Nummer sicher, denn ihre transgenen Moose dürfen nur in sterilen Bioreaktoren aus Glas wachsen.

Bislang hat noch kein Unternehmen eine Freisetzungsgenehmigung beantragt. “Freisetzungen werden noch ein paar Jahre auf sich warten lassen”, sagt BBA-Experte Schiemann, und so lange die grüne Gentechnik in Europa so wenig Sympathien findet, hat auch das Molecular Farming im Freiland keine Chance. So sind die entsprechenden Firmen gezwungen, ihre Feldversuche auszulagern: MPB Cologne und das Kieler Unternehmen Planton haben bereits Kontakte nach Kanada geknüpft, um dort ihre transgenen Kartoffeln anzubauen. “Es ist wenig sinnvoll, mit dem Molecular Farming in Europa zu beginnen”, sagt MPB-Chef Klaus Düring. “Wenn wir Verträge mit Pharmafirmen schließen wollen, müssen wir Produktionsgarantien geben können. Wir haben Wagniskapital erhalten, um damit Geld zu verdienen, nicht um die Politik hier zu Lande zu ändern.”

Source: BerlinOnline vom 2002-04-10.

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