28 September 2004

Strohhaus: Nicht nur für Liebhaber!

Wie lebt es sich im Strohballenhaus? Ein Wendländer Pionier berichtet.

Im Zuge der amerikanischen Öko-Bewegung während der 70er-Jahre wurde sie wieder entdeckt – inzwischen hat die Stroh-Lehm-Bauweise für einen Bauboom auf dem gesamten amerikanischen Kontinent gesorgt, nachdem der US-Bundesstaat Neu Mexiko 1991 Richtlinien für den Bau von Häusern aus Lehm und Stroh hinsichtlich des Erdbeben-, Brand-, und Windschutzes erlassen hatte. Mit ersten Versuchsbauten in Recklinghausen waren Harald Wedig und Martin Oelmann 1995 die deutschen Pioniere in Sachen Strohbau, im Jahr 2000 errichtete Architekt Dirk Scharmer aus der niedersächsischen Stadt Lüchow das erste Strohhaus im Wendland.

Auch Olaf Kröger und seiner Familie half er, den Traum vom Strohbungalow zu erfüllen: Komprimierte Strohballen, verputzt mit Lehm aus einem nahe liegenden See: “Der sauberste Baustoff”, freut sich Kröger, “und direkt vor der Haustür!” Die Vorzüge dieser Materialien: Angenehme Kühle trotz drückender Hitze draußen – und ein wohliger Geruch. “Seit einem halben Jahr wohnen wir jetzt hier”, sagt der Hausherr. “Die frische Luft ist jedem Besucher zuerst aufgefallen. Alle äußerten sich zu dem guten Raumklima, unaufgefordert.” Die atmungsaktive Bausubstanz besitzt die Eigenschaft, Feuchtigkeit zu regulieren und ist ein vorzügliches Dämmmaterial, das in der kalten Jahreszeit Wärme speichert und bei hohen Außentemperaturen für Kühlung sorgt.

Baugenehmigungen für Wohnhäuser werden derzeit nur in Einzelfällen erteilt. Zahlreiche Tests laufen noch und ein Antrag auf generelle Zulassung von Stroh und Lehm als offiziell anerkannte Baustoffe ist gestellt. So muss das stark komprimierte Baumaterial zum Beispiel bei der Materialprüfungsanstalt Braunschweig einer 1.000 Grad heißen Dauerbeflammung von 30 Minuten stand halten, um als “normal entflammbar” zu gelten. Schädlingsbefall? Kröger winkt ab: “Das Material ist so hart, da haben Schädlinge keine Chance. Natürlich kommt es hier darauf an, wie sorgfältig man arbeitet.”

Sorgfalt ist auch ein Thema bei der Vermeidung von Schimmel. Das Stroh darf vor dem Putz höchstens 15 Prozent Feuchtigkeit enthalten. Dank seiner Erfahrung konnte sich Olaf Kröger auf seine Schätzung verlassen: “Ich habe für dieses Haus 2.300 Strohballen verbaut. Ganz automatisch bekommst du da ein Gespür für das Gewicht und den Feuchtigkeitsgehalt. An die 100 Strohballen habe ich aussortieren müssen. Aber am Abend haben wir dann die noch unverputzten Wände ordentlich abgedeckt.” Der Lehm selbst wird mit so genannten effektiven Mikroorganismen angereichert. Die sollen schimmelfreie Wände auf Lebenszeit garantieren. Lehmputzer aus früheren Zeiten sollen dafür Pferde-Urin verwendet haben.

Prunkstück des Hauses ist ein großer Lehmofen mit einer geschwungenen Ofenbank, von dem aus sich verputzte Kupferrohre über die Wände verzweigen. Lehmwände bilden gesunde Strahlungswärme, die sich rasch und gleichmäßig im Raum verbreitet. Es kommt nicht zur Bildung unterschiedlich temperierter Luftschichten, die sich bewegen. Lehmhausbewohner leben deshalb relativ staubfrei.

Inzwischen haben auch die Nachbarn, Florian und Susanne Schier, ihr zweistöckiges Einfamilienhaus aus den ökologischen Rohstoffen errichtet. Kündigt sich hier ein neuer Trend an?

Infos unter www.das-strohhaus.de oder www.fasba.de.

(Vgl. Meldungen vom 2004-04-05, 2003-06-26 und 2002-11-12.)

Source: Hamburger Abendblatt vom 2004-09-18.

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