3 November 2006

Stern-Review: Bericht warnt vor katastrophalen Folgen einer Verzögerung von Maßnahmen gegen den Klimawandel

“Es besteht kein Zweifel daran, dass die Folgen für unseren Planeten buchstäblich katastrophal sind, wenn die Wissenschaft Recht hat. Und diese Katastrophe wird sich nicht in irgendeiner Science-Fiction-Zukunft in vielen Jahren abspielen, sondern zu unseren Lebzeiten.” Dies waren die Worte des britischen Premierministers Tony Blair anlässlich der Veröffentlichung eines neuen Berichts zum Klimawandel.

Der nach seinem Verfasser Sir Nicholas Stern benannte Bericht “Stern Review” schlägt Alarm hinsichtlich der wahrscheinlichen Auswirkungen des Klimawandels, wenn die Welt weiterhin einen “Business-as-usual”-Ansatz verfolgt. Er hebt aber auch hervor, was jetzt getan werden kann, um die Auswirkungen zu verringern. Der Bericht stürzt auch die Theorie, dass eine Verringerung der Emissionen der Wettbewerbsfähigkeit schade.

Der derzeitige Gehalt von Treibhausgasen in der Atmosphäre entspricht rund 430 Teilen pro Million (parts per million – ppm) an CO2. Ein Vergleich mit der Atmosphäre vor der Industriellen Revolution, als der Gehalt bei 280ppm lag, zeigt, wie viel Emissionen wir bereits verursacht haben. Diese Konzentrationen haben bereits zu einer Erwärmung der Erde um mehr als 0,5 Grad Celsius geführt und werden dem Bericht zufolge aufgrund der Trägheit des Klimasystems in den nächsten Jahrzehnten eine Erwärmung um mindestens ein weiteres halbes Grad bewirken.

Selbst wenn der jährliche Emissionsfluss nicht über die heutige Rate steigen würde, würde der Gehalt an Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf 550ppm und damit auf das Zweifache der vorindustriellen Zeit ansteigen. Da sich der jährliche Emissionsfluss beschleunigt, da schnell wachsende Volkswirtschaften in kohlenstoffreiche Infrastrukturen investieren und die Nachfrage nach Energie und der Verkehr zunehmen, könnte der Gehalt von 550ppm bereits im Jahr 2035 erreicht werden.

Es ist schwierig, die genauen Auswirkungen vorherzusagen, die dies wahrscheinlich auf die globalen Temperaturen haben wird, aber Modelle gehen von einer Erhöhung um über zwei Grad Celsius aus.

Die Erwärmung wird Folgendes bewirken: Schmelzen der Gletscher und somit eine erhöhte Flutgefahr und eine Reduzierung der Trinkwasservorräte; Rückgang der Ernteerträge; Mangelernährung und Hitzebelastung; Ausbreitung übertragbarer Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber; Ausrottung von 15 bis 40 Prozent der Arten.

Die ärmsten Länder werden am meisten leiden, aber auch der Westen wird nicht immun gegen Naturkatastrophen sein. Eine Erhöhung der Hurrikan-Windgeschwindigkeit um fünf bis zehn Prozent aufgrund steigender Meerestemperaturen wird die jährlichen, durch Schäden verursachten Kosten in den USA voraussichtlich etwa verdoppeln.

Im UK könnten sich die jährlichen Kosten durch Überschwemmungen vom heutigen Niveau von 0,1 Prozent des BIP auf 0,2 bis 0,4 Prozent erhöhen, wenn die Temperaturen um drei oder vier Grad Celsius steigen. Hitzewellen wie die in Europa im Jahr 2003, als 35.000 Menschen starben und sich die landwirtschaftlichen Verluste auf beinahe zwölf Mrd. EUR beliefen, werden bis Mitte dieses Jahrhunderts gang und gäbe sein.

“Einige Leute werden bei einem solchen Thema immer ihre Zweifel haben, unter anderem weil die Folgen so erschreckend sind”, sagte Blair. “Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die wissenschaftlichen Beweise für die durch Treibhausgasemissionen verursachte globale Erwärmung jetzt überwältigend sind.”

Obwohl die Ergebnisse von Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, möglicherweise viele Jahre lang nicht sichtbar sein werden, ist es nicht zu spät, um die globale Erwärmung zu verlangsamen. Im “Stern Review” werden vier Möglichkeiten für die Reduzierung der Treibhausgasemissionen hervorgehoben: Reduzierung der Nachfrage nach emissionsintensiven Waren und Dienstleistungen; gesteigerte Effizienz; Maßnahmen zu Nicht-Energie-Emissionen wie Vermeidung von Abholzungen; Umstellung auf kohlenstoffarme Technologien für Energie, Wärme und Verkehr.

Keine dieser Möglichkeiten muss die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen, macht der Bericht klar: “Trotz des historischen Musters und der [Business as usual] Prognosen muss sich die Welt nicht zwischen der Verhinderung des Klimawandels und der Förderung von Wachstum und Entwicklung entscheiden. Veränderungen bei den Energietechnologien und der Struktur der Volkswirtschaften haben die Reaktionsfähigkeit von Emissionen auf das Einkommenswachstum verringert, insbesondere in einigen der reichsten Länder.”

Der Bericht empfiehlt einen Technologiemix: “Es ist höchst unwahrscheinlich, dass eine einzige Technologie alle notwendigen Emissionseinsparungen liefern wird, weil alle Technologien gewissen Einschränkungen unterliegen, und aufgrund der breiten Palette von Aktivitäten und Sektoren, die Treibhausgasemissionen erzeugen.” Der Bericht ergänzt, dass es außerdem bislang noch unklar sei, welche Technologien am kostengünstigsten sein werden.

Sir Nicholas räumt ein, dass der Privatsektor die Innovation am stärksten vorantreibt. Er fordert aber die Regierungen auf, mehr zu tun, um Forschung und Entwicklung (F&E) sowie die internationale Forschungszusammenarbeit zu fördern. “Die Technologiezusammenarbeit ermöglicht eine Risikoteilung und gemeinsame Erfolge und Fortschritte in Bezug auf die Technologieentwicklung sowie eine Koordinierung der Prioritäten”, schreibt er.

“Ein globales Portfolio, das sich aus individuellen nationalen F&E-Prioritäten und Entwicklungsunterstützung zusammensetzt, ist möglicherweise nicht vielfältig genug und legt wahrscheinlich zu wenig Gewicht auf einige Technologien, die besonders wichtig für Entwicklungsländer sind, wie beispielsweise Biomasse”, heißt es in dem Papier. Der Bericht fordert weiter formale multilaterale Forschungsabkommen, informelle Vorkehrungen für eine intensivere Zusammenarbeit und verstärkte Verbindungen zwischen nationalen Programmen.

Der britische Schatzkanzler Gordon Brown hat bereits ehrgeizige Ziele für neue Technologien im Sinn. “Nehmen wir einmal Biokraftstoffe – ich bin entschlossen, dass wir Biokraftstoffe aus Palm- und Rapsöl bis hin zu Soja und Zucker verwenden, und dann schließlich Biokraftstoffe auf Zellulosebasis und möglicherweise sogar Wasserstoff, um Benzin und Diesel durch kohlenstoffarme oder -freie Alternativen zu ersetzen”, sagte er anlässlich der Veröffentlichung des Berichts. Er kündigte die Einrichtung einer neuen gemeinsamen Task Force mit Brasilien, Südafrika und Mosambik zur Förderung der Entwicklung nachhaltiger regionaler Biokraftstoffe an.

“Aber wir werden noch weiter gehen”, fügte Brown hinzu. “Wir werden im Rahmen künftiger Haushalte auch Anreize für Biokraftstoffe auf Zellulosebasis der nächsten Generation schaffen – sodass Großbritannien hiermit sowie mit anderen Anreizen zur Reduzierung von Emissionen, dem Energietechnologieinstitut zur Förderung der Innovation und internationalen Vereinbarungen zum Erzielen eines Konsens führend in Bezug auf die Schaffung einer wachstumsintensiven, kohlenstoffarmen Wirtschaft sein wird. Der Klimawandel ist also nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance.”

Blair beendete seine Rede mit der Forderung von Maßnahmen. “Wir wissen, dass es passiert. Wir kennen die Folgen für unseren Planeten. Wir wissen jetzt, dass schnelles Handeln eine Katastrophe verhindern wird, und Investitionen zur Verhinderung der Katastrophe werden sich um ein Vielfaches auszahlen. Wir werden keine Erklärung für künftige Generationen haben, wenn wir versagen.”

Der Bericht “Stern Review” ist abrufbar unter:
hier klicken

Kategorie: Sonstiges
Informationsquelle: Britische Regierung
Referenz: Gestützt auf Angaben der britischen Regierung
Programm – Akronym: MS-UK C
Thematischer Indexkode: Koordinierung, Zusammenarbeit; Wirtschaftliche Aspekte; Umweltschutz; Strategien; Wissenschaftliche Forschung

(Vgl. Meldung vom 2006-04-27.)

Source: Cordis-Nachrichten vom 2006-10-31.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email