26 Oktober 2006

Schweiz: Neue Perspektiven für Hanf als Textilfaser

Aus in der Schweiz angebautem Industriehanf können hochwertige Textilfasern hergestellt werden, die sich auf Maschinen der Baumwollverarbeitungskette zu reinen Hanfgarnen verspinnen lassen. Das demonstrierte eine ETH-Forscherin. Die Arbeit könnte einen Beitrag liefen, dass sich der legale Hanf und seine Produkte in der Schweiz als Labelprodukte etablieren können.

Der Hanfanbau hat in der Schweiz trotz Förderung durch den Bund immer noch einen Exotenstatus. So steht zum Thema auf der Webseite der Schweizer Bauern: “Die etwas exotischeren Kulturen, wie Chinaschilf, Kenaf, Hanf und Leinen, haben dagegen wieder an Bedeutung verloren.” Diese mangelnde Bedeutung des Hanfs ist darauf zurückzuführen, dass das in der Landwirtschaft anfallende Hanfstroh nicht ohne neue Aufarbeitungs- und Veredelungsschritte rentabel industriell verarbeitet werden kann.

Das könnte sich aber bald ändern. Denn Marianne Leupin, ETH-Forscherin am Institut für automatisierte Produktion von Professor Urs Meyer, ist es in mehrjähriger Entwicklungsarbeit gelungen, aus Industriehanf hochwertige Fasern zu gewinnen, die sich auf einer Rotorspinnmaschine der Baumwollkette zu einem reinen Hanfgarn verspinnen lassen.

Industriehanf als Basis für hochwertige Textilstoffe wählte Marianne Leupin aus folgenden Gründen: Die Pflanze kann in der Schweiz angebaut werden. Sie weisst einen höheren Faserertrag pro Hektar auf als beispielsweise Baumwolle oder Flachs. Hanf braucht keine Pflanzenschutzmittel und kann dadurch biologisch angebaut werden. Zudem zeichnen sich die daraus hergestellten Textilien durch die gleichen positiven Eigenschaften aus wie Leinen, nämlich durch gute Temperaturregulierung und Feuchtigkeitsaufnahme.

Entholzen mit Hilfe eines Mähdreschers
Der für die Forschungsarbeit von Marianne Leupin benötigte Industriehanf wurde an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope in Tänikon oder beim Bauer Andreas Maag in Zweidlen angebaut. Dabei untersuchte die ETH-Forscherin, unter welchen Anbaubedingungen und zu welchem Erntezeitpunkt sich Fasern gewinnen lassen, welche sich für eine textile Nutzung eignen.

Marianne Leupin schlägt nun für die Entholzung vor, den Hanf nicht wie in Europa üblich, zuerst auf dem Feld zu rösten und dann trocken zu entholzen, sondern diesen Schritt direkt während der Ernte im noch frischen Zustand durchzuführen. Der Grund dafür liegt darin, dass so allfällige durch die Feldröste hervorgerufene Faserschädigungen und durch die Trockenentholzung bedingte Faserverkürzungen ausgeschlossen werden können. Als idealer Erntezeitpunkt für die vorgeschlagene Frischentholzung erwies sich der Beginn der männlichen Blüte.

Aufgrund des Vorschlages von Andreas Maag wurden die Untersuchungen zur Frischentholzung in Tänikon mit einem normalen Mähdrescher durchgeführt. Ein zukünftiges Ernteverfahren sollte gemäss der ETH-Wissenschaftlerin folgende Arbeitsschritte enthalten: Abschneiden der Stängelspitzen, Schneiden der Stängel in 30 Zentimeter lange Stücke, Quetschen der Stängelstücke, Entholzen mit Hilfe eines Ein- oder Mehrtrommel-Dreschwerkes und schliesslich das Abtrennen vom Bast von den übrigen Pflanzenteilen durch das Schüttelwerk des Mähdreschers. Im Idealfall kann danach der Bast auf dem Feld getrocknet werden.

Feiner als Jeansgarn
Für die Gewinnung der Fasern aus dem Bast verwendete die Wissenschaftlerin ein chemisches Verfahren. Dieses führte zu Fasern, die sich für die textile Weiterverarbeitung eignen. Die anschliessende Aufarbeitung zu einem sogenannten Streckenband erfolgte bei der SLG Textil AG in Zweidlen. Die anschliessende Garnherstellung wiederum fand auf der Rotorspinnmaschine des ETH-Instituts statt. Dabei gelang es Marianne Leupin Garne von einer Feinheit von 50tex herzustellen. Das bedeutet, dass ein Kilometer dieses Garns 50 Gramm wiegt. Normale Jeans benötigen Garne von100tex, sind also aus gröberen Fäden gewoben.

Hanf als Ersatz für die Tabak- und Zuckerproduktion?
Insgesamt ist die Forscherin aufgrund ihrer Arbeit, welche die ganze Produktionskette vom Samen bis zum Hanfgarn durchleuchtet, überzeugt, dass Industriehanf in der Schweiz als Labelprodukt im Textilbereich gute Chancen hat. Auch die Basis für weitere Forschungsarbeiten ist gelegt. Als ein nächstes Ziel will Marianne Leupin ein nachhaltiges Faseraufschlussverfahren entwickeln, um mit den Hanffasern in den Preisbereich der Baumwolle vorstoßen zu können. Wenn dies gelingt, so die Forscherin, biete die alte Kulturpflanze Hanf der Schweiz die Chance, sich – ohne Arbeitsplatzverlust – aus dem stark subventionierten Tabakanbau und dem durch die WTO Verhandlungen gefährdeten Zuckerrübenanbau zurückzuziehen.

Source: Schweizerbauer.ch vom 2006-10-25.

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