11 Juli 2003

Schnapsbrenner: Rettung durch Bioethanol nach Ende des Alkoholmonopols?

Stimmung in der deutschen Schnapsbrenner-Branche ist angespannt – und hoffnungsvoll zugleich

Das deutsche Schnapsmonopol, das seit 1918 den deutschen Brennereien eine Garantieabnahmemenge durch den Staat sowie einen Literpreis für Rohalkohol garantiert, der momentan etwa 4,5 Mal über dem Weltmarktpreis liegt, ist EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti schon länger ein Dorn im Auge. Diese Subventionspraxis will Monti komplett abschaffen, auch wenn hierfür noch keine Frist feststeht.

Für die 200 größten deutschen Schnapsbrennereien könnte Bioethanol vielleicht die Rettung darstellen. Aus Zuckerrüben oder Getreide hergestellter Alkohol, auch Bioethanol genannt, kann dem handelsüblichen Benzin bis zu 5% unbedenklich beigemischt werden. Dies wären in Deutschland pro Jahr rund 370 Mio. Hektoliter – ein lukrativer Markt für Landwirtschaft und Brennereien, zumal Bio-Treibstoffe sowohl von der EU als auch von Berlin Unterstützung erfahren. So fordert Brüssel von seinen Mitgliedstaaten, bis zum Jahr 2010 5,75% ihres Energiebedarfs aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen. Die Bundesregierung hat Öko-Treibstoffe wie Bio-Diesel oder Bioethanol von der Mineralölsteuer befreit – was derzeit pro Liter 65,5 Cent ausmacht.

Eine vom Verbraucherschutzministerium in Auftrag gegebene Studie der Kölner Firma Meó Consulting Team kommt zu dem Ergebnis, dass großtechnische Betriebe bei einem Absatz von mindestens 1,2 Mio. Hektolitern pro Jahr Gewinn bringend Ethanol produzieren können. Der Umstieg auf großtechnische Produktionen wird laut Meó die Produzentenstruktur vollkommen verändern: “Die bisherige Angebotsstruktur im deutschen Alkoholmarkt wird durch Bioethanol völlig verändert werden. Zuckerindustrie und Getreidehändler, aber auch die führenden deutschen und europäischen Alkoholproduzenten planen die Errichtung von großen Anlagen und werden wegen ihrer Kostenvorteile die kleineren Anbieter vom Markt verdrängen.”

Bevor die großen Investitionen starten, wartet die Branche noch auf zwei Signale. Zum einen erhofft sie ein Importverbot für Bioethanol von außerhalb der EU – obwohl dies kaum umsetzbar scheint, der aktuelle Einfuhrzoll von 19,2 Cent pro Liter Alkohol dürfte aber genügen, um Ethanol aus der EU wettbewerbsfähig zu machen.

Die zweite Forderung formuliert Günter Jakobiak, Vorstand bei Nordzucker in Braunschweig, so: “Erst wenn die Mineralölwirtschaft dem Ottokraftstoff fünf Prozent Bioethanol beimischen muss, wagen wir uns an die hohen Investitionen.” Seine Firma würde gerne noch in diesem Jahr mit dem Bau einer 100 Mio. EUR teuren Anlage für jährlich 2,6 Mio. Hektoliter Bioethanol beginnen. (Vgl. Meldung vom 2002-06-11.)

Auch der Abfall aus der Ethanolproduktion, die Schlempe, lässt sich wirtschaftlich verwerten, etwa als Futtermittel oder in Biogasanlagen, die die Brennereien mit Energie versorgen könnten.

(Vgl. Meldungen vom 2003-02-24 und 2003-05-08.)

Source: Financial Times Deutschland vom 2003-07-01.

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