14 Februar 2006

Roggen zu Sprit: Brandenburg setzt auf Bioethanol

In Brasilien fahren über 14 Millionen Autos mit Bioethanol aus Zuckerrohr. In Schweden soll es Ende 2006 schon rund 600 Tankstellen für Bioethanol geben, das aus Holz erzeugt wird. Die USA waren 2004 mit 10,6 Millionen Tonnen größter Bioethanol-Hersteller aus Mais. In Deutschland liegt die Jahreskapazität bei nur 0,8 Millionen Tonnen. Brandenburg will jetzt aufholen.

Rund 550.000 Tonnen Roggen werden in Schwedt jährlich zu 180.000 Tonnen Bioethanol verarbeitet. Das hängt auch mit den märkischen Böden zusammen, die sich vielerorts vor allem für den Roggen-Anbau eignen: Fast 45 Prozent der Getreideflächen werden mit Roggen bestellt.

Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung stieg die Anbaufläche für Roggen in Brandenburg um 65 Prozent auf weit über 250.000 Hektar. Etwa ein Viertel des deutschen Roggens wächst nach Angaben des Landes- Agrarministeriums in Brandenburg. Im Ernährungsbereich verliert Roggen aber an Bedeutung. Der Pro-Kopf-Verbrauch sank im vergangenen Jahrzehnt von 11,1 auf 10,2 Kilogramm.

Das Centrum für Energietechnologie Brandenburg (Cebra) will nun – unterstützt vom Agrarministerium – die energetische Verwertung von Roggen vorantreiben. Während derzeit im Lande Bioethanol in für Automotoren zugelassener Qualität nur an einzelnen Tankstellen gezapft werden kann, soll dies in einem Jahr bereits an 20 Orten möglich sein. Das berichtet Klaus Schwarz, bei Cebra Projektleiter Bioenergie Lausitz.

Allerdings sei noch nicht klar, welche Auswirkungen eine mögliche Steuer auf Bioethanol haben werde. Ein Liter Bioethanol (Benzin mit 85 Prozent Biokraftstoffanteil) kostet derzeit zumeist weniger als 90 Cent. Bioethanol muss zu 15 Prozent mit Benzin versetzt werden, damit es nicht für Spirituosen genutzt werden kann. Ein Handikap für preisbewusste Autofahrer sind derzeit nicht nur fehlende Tankstellen, sondern auch fehlende Fahrzeuge.

Ford (Focus und C-Max) und demnächst Saab (9-5) bieten hier zu Lande Flexible Fuel Vehicles (FFV) an, die wahlweise mit Bioethanol und Benzin betrieben werden können. Der Aufpreis beträgt etwa 300 Euro. VW bietet FFV-Autos nur in Brasilien an.

Die Europäische Union will aus ökologischen Gründen den Anteil von Biokraftstoffen bis 2010 von derzeit zwei auf 5,75 Prozent erhöhen. Dies soll vornehmlich durch Beimischungen zum aus Erdöl erzeugten Kraftstoff (Diesel und Benzin) geschehen. Dies würde die Kraftstoffe eher verteuern, denn die Mineralölkonzerne hätten das Beimischen schon als aufwändig bezeichnet, sagt Schwarz. Reine Biokraftstoffe profitieren dagegen von ihrer Steuerbefreiung bis einschließlich 2009. Ob dieser Vorteil erhalten bleibt, wird gegenwärtig in der Politik diskutiert.

Ländliche Kreisläufe

Das Cebra setzt daher keineswegs vorrangig auf Bioethanol als Treibstoff. Vielmehr soll Bioethanol dazu dienen, ländliche Produktionskreisläufe anzukurbeln, wie Schwarz erläutert. Während 2005 in Schwedt (180.000 Tonnen pro Jahr) und Zörbig bei Halle (80.000 Tonnen) Großanlagen für Bioethanol entstanden, will das Cebra viele kleine initiieren, die es auf je etwa 8.000 Tonnen pro Jahr bringen. Dabei könnten auch die bestehenden 22 brandenburgischen Brennereien einbezogen werden, die laut Schwarz nur zu 45 Prozent ausgelastet sind.

Der Ablauf sähe so aus: Landwirte bauen Roggen an und liefern ihn an eine Bioethanolanlage oder bzw. eine Brennerei. Beim Herstellen des Alkohols wird dem pflanzlichen Gut Stärke entzogen. Es bleibt neben dem Bioethanol ein stärkeloser pflanzlicher Rest, genannt Schlempe, zurück. Diese eignet sich hervorragend für die Schweinemast, ergibt festes, mageres Fleisch. Aus der Gülle der Tiere, gegebenenfalls auch aus Schlempe, kann Biogas erzeugt werden. Das Gas dient zur Stromerzeugung, anfallende Vergasungswärme kann in der Bioethanolanlage wieder verwendet werden.

Vorteil gegenüber Biodiesel

Hinsichtlich der energetischen Ausbeute sieht Schwarz Bioethanol gegenüber Biodiesel im Vorteil. Biodiesel könne nur aus den ölhaltigen Teilen ganz bestimmter Pflanzen gewonnen werden. Beim Raps sei das nur etwa ein Fünftel der Pflanze. Bioethanol sei in der Herstellung nicht auf ölhaltige Pflanzen begrenzt. Die Biomasse könne zudem voll verwertet werden.

Hintergrund Bioethanol-Tankstellen

Zapfsäulen für Bioethanol gibt es bundesweit nur sehr wenige. In Brandenburg gibt es laut Cebra derzeit nur eine Bioethanol-Tankstelle, an der dieser Biokraftstoff in der höchstmöglichen Konzentration, also mit nur 15 Prozent Benzinanteil, erhältlich ist. Sie befindet sich im Dorf Weseram östlich der Stadt Brandenburg. In der Lausitz sind laut Cebra Tankstellen in Cottbus sowie in Großräschen oder Altdöbern im Gespräch.

(Vgl. Meldung vom 2006-02-07.)

Source: Lausitzer Rundschau Online vom 2006-02-14.

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