30 Mai 2006

Roggen: Heute Brot – morgen Kleidung und Farbe?

Funktionskleidung aus Kunstfasern ist wasserfest, winddicht, atmungsaktiv – und sie wird fast immer aus Erdöl hergestellt. Dass dieser Rohstoff knapp wird, macht die Chemieindustrie nervös: Denn sie braucht Erdöl zur Herstellung von Kunststoffen, Kosmetika und Lösungsmitteln. Potsdamer Forscher wollen die rare Ressource jetzt durch Roggen ersetzen.

Bislang hat die Industrie nur eine Möglichkeit, um die Produktion möglichst lange normal weiter laufen zu lassen: Erdöl sparen, zum Beispiel durch Recycling. Bei PET-Flaschen funktioniert’s: Die Getränkeflaschen, deren Grundstoff Erdöl ist, werden gesammelt, aufbereitet und schließlich zu Fleece-Pullis oder Folien verarbeitet. Gleichzeitig wird jedoch an Alternativen zum Öl geforscht. Inzwischen gibt es Versuche, Pflanzen als Rohstoff für Chemieprodukte zu nutzen. Dass diese Vision Wirklichkeit wird, daran arbeiten Agrartechniker in Potsdam.

Braune Brühe statt schwarzes Gold

In einer gediegenen Villa am Stadtrand, mitten im Grünen, verbirgt sich das Institut für Agrartechnik – eine Zukunftswerkstatt für die Chemieindustrie. Was die Verfahrenstechniker machen, wirkt dabei eher unappetitlich. Sie quirlen in einem schlichten Glastopf eine träge, braune Brühe zusammen. Es ist “nur” gehäckselter Roggen, doch der hat es in sich: Denn zugesetzte Bakterien machen aus dem stärkehaltigen Schrotbrei Milchsäure.

Für die Chemieindustrie ist das Gold wert. Denn die braucht diese Säure für fast alle ihre Produkte – von Kunstfasern über Farben und Plastik bis hin zu Lösungsmitteln. Bisher muss die Substanz noch aus Erdöl gewonnen werden. Könnte hier Roggen als Ersatz dienen, wenn das “schwarze Gold” zur Neige geht? Die Potsdamer sagen: Ja.

Eine Nummer größer geht es schon

Im Glastopf des Labors haben zwei Liter Schrot und Bakterienbrühe Platz. Nebenan, im Biotechnikum, arbeiten die Forscher in etwas größerem Maßstab, um ihre Idee weiter zu verfolgen: Dort steht ein Stahlbehälter, der etwa einen halben Meter hoch ist und hundert Liter fasst. In diesen so genannten Fermenter wird laufend Roggen-Lösung hineingepumpt – hinten kommt dann die von den Bakterien bearbeitete Brühe heraus. Daraus trennen die Forscher dann die Milchsäure ab.

Für die Potsdamer Wissenschaftler schon ein Riesenerfolg, doch in den Augen der Industrie hat ihr Fermenter nur Modellbau-Maßstab. Denn Chemieanlagen arbeiten in Dimensionen von mehreren Kubikmetern.

Jetzt soll eine Pilotanlage den Durchbruch bringen

Die Potsdamer Agrartechniker stellen sich der Herausforderung: Sie haben neben der Instituts-Villa einen Pilotfermenter bauen lassen, der 500 Liter fasst. Darin wollen sie ab Juni so viel Milchsäure produzieren, dass sie die Chemieindustrie mit Produktmustern beliefern können. Damit wollen sie endgültig beweisen, dass nachwachsende Rohstoffe genauso gut als Basis für Grundchemikalien taugen wie das knappe Erdöl. Neben Roggen wollen die Forscher dabei auch andere Feldfrüchte in den Fermenter werfen: Sie denken vor allem an Kartoffeln, Zuckerrüben und Mais.

Künftig könnten also nicht ausländische Ölkonzerne die Chemieindustrie beliefern, sondern einheimische Landwirte. Mit Fasern für Funktionskleidung auf der Basis von Milchsäure wird schon experimentiert. Bald könnte es also wirklich heißen: Kunstfasern frisch vom Acker. Ob Bio-Anbau dann einen Qualitätsunterschied macht?

(Vgl. Meldung vom 2005-08-16.)

Source: Bayern2Radio vom 2006-05-30.

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