4 März 2009

“Rat zur Stofflichen Nutzung Nachwachsender Rohstoffe” gegründet

"Council for Industrial Material Use of Biomass" established

Am 17. Dezember 2008 haben zwanzig Experten aus Industrie, Verbänden und Forschungseinrichtungen den “Rat zur Stofflichen Nutzung Nach-wachsender Rohstoffe” in Hürth im Rheinland gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik über die Verwendung Nachwachsender Rohstoffe in der industriellen Produktion zu informieren und dahingehend zu beraten, wie die stoffliche Nutzung zukünftig in allen neuen Regularien der energetischen Nutzung gleichgestellt werden kann. Dabei geht es nicht darum, die alten, sektoralen Instrumente zur Förderung der energetischen Nutzung auf die stoffliche Nutzung zu übertragen, sondern neue politische Rahmenbedingungen zu entwickeln, welche die möglichst effiziente und nachhaltige Nutzung von Agrarressourcen sicherstellen.

Seit der Ratsgründung wurde diese Pressemitteilung gemeinsam entwickelt, während parallel weitere Experten hinzukamen.

Land- und forstwirtschaftliche Rohstoffe werden vielfältig genutzt, vor allem als Lebens- und Futtermittel, aber zunehmend auch für Bioenergie, z.B. in Form von Holzpellets oder Biokraftstoffen. Übersehen wird dabei oft, dass es noch einen vierten Bereich gibt, der eine ganz erhebliche Bedeutung für eine nachhaltige industrielle Entwicklung hat, von der Politik und Öffentlichkeit bisher aber kaum wahrgenommen wird: Die stoffliche, materielle Nutzung von Rohstoffen aus Acker und Forst in der Industrie.

Aktuelle Analysen der nova-Institut GmbH zeigen die Bedeutung der stofflichen Nutzung: In Deutschland werden insgesamt 76 Mio. Tonnen Agrar- und Forstrohstoffe als Nachwachsende Rohstoffe genutzt, davon 56% stofflich und 44% energetisch. Wichtigste stoffliche Anwendungen sind: Zellstoff und Papier, Verpackungsmaterialien, Bau- und Dämmstoffe sowie Möbel, Textilien, Tenside, Farbstoffe, Schmierstoffe, Kunststoffe, Reifen usw. und insbesondere auch die Industrielle Biotechnologie. In vielen dieser Nutzungen spielen Nachwachsende Rohstoffe eine zentrale Rolle, sparen große Mengen an fossilen Rohstoffen und Kohlendioxid-Emissionen, sichern und schaffen neue Arbeitsplätze.

Die Untersuchungen zeigen aber auch, dass die sektorale Förderpolitik in der EU und in Deutschland während der letzten zehn Jahre einseitig auf die Förderung der energetischen Nutzung gesetzt hat. Bedingt durch die starke Förderung der Bioenergie konnten sich die Anbauflächen für Energiepflanzen innerhalb von zehn Jahren um den Faktor zehn auf ca. 1,8 Mio. Hektar vergrößern, während die stoffliche Nutzung im selben Zeitraum stagnierte. Seit Abschaffung der obligatorischen Flächenstilllegung stehen alle Nutzungen in unmittelbarer Konkurrenz zueinander. Die schlechter gestellte stoffliche Nutzung bietet den Landwirten nur niedrige Renditen und droht Flächen zu verlieren. Besonders ernst sieht es z.B. im Holzbereich aus. Die stark geförderte Verbrennung von Holz(pellets) entzieht der Holzwerkstoffindustrie zunehmend die Rohstoffe. Dies war wohl kaum beabsichtigt, schafft doch die Holzwerkstoffindustrie erheblich mehr Wertschöpfung, Arbeitsplätze und CO2-Entlastung als die Verbrennung von Holz.

Die aktuelle Politik führt so zu einer Fehlallokation wertvoller natürlicher Ressourcen zum Nachteil der stofflichen Nutzung mit negativen ökonomischen, sozial- und umweltpolitischen Folgen. Ein Grund für diese Ungleichbehandlung ist die Vielfalt der stofflichen Nutzung in Form von hunderten, wenn nicht tausenden Produktlinien und die Inhomogenität der Akteure, die ohne abgestimmte Interessenvertretung in zahlreichen Verbänden organisiert sind – im Gegensatz zum Energiebereich, wo eine vergleichsweise “überschaubare Vielfalt” herrscht und welcher strukturell besser aufgestellt ist. Der stoffliche Bereich wird deshalb leicht übersehen und Fehlsteuerungen werden kaum wahrgenommen.

Der Politik werden nun aber die Nebenwirkungen ihrer einseitigen Fokussiertheit auf die Förderung der Bioenergie und speziell der Biokraftstoffe zunehmend bewusster. Daher werden neue Wege gesucht, die stoffliche Nutzung entsprechend ihrer ökonomischen und ökologischen Bedeutung sowie anhand ihrer Nachhaltigkeit zu fördern und anderen Nutzungen gleichzustellen.

Zu diesem Zweck haben am 17. Dezember 2008 zwanzig Experten aus Industrie, Verbänden und Forschungseinrichtungen in Hürth im Rheinland den “Rat zur Stofflichen Nutzung Nachwachsender Rohstoffe” gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik über die Verwendung Nachwachsender Rohstoffe in der industriellen Produktion zu informieren und dahingehend zu beraten, wie die stoffliche Nutzung zukünftig in allen neuen Regularien der energetischen Nutzung gleichgestellt werden kann. Dabei geht es nicht darum, die alten, sektoralen Instrumente zur Förderung der energetischen Nutzung auf die stoffliche Nutzung zu übertragen, sondern neue politische Rahmenbedingungen zu entwickeln. Im Vordergrund steht dabei eine möglichst nachhaltige und effiziente Nutzung von Agrarressourcen. Hierzu zählt auch die Förderung der Kaskadennutzung, bei der die energetische erst nach der stofflichen Nutzung erfolgt.

Mitglieder des Beirates sind führende Experten aus Unternehmen, Verbänden und Instituten, die im Bereich der stofflichen Nutzung Nachwachsender Rohstoffe aktiv und kompetent sind. Zu den Gründungsmitgliedern und Erstunterzeichnern im Januar und Februar 2009 zählen:

  • Dr. Severin Beucker (Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit, Berlin)
  • Dr. Karsten Block (Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Haus Düsse)
  • Dr.-Ing. Christian Bonten (FKuR Kunststoff GmbH, Willich)
  • Dr. Stefan Bringezu (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH)
  • Volker Capitain (Tate & Lyle)
  • Michael Carus (nova-Institut für Ökologie und Innovation GmbH, Hürth)
  • Dr. Sebastian Elbe (SPRINTconsult, Darmstadt)
  • Bernd Frank (Badische Naturfaseraufbereitung GmbH, Malsch)
  • Dr. Karlheinz Hill (VP Care Chemicals Technology, Cognis GmbH, Düsseldorf)
  • Carmen Hock-Heyl (Hock GmbH + Co. KG/Thermo-Hanf, Nördlingen)
  • Dr. Bärbel Hüsing (Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Karlsruhe)
  • Dr. Stephan Kabasci (Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, Oberhausen)
  • Dr. Klaus-D. Kibat (Verband Deutscher Papierfabriken e.V., Bonn)
  • Martina Kolarek (Ingenieurbüro Materialien Rohstoffe Nachhaltigkeit, Berlin)
  • Dr. Hans Korte (Innovationsberatung Holz und Fasern, Wismar)
  • Dr. Ulrich März (ECO SYS Gesellschaft für Analytik und Projektmanagement mbH, Schopfheim)
  • Bernd Merzenich (Pyramid Bioplastics Guben GmbH, Guben)
  • Dr. Andreas Müller (Phytowelt Green Technologies GmbH, Köln)
  • Dr. Donal Murphy-Bokern (Murphy-Bokern Konzepte, Lohne-Ehrendorf)
  • Prof. Dr.-Ing. Jörg Müssig (Hochschule Bremen – Biologische Werkstoffe)
  • Prof. Dr. Martin Patel (Universität Utrecht, Die Niederlande)
  • Dr. Andreas Plescher (Deutscher Fachausschuss für Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen, Artern)
  • Jöran Reske (european bioplastics e.V., Berlin)
  • Dr. Peter Sauerwein (Verband der Deutschen Holzwerkstoffindustrie e.V., Gießen)
  • Christopher Straeter (Forschungsgemeinschaft Biologisch Abbaubare Werkstoffe e.V. (FBAW), Hannover)
  • Joachim Wolpers (Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Münster)

Der Beirat wird koordiniert von Michael Carus, dem Geschäftsführer der nova-Institut GmbH, der sich seit vielen Jahren für die stärkere Beachtung der stofflichen Nutzung Nachwachsender Rohstoffe einsetzt.

Weitere Akteure aus dem stofflichen Bereich sind herzlich willkommen, im Rat mitzuwirken.

Kontakt
Michael Carus
nova-Institut GmbH
E-Mail: michael.carus@nova-institut.de

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Source: nova-Institut GmbH, 2009-03-04.

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