12 Mai 2017

Protein: Interieur-Objekte aus saurer Milch

Caseinkunststoff erfährt ein Revival in der Designszene

Lauscht man heute Gesprächen über Kunststoffe, fallen stets die gleichen Schlagwörter: Umweltverschmutzung, Erdöl und gesundheitsschädigende Auswirkungen auf Mensch und Tier. Außerdem vermuten viele hinter der Herstellung von Kunststoffen einen aufwändigen chemischen Synthese-Prozess. Das man es sich bei der Herstellung von Kunststoffen auch einfacher machen kann, sieht man zum Beispiel in der Arbeit von Tessa Silva Dawson aus London. Die junge Designerin köchelt sich ihren Kunststoff aus abgelaufener oder für den Handel unbrauchbaren Milch in der Küche.

Casein ist in warmem und feuchtem Zustand formbar

Wird Milch sauer, entsteht Molke, und es trennen sich weiße Flocken an der Oberfläche ab. Das so genannte Casein ist in warmem und noch nassen Zustand formbar. In Formen gepresst und getrocknet, fügt sich das natürliche Polymer zu einem festen Material zusammen. In den Werkstoffeigenschaften verhält sich der Kunststoff wie ein Duroplast und kann im Anschluss maschinell mit den typischen zerspanenden Bearbeitungstechniken veredelt werden.ProteinFenster

Zum ersten Mal wurden Casein-Kunststoffe 1897 von Adolph Spitäler und W. Kirsche hergestellt. Als Treiber für diese Entwicklung sehen Historiker die steigenden Preise für Horn und Elfenbein. Es galt zu jener Zeit eine kostengünstige und erreichbare Alternative für seltene Naturprodukte und Materialien tierischen Ursprungs zu entwickeln. Durch die besonders feste Struktur sowie glänzende Oberfläche überzeugte das neue Material und fand schon bald Anwendung in der Herstellung von Knöpfen, Schmuck, Schirmgriffe oder Schmuckdosen sowie Spielzeug für Kinder.

Zwar hat Tessa Silva Dawson den Kunststoff nicht entwickelt, aber neu entdeckt und in einen Kontext mit aktuellen Themen wie Kreislaufwirtschaft, Überproduktion und Ressourcenknappheit gesetzt. Dabei verzichtet sie auf die Verwendung von Rohöl oder Energiepflanzen. Stattdessen nutzt sie einen Rohstoff, der bisher in seiner Verfügbarkeit unterschätzt wurde. Denn jährlich werden allein in Deutschland über 1,7 Millionen Tonnen Erstmilch entsorgt.

Source: Haute Innovation, 26/2017

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