28 Februar 2002

Pflanzenfasern – vom Amazonas in die Industrie

Zehn Jahre Belém-Projekt zeitigt nachhaltige Wertschöpfung

Viele Daimler-Forscher hielten noch vor zehn Jahren nicht viel von der Idee des an der Universität von Belém forschenden Professors Thomas Mitschein, die Fasern von Kokosnüssen im Automobilbau zu nutzen. Doch der damalige Daimler-Benz-Betriebsrat Willi Hoss griff die Anregung auf und es stellte sich schnell heraus, dass die Eigenschaften der Kokosfasern nicht nur in jeder Hinsicht mit denen von Kunststoff konkurrieren können, sondern sowohl im späteren Recycling als auch im ökonomischen Vergleich vorteilhafter sind. “Das Ganze rechnet sich für uns”, resümiert Ben van Schaik, Präsident von Daimler-Chrysler do Brasil, der im vergangenen Jahr 153 Tonnen Naturfasern in Fahrzeuge einbauen ließ.

Das Belém-Faserprojekt unterhält seither über 900 Familien, die mit ihren Kokosnüssen gemeindeeigene Faserproduktionen beliefern. Erst im letzten Jahr wurde in Belém die Firma Poematec in Betrieb genommen, wo inzwischen 44 Mitarbeiter monatlich 7.000 Fahrzeugsitze und 50.000 Matten zur Geräuschdämmung fertigen. Je 10.000 Kokosnüsse bieten einen Ertrag von einer Tonne Fasern und fünf bis sechs Tonnen Düngemehl. “Wir nutzen von den Nüssen restlos alles”, erklärt Professor Mitschein, heute einer der acht Poematec-Gesellschafter. Indem Daimler-Chrysler zwar Starthilfe bei der Maschinenbeschaffung gab, aber keine Beteiligung an der jungen Firma erwarb, wurden die Wege zum freien Marktwettbewerb offen gehalten. Tatsächlich ließ auch VW schon Ersatzteile bei Poematec fertigen, und über einen regulären Liefervertrag wird laut Mitschein bereits verhandelt. Aber auch Honda, Fiat, Ford und General Motors sollen schon auf der Interessentenliste für die Amazonasfasern stehen.

Die Kokosrohstoffe werden von den Kleinbauern als lose Fasern oder aufgerollte Seile angeliefert, sterilisiert und dann zugeschnitten. Auf breiten Fließbändern schüttet man die Fasern dicht zusammen, besprüht sie beidseitig mit Naturkautschuk und verbackt sie alsdann zu meterlangen Matten, die nach entsprechendem Zuschnitt wiederum in jedwede Form gepresst werden können. So entstehen bspw. atmungsaktive Fahrersitze oder Nackenstützen.

Inzwischen haben die Naturfasern im Automobilbau auch in Europa und Südafrika breiten Zuspruch gefunden. Während am Kap die heimischen Sisalagaven verarbeitet werden, veredeln in Deutschland zunehmend Hanf und Flachs die Karosseriematerialien. In der Mercedes-C-Klasse werden schon 33 Bauteile mit einem Gesamtgewicht von 22 Kilogramm aus Naturfasern gefertigt. “Es ist denkbar, dass wir künftig auch Verkleidungsteile im Auto aus Naturfasern herstellen”, verrät Professor Heinrich Flegel aus der Stuttgarter Forschungsabteilung von Daimler-Chrysler. Van Schaik berichtet gar von konkreten Überlegungen, Stoßstangen aus Verbundfasern zu fertigen.

Die Naturfasern aus Amazonien sind indes nicht nur für die Automobilindustrie von Interesse – auch
die Aufmerksamkeit der Schuh- und Textilindustrie ist geweckt. Z.B. für die extrem reißfesten Fasern der Curaua-Pflanze aus der Familie der Ananasgewächse, aus denen sich auch Papier, Tapeten oder Lampenschirme fertigen lassen. Nach Thomas Mitschein beträgt die monatliche Nachfrage für diese Faser bereits über 350 Tonnen, mehr, als die Belémer Kooperativen derzeit liefern können. Dieses Jahr sollen darum 3 Mio. neue Setzlinge gepflanzt werden.

Schlussendlich sorgt die Intensiv-Bewirtschaftung der relativ kleinen Flächen ehemaligen Regenwaldes durch die ineinander geschachtelte Anpflanzung von Kokos- und Paranussbäumen sowie diverser Nutzpflanzen dafür, auf den übersäuerten Böden wieder einen sich selbst düngenden Sekundärwald entstehen zu lassen. Mitschein zufolge kann ein so genanntes Agroforstsystem pro Hektar 2,7 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr absorbieren, somit ein wirkungsvoller Beitrag zum globalen Klimaschutz: “500 Amazonasfamilien können durch Agroforstwirtschaft jedes Jahr jene Menge an Kohlendioxid kompensieren, die im gleichen Zeitraum von 800.000 Autos ausgestoßen wird.”

Allen Anlass zum Stolz haben demnach die Amazonier, die vergangene Woche das zehnjährige Jubiläum des Belém-Projekts feiern konnten – gemeinsam mit den Vertretern der Automobilindustrie, den Ökowissenschaftlern und dem Initiator Willi Hoss, dem einstigen KPD-Politiker und späteren Gründungsmitglied der Grünen.

(Vgl. auch Meldungen vom 2000-07-28, 2002-01-01, 2001-12-03 und 2001-10-18).

Autorin: Marion Kupfer (nova)
Endredaktion: Michael Karus (nova)
Quelle: Die Welt/Wissenschaft vom 2002-02-28.

Source: Die Welt/Wissenschaft vom 2002-02-28.

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