24 Mai 2002

Österreich kämpft um Status als Gentechnik-freie Zone

Geheim gehaltene EU-Studie ruft Umweltschützer auf den Plan

Nach Aussagen von Gentechnik-Experte Thomas Fertl der Greenpeace Österreich würden Biobauern und konventionell gentechnikfrei wirtschaftenden Landwirten zusätzliche Kosten für Mais- und Rapsanbau von bis zu 40 Prozent entstehen, wenn Gentech-Pflanzen in der EU großflächig angebaut werden. Einer bisher geheim gehaltenen Studie für EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler zufolge sei in Europa ein Nebeneinander von Bio- oder herkömmlicher Landwirtschaft mit Gentechnik praktisch unmöglich, denn würden Gentech-Pflanzen in Österreich großflächig angebaut werden, so wäre das der finanzielle Ruin für viele Bauern. So komme die Studie zu dem Ergebnis, dass kleine Betriebe und Biobauern am schlimmsten betroffen wären. “Unser Land ist derzeit noch Gentechnik-freie Zone. Wir müssen diesen Status im Interesse der Bauern und Konsumenten aber langfristig absichern”, erklärte Fertl hierzu.

Besagte Studie des Institute for Prospective Technological Studies des EU Joint Research Centre wurde laut Greenpeace im Januar abgeschlossen und überprüfte die normale Produktion parallel zum Anbau von Gentech-Saatgut mit dem Ergebnis, dass wenn Gentech-Pflanzen etwa zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Europa bedeckten und sich von dort ausbreiteten, sich Saatgut und Ernte nicht mehr sauber trennen ließen und die Landwirte in der Folge aufwändige Schutzmaßnahmen treffen müssten, um die Verunreinigungen zu verhindern. Der Direktor des Joint Research Centres, Barry Mc Sweeney, soll laut Greenpeace der Europäischen Kommission in einem Brief nahe gelegt haben, den Bericht auf Grund der Sensibilität des Themas nur innerhalb der EU-Kommission zu verwenden, d. h., nicht zu veröffentlichen. Kommissar Fischler sei dieser Empfehlung bislang nachgekommen, wird kritisiert, aber “Fischler und Landwirtschaftsminister Molterer müssen sich endlich zur Gentechnik-freien Landwirtschaft bekennen und der Gentechnik eine klare Absage erteilen” forderte Fertl zu Gunsten der Zukunft ökologisch sensibler Regionen sowie der wirtschaftlichen Existenzsicherung vor allem der Biobauern.

Agrar- und Umweltminister Wilhelm Molterer (ÖVP) soll sich hingegen nicht “von vornherein” generell gegen den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft, z.B. in der industriellen Produktion von Stärke, geäußert haben. “Ich bin für die exakte Vorbereitung von Entscheidungen und möchte z.B. wissen, was mit gentechnikfreien Zonen eigentlich gemeint ist”, erklärte Molterer, der immerhin einräumt, dass für den Biolandbau die gentechnikfreie Produktion sicher zu stellen sei. Allerdings würden die veröffentlichten Zitate nicht ganz den Tatsachen entsprechen und so stehe in der – seit heute auch im Internet (PDF-Download der von Greenpeace veröffentlichten Studienergebnisse hier) zugänglichen – Studie auch, dass die Kostensteigerungen bei Mais oder Erdäpfeln lediglich zwischen einem und neun Prozent lägen. Und es sei ein Unterschied, ob man über die Saatgut-Produktion diskutiere oder den Gentechnik-Einsatz generell. Immerhin sollten nun eilig umfassende Studien auch zur Klärung von Haftungsfragen erstellt werden.

Inzwischen gerät das Parlament ins Kreuzfeuer der Umweltschützer: auch die Organisation GLOBAL 2000 forderte Molterer auf, seine “fahrlässige Blockadehaltung” aufzugeben. Molterer agiere mittlerweile als letzter Anwalt der Gentechnikkonzerne. Denn alle anderen Parteien träten bereits für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Österreich ein, wurde von GLOBAL 2000-Gentechnikexperte Daniel Hausknost kritisiert. Die Regierungspartei FPÖ habe sich in den vergangenen Tagen eindeutig für die Gentechnikfreiheit der österreichischen Landwirtschaft ausgesprochen. Jetzt hätte sie die Gelegenheit, diese Haltung mit einer Riesenmehrheit im Parlament durchzusetzen und endlich gesetzlich zu verankern, hieß es dazu. Kommende Woche soll das Thema im Parlament verhandelt werden.

Source: Kurier Online vom 2002-05-23 und Pressemitteilung der Greenpeace Österreich vom 2002-05-24.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email