4 Juni 2007

Österreich: Flächenressourcen für Bioenergie

Diskussion um aktuelle Potenzialstudie

“Selbst unter optimistischen Schätzungen können die verfügbaren Biomasse-Ressourcen nicht alleine aufgebracht werden, um die Ziele des Österreichischen Biomasse-Aktionsplanes zu erreichen. Bis 2010 werden – je nach Szenario – maximal 200.000 Hektar Flächenäquivalent an zusätzlichem Rohstoffpotenzial für Erneuerbare Energie aus der Landwirtschaft zur Verfügung stehen.” Die ist das Ergebnis einer Studie, die von der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien an die Firma brainbows in Auftrag gegeben wurde, um die Situation für Energierohstoffe in Österreich zu evaluieren und die gestern von der Raiffeisen-Holding vorgestellt wurde. “Dennoch handelt es sich hier um ein großes Potenzial, das die Politik durch entsprechende Rahmenbedingungen aktivieren muss. Raiffeisen steht dafür als wichtigster Partner der Landwirtschaft – auch bei Energierohstoffen – zur Verfügung”, erklärte gestern Mag. Erwin Hameseder, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien.

100 Mio. Euro Eigenkapital für Erneuerbare Energien
Die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien hat bereits im vergangenen Jahr mit dem Thema “Erneuerbare Energie” ein neues Geschäftsfeld eröffnet und dafür insgesamt 100 Mio. Euro an Eigenkapital reserviert. Um die Projekte zu evaluieren und abzuwickeln, wurde die RENERGIE Raiffeisen Managementgesellschaft für erneuerbare Energie GMBH gegründet. Das erste Projekt von RENERGIE wird derzeit umgesetzt: eine Biogasanlage in Orth a.d. Donau ist bereits in Bau und wird noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. RENERGIE prüft derzeit weitere Projekte in Österreich, Deutschland, Tschechien und Rumänien mit einem möglichen Gesamtinvestitionsvolumen von 400 Mio. Euro. Der Fokus wird auch in Zukunft stark auf Biogas-Projekten liegen.

Hameseder: “Wir sind mit unseren Unternehmen in der Lebensmittelwirtschaft als wesentlicher Abnehmer der agrarischen Rohstoffe schon seit langem der wichtigste Partner für die heimischen Bauern. Pro Jahr kaufen unsere Unternehmen in der Nahrungsmittelproduktion von den österreichischen Landwirten rund 4,6 Mio. Tonnen Rohstoffe im Gegenwert von mindestens 350 Mio. Euro. Diese Zusammenarbeit zwischen Raiffeisen-Verarbeitungsunternehmen und der Landwirtschaft als Lieferant wird sich weiter verstärken, wenn wir nun auch zum Käufer von ‚Energierohstoffen’ schlechthin werden.”

brainbows Studie geht von vorhandenen Flächen aus
In der brainbows-Studie wird gemeint, dass die Flächen in Österreich schon bald nicht mehr für die von der Politik ins Auge gefasste Produktion von Bioenergie ausreichen werden. Mit dem möglichen, zusätzlichen Flächenäquivalent für Bioenergie könnte man sieben Prozent des in Österreich verbrauchten Stromes (Basis 2005) erzeugen. “Welche Auswirkungen das auf bestehende und künftige Anlagen zur Erzeugung von Bioenergie hat, ist klar: Österreich wird zu klein. Um die Produktion von Erneuerbarer Energie in Österreich rechtzeitig sicherzustellen, müssen wir – nach Ausschöpfung sämtlicher heimischen Potenziale – künftig auf Rohstoffe aus unseren Nachbarländern zurückgreifen oder derartige Projekte direkt im Ausland realisieren”, erklärte Hameseder bei der Pressekonferenz. Die Raiffeisen-Holding-Gruppe hat sich daher bereits entsprechend positioniert, Z.B. mit der Leipnik-Lundenburger Invest Beteiligungs AG (LLI), die sich mit jüngsten Akquisition in Rumänien und Bulgarien den Zugang zu den Rohstoffen aus diesen Ländern sichert.

Wir haben genug Biomasse
Die vorgestellte Untersuchung über die Biomasserohstoff-Potenziale in Österreich hat in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, wir könnten unsere Zielsetzungen im Bereich Bioenergie bei weitem nicht aus eigener Kraft erreichen. “Wir haben genug Biomasse!” meint dazu Dr. Heinz Kopetz Vorsitzender des Österreichischen Biomasse-Verbandes. “Die Nutzung entscheidet über das Potenzial, ” erklärt Kopetz weiter. “Österreich hat ehrgeizige Pläne, wenn es um den Ausbau der Erneuerbaren Energien und im Speziellen um die Forcierung der Biomassenutzung – als Löwenanteil des erneuerbaren Energiekuchens – geht. Es darf aber auch kein Zweifel aufkommen, dass wir diese Zielsetzungen zum überwiegenden Teil aus heimischer Produktion decken wollen – und das können wir”, betont Kopetz anlässlich der Untersuchung zu den Biomasse-Ressourcenpotenzialen in Österreich. “Entscheidend ist nicht nur wie in der Studie von brainbows angeführt, welche Flächenreserven mobilisierbar sind, sondern vor allem, wie wir diese Flächenressourcen nutzen. Denn die Energieausbeute und damit die CO2-Einsparung pro Hektar variiert bei den verschiedenen Energiekulturen extrem.”

Nur Flächen erheben ist zu wenig
Die vorgestellte Studie erhebt in drei verschiedenen Szenarien rein die landwirtschaftliche Nutzfläche, die zusätzlich – zu den bereits derzeit energetisch genutzten rund 50.000 Hektar – zur Energieproduktion herangezogen werden kann, ohne darauf einzugehen, was darauf angebaut wird. Die geschätzte Bandbreite liegt hier für das Jahr 2020 zwischen 201.000ha bis 456.000ha. Diese Zahlen sind plausibel und decken sich auch mit den Berechnungen des Österreichischen Biomasse-Verbandes.

Um die Extreme bei den unterschiedlichen Energieerträgen je Hektar aufzuzeigen: Würden die gesamten 456.000ha rein mit Raps bepflanzt und zur Produktion von Biodiesel herangezogen werden, könnten damit etwa 21 Petajoule (PJ) Energie erzeugt werden. Bei ausschließlichem Anbau von Mais, aus dem via Ganzpflanzenverbrennung Wärme gewonnen wird, entstünden rund 119PJ Energie – das ist fast sechsmal so viel.

“Die vorgelegte Potenzialabschätzung ist für uns insofern äußerst wertvoll, weil sie fundiert nachweist, dass die Fläche der limitierende Faktor für die österreichische Bioenergienutzung ist und wir daher sehr genau überlegen müssen, wie wir mit unseren Flächenressourcen umgehen. Es müssen vorrangig optimierte Nutzungskonzepte mit hohen Hektarenergieerträgen forciert werden”, so Kopetz.

Schwerpunkt auf fester Biomasse zur Wärmeproduktion
Die Produktion von flüssigen Biokraftstoffen ist zweifellos ein sinnvolles Konzept – vor allem weil die Technologie erprobt und die heimische Produktion voll im Gang ist. Außerdem sind sowohl Biodiesel als auch Bioethanol problemlos in den Markt eingeführt worden, die Beimischung zu fossilen Kraftstoffen ist sicher die perfekte Lösung für eine rasche Anhebung des Biotreibstoffanteils. Und es wird ebenfalls ein wichtiger Schritt zur Erhöhung der Versorgungssicherheit geleistet. “Langfristig muss allerdings auch die Rohstofferzeugung für Wärme und Strom ein Schwerpunkt bleiben. Sowohl die Raiffeisen-Untersuchung als auch der vom Lebensministerium erstellte Entwurf für einen nationalen Biomasseaktionsplan setzen zu stark auf die Biotreibstoffschiene. Wärme aus Biomasse war bisher und wird auch in Zukunft der mengenmäßige wichtigste Absatzmarkt für Bioenergie bleiben”, erläutert der Vorsitzende.

Deswegen müsse bei der energetischen Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen neben der Rohstoffproduktion für flüssige Biokraftstoffe auch entsprechendes Augenmerk auf der Produktion fester Biomasse wie Kurzumtriebswälder, Miscanthus, Energiegräsern etc. liegen. “Dann werden wir in der Lage sein, den Großteil unseres Biomasserohstoffbedarfs im Inland zu decken. Gewisse Importe aus Zentraleuropa, speziell für die Treibstoffproduktion, werden aber immer notwendig bleiben und sind auch sinnvoll, weil diese Länder über große Flächenpotenziale in Relation zur Einwohnerzahl verfügen.

“Tullner Erklärung” des Biomasse-Verbandes legt realistische Zahlen vor
Im November 2006 hat der Österreichische Biomasse-Verband sein Leitbild für die Bioenergieentwicklung bis 2020 vorgelegt. Die “Tullner Erklärung” schätzt eine mögliche Steigerung des energetischen Biomasseeinsatzes von derzeit 157PJ (2004) auf 280PJ (2020). Dazu werden etwa 400.000ha zusätzliche landwirtschaftliche Nutzfläche zur Energieproduktion gebraucht. Zusammen mit den anderen Erneuerbaren Energien könnte so ein Beitrag von 500 PJ zur österreichischen Energieversorgung geleistet werden. Unter der Voraussetzung, dass sich der Energieverbrauch um 20% senkt, ergibt das dann den im Regierungsprogramm verankerten Anteil von 45% Erneuerbaren im Jahr 2020. “Dieses Szenario liegt somit im Rahmen der Raiffeisen-Studie und entspricht ebenfalls dem Biomasseaktionsplan-Entwurf. Der Unterschied ist, dass wir in unserer Rechnung aus weniger Fläche mehr Energie machen.” Und Kopetz hält fest: “Österreich kann bis 2020 45% seines Energiebedarfs aus Erneuerbaren erzeugen und über die Hälfte davon aus Biomasse decken.”

Logische Konsequenz für all jene, die sich mit Erneuerbare Energie schon lange beschäftigen: mit einem Mix aus Erneuerbarer Energie, z.B. auch forcierter Einsatz alternativer Antriebe, Elektroautos oder Elektromopeds, stehen zusäztliches Potential zur Verfügung, auch dieses könnte man nützen. Energieeffizienz, z.B. im Baubereich durch Forcierung von Passiv- bzw. Plusenergiehäusern, bieten genügend weitere Möglichkeiten. Einen Teil des Bedarfs mit Biomasse abzudecken, scheint dann nicht mehr schwer.

Weitere Informationen

(Vgl. Nachrichten vom 2006-12-11 und 2006-07-21.)

Source: oekonews.at, 2007-05-30.

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