15 März 2006

Ökologisch Bauen mit Holz, Stroh und Lehm

Energieverbrauch, Innenraumklima, Ressourcenschutz, Regionalität: Diese vier Faktoren bestimmen im Wesentlichen, ob ein Haus ökologisch – und das heißt in der Regel auch – gesund ist oder nicht. Die modernen Baustoffe, die diesen vier Faktoren entsprechen, sind in Wirklichkeit alt bekannt: Holz, Lehm, Stroh und Schilf.

Holz, Stroh, Schilf und Lehm sind regionale Rohstoffe, die nicht nur früher, sondern auch heute noch fast überall in Europa lokal vorkommen. Tatsächlich sind die ältesten, mehrere Jahrhunderte alten Wohnhäuser Europas eben auf diesen drei 100 Prozent ökologischen Baustoffen aufgebaut, während unsere Betonklötze oder Betonbrücken des 20. Jahrhunderts teilweise bereits nach 50 Jahren baufällig oder sanierungsbedürftig sind. Aber nicht nur dies. Lehm ist auch gut für das Innenraumklima.

“Immer mehr Bauherrinnen und Bauherren fordern ein Energie- und Kosten sparendes Bauen, legen Wert auf ein gesundes, ausgeglichenes Raumklima und begreifen, dass der natürliche Baustoff Lehm den industriellen Baumaterialien wie Beton, Ziegel, Kalksandstein und Porenbeton überlegen ist”, schreibt die Fachhochschule Weihenstephan im Rahmen ihres Projektes Recyprok.

“Lehm zählt zu den ältesten Baustoffen der Welt und war in Mitteleuropa bis vor etwa 100 Jahren auch entsprechend weit verbreitet”, bestätigt das österreichische Institut für Baubiologie und -ökologie (IBO) und fasst die weiteren Vorteile von Lehm als Baustoff zusammen.

“Lehm gibt keine Schadstoffe ab, hat keine bekannten Wirkungen auf Allergiker und besitzt in Summe gute baubiologische Eigenschaften. Lehm ist billig, nahezu überall verfügbar und braucht für seine Herstellung vergleichsweise wenig Energie. Entsorgungstechnisch bereitet Lehm nahezu keine Probleme: Er wird wieder zu Erde.”

Heimisches Holz haben wir genug

Die Öko-Bilanz von Holz ist ähnlich gut. “Ein wesentlicher Vorteil des Baustoffes Holz war und ist, dass er nahezu überall verfügbar ist und ohne größeren Energie- und Maschineneinsatz abgebaut werden kann”, so die Weihenstephaner Bauforscher.

Keine Angst. Urwald wird für echte Öko-Häuser nicht verloren gehen. Solange Bio-Bauherren oder Bio-Holzhausproduzenten keine Tropenhölzer oder aus östlichen Ländern importierte Hölzer verwenden, muss kein Urwald sterben. Diese Hölzer brauchen wir auch gar nicht! Bei uns gibt es heimisches Holz genug.

“Die ursprünglichen Waldflächen, die sich in Deutschland zu Kultur- und Wirtschaftsflächen entwickelten, werden seit 200 Jahren nach dem Nachhaltigkeitsprinzip bewirtschaftet. Das bedeutet, dass mehr Holz aufgeforstet als gerodet wird”, schreibt die FH Weihenstephan. Pro Jahr wüchsen 60 Millionen Kubikmeter Holz in Bayern nach, von denen derzeit gut zwei Drittel genutzt würden.

“Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen ist die Verwendung von Holz sinnvoll”, so die Baustoff-Forscher. “Auch die ökologischen Aspekte dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Holz ist der ökologische Baustoff schlechthin. Generell benötigen Hölzer bei der Erzeugung, Gewinnung und Verarbeitung wenig Energie.” Und bei heimischen Hölzern werde auf Grund der kurzen Transportwege der Energieverbrauch zusätzlich verringert. Abfallprodukte könnten ebenfalls weiter verwendet werden. Darüber hinaus sei die Rückführung in den natürlichen Kreislauf ohne Probleme möglich.

Der dritte traditionelle Öko-Baustoff im Bunde ist Stroh. Dieser lässt sich generell aus jeder Grasart herstellen. Bei uns übliches Stroh besteht meist aus den Resten der Getreideernte, also in der Regel aus den Stängeln von Weizen, Hafer, Roggen und Gerste. Als Dämm- und Baustoff ist er kaum schlagbar.

“Die Verwendung von Stroh als Dämmstoff”, so das IBO, “besitzt entgegen vieler Vorbehalte von alters her lange Tradition: Bereits um 1900 wurde diese Technik vor allem in den USA eingesetzt, um schnell, kostengünstig, einfach und effizient Häuser zu bauen. Erst in den Siebzigerjahren sprang diese Technologie nach Mitteleuropa über. Bislang wurden weltweit mehr als 10.000 Niedrigenergiehäuser mit Strohdämmung errichtet.”

Die wichtigsten Vorteile des Strohs: Stroh wird aus dem Abfallmaterial eines nachwachsenden Rohstoffes, Getreide, gewonnen; es wächst jährlich nach, ist kostengünstig und ist vollständig ökologisch abbaubar. Außerdem ist es im verdichteten Zustand und richtig verarbeitet so gut wie nicht brennbar!

Vom Ufer aufs Dach

Als Dachmaterial eines Bio-Hauses eignet sich das altbekannte Schilf. Sein Einsatz hat nichts mit Romantik oder damit zu tun, dass sich die Bauherren vielleicht keine gebrannten – und damit fossile oder Holzenergie verbrauchenden – Dachziegel leisten konnten.

Schilfdächer kennen wir heutzutage zwar fast nur noch aus dem Norden oder Osten Europas. Doch Schilf wuchs einst nicht nur in großen Mengen an der Ostseeküste oder in Ungarn und Österreich am berühmten Neusiedler See. Schilf war früher in großen Mengen an fast allen Flüssen und Seen Deutschlands vorhanden – vor der Zeit der Flussbegradigungen und Flurbereinigungen. Das könnte auch künftig wieder so werden, womit wir uns nicht nur einen nachhaltigen, energetisch günstigen Rohstoff für gesunde Dächer wieder beschaffen. Mehr Schilf an Flüssen, Seen und Tümpeln bedeutet auch wieder mehr Lebensraum für unsere schwindende, an Feuchtbiotope angepasste Tierwelt.

Schilf hat deutliche ökologische Vorteile. Erstens ist es ein wirklich ökologisch nachwachsender Rohstoff, den man nicht genetisch manipulieren oder mit Pestiziden besprühen muss. Die FH Weihenstephan bescheinigt außerdem: “Schilf ist besonders feuchtigkeitsresistent und atmungsfähig.” Und noch einen Vorteil hat Schilf. Produktion und Verarbeitung des Schilfes verbraucht so gut wie keine Energie, aber dafür umso mehr Handarbeit.

Und was braucht unsere Gesellschaft mehr? Hohen Energieverbrauch oder neue, nachhaltige Jobs?

Source: Der Spatz - Alternativer Anzeiger für Bayern vom 2006-03-10.

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