13 November 2003

nova-Tagungsbericht: Konstruktionswerkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen

Bericht zur Fachtagung

Am 13. November fand in Hannover die Fachtagung “Konstruktionswerkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen”, veranstaltet von RIKO (Realisierung innovativer Konstruktionswerkstoffe) und NMN (Neue Materialien Niedersachsen e.V.), statt. Innerhalb des Geländes der zeitgleich statt findenden AGRITECHNICA 2003, der Messe für Landwirtschaftstechnik, nahmen an dieser Tagung etwa 100 Vertreter diverser Wertschöpfungsstufen der Naturfaserwirtschaft teil – mit Ausnahme von Landwirten.

Nach der Begrüßung durch Dr. G. Höher (Niedersächsisches Ministerium für den ländlichen Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz & Fachvorstand von NMN), der die Bedeutung des Nachhaltigkeitsaspektes betonte, erläuterte Herr Dr. A. Baar das Kompetenznetz RIKO, welches innerhalb des Netzwerkes NMN die Sparte “Nachwachsende Rohstoffe” repräsentiert und hob die Bedeutung von Kooperationen in Netzwerken als Erfolgsfaktor hervor.

Herr K. Gildhorn, ein neuer Mitarbeiter der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), präsentierte im Anschluss das Organisationen aus 25 Ländern umfassende Netzwerk IENICA (Interactive European Network for Industrial Crops and their Applications).

Als nächstes stellte Frau A. Hinrichs von der Dräxlmaier Group ein Verbundprojekt von Dräxlmaier, FIBRE, INVENT und AGRO-Dienst vor, innerhalb dessen ein verkleidetes, formgepresstes Armaturenbrett aus Naturfaserverbundwerkstoffen entwickelt wird. Im Laufe von drei Versuchsreihen hatten sich die Partner von der ursprünglichen Auswahl aus Flachs, Hanf, Sisal und Jute auf eine Mischung von Flachs- und Hanffasern (zu gleichen Teilen) in einer Polyurethan Matrix festgelegt. Die Sollwerte für das Bauteil wurden jedoch noch nicht alle erreicht, so dass eine weitere Optimierung über den gezeigten Prototyp hinaus vorgesehen ist. (Vgl. Meldung vom 2001-10-18.)

Herr Gassan von Faurecia Innenraum Systeme betonte im Gegensatz zu den vorherigen Referenten, dass Naturfasern im Automobilbereich nichts wirklich Neues seien, sondern, dass vielmehr solche von einjährigen Nutzpflanzen (wie z.B. Hanf, Jute) diejenigen von mehrjährigen Nutzpflanzen (wie z.B. Holz) verdrängen. Er betonte das Primat der Wirtschaftlichkeit eines Werkstoffes (in Folge von Marktnachfrage) über die ideologischen Nebenaspekte oder die ökologischen Vorteile. Naturfaserverbundwerkstoffe hätten das Öko-Argument auch darüber hinaus nicht nötig, da ihre Qualität für sich selbst steht. Er plädierte ausdrücklich dafür, hierzu den Exotenstatus abzulegen.

Der andere von Herrn Gassan gelegte Schwerpunkt betraf den Naturfaser-Spritzguss. Da außerhalb der Automobilbranche der Spritzguss als Verarbeitungstechnologie völlig über das Formpressen dominiert, gebe es z.Z. wenig Technologieexport vom Bereich der Naturfaserkunststoffe in andere Branchen, sehr viel mehr Spritzguss- als Formpress-Experten und auch eine vergleichsweise geringe Weiterentwicklung der Formpress-Verfahren.

Wie schon auf der naro.tech-Messe diesen Jahres hörte man den eindeutigen Aufruf, endlich den Naturfaser-Spritzguss umzusetzen – wofür allerdings die Lieferfähigkeit von entsprechendem Granulat – vor allem in großen Mengen – Voraussetzung sei. Da es im Naturfaserbereich allerdings nur kleine Supporter gibt, fielen für die Automobil-Zulieferer ungewöhnlich hohe Kosten für eigene Initiativen zur Serienvorbereitung an, da die kleinen Lieferanten ihnen nur sehr wenig “support services” böten. Ohne entsprechende Lieferfähigkeit von Spritzguss-Granulaten seien von den Tier-one-Zulieferern auch keine entsprechenden Entwicklungen zu erwarten. Offensichtlich kam zutage, dass es vordringlich scheint, wenn ein großer Material-Lieferant sich des Themas annähme. Zum Ende stellte er noch den AVK-TV-Arbeitskreis “Naturfaserverstärkte Kunststoffe” und dessen Aktivitäten vor.

Nach einer diskussionsreichen Mittagspause stellte Herr W. Frehsdorf von Krauss-Maffei das LFI (long fiber injection) Verfahren vor, welches eine Alternative zu thermoplastischen, duroplastischen und Spritzguss-Verfahren darstellt. Mit LFI fiele kaum Glasabfall und relativ wenig Aufwand für die Herstellung glasfaserverstärkter Kunststoffe an. Nachdem ursprünglich Glasfasern in diesem Verfahren genutzt wurden, sei durch einfachen Austausch des Schneidwerkes auch Sisalschnur als Faserbeigabe geeignet. Krauss-Maffei will auch in Zukunft Maschinen für die Produktion von Naturfaserverbundwerkstoffen entwickeln.

Herr Barcikowski vom Laser Zentrum Hannover zeigte, dass das Schneiden von Verbundwerkstoffen aus Naturfasern um 10-80% kostengünstiger sei, als der selbe Prozess mit glasfaserverstärkten Kunststoffen und stellte Verfahren zum Verschweißen eines Oberflächenmaterials mit einem Naturfaserverbundwerkstoff mittels Laser dar.

Herr Wichmann (INVENT GmbH) präsentierte diverse Entwicklungsprojekte: flammbeständige Hanffaser-Verbundwerkstoffe mit Mineral-Farbpartikeln für die Innenverkleidung der LIREX Stadtbahnen, dem mittlerweile in Serie (10.000/Jahr) gehenden und ab Anfang 2004 am Markt erhältlichen Schuberth-Arbeitsschutzhelm mit leinölbasierter Matrix, Ruderbootmaterial und eine Messestandkonstruktion aus Naturfaserverbundwerkstoffen. Langfristige Projekte seien ein Motorradschutzhelm (evtl. in Mischung mit synthetischen Fasern) und 34 m lange Rotorblätter für Windkraftanlagen. (Vgl. Meldungen vom 2002-11-11 und 2002-01-09.)

Herr Eversmann vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) stellte eine Simulation von Formpressvorgängen mit Software unter Einsatz von experimentell gewonnenen Materialkennwerten für den Naturfaser-Nadelfilz dar.

Die Fachtagung wid voraussichtlich im Jahr 2004 erneut statt finden.

An Stelle eines gedruckten Tagungsbandes stehen nach Genehmigung durch die Referenten die Vorträge auf der RIKO-Homepage zur Verfügung.

Die Vorträge können Sie jetzt unter http://www.riko.net/html/agritechnica2003/messe_1.php3 studieren oder downloaden.

(Vgl. Meldungen vom 2003-10-16 und 2002-10-11.)

Source: nova-Institut, 2003-11-13.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email