4 Mai 2000

nova-Studie zu Märkten und Preisen von Naturfasern in Deutschland und der EU

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Das nova-Institut (Hürth im Rheinland) hat im Auftrag der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe Anfang des Jahres eine “Studie zur Markt- und Preissituation bei Naturfasern” erstellt, die nun zur Publikation freigegeben ist. Anlass für die Studie waren die Reformvorschläge der EU-Kommission für die Flachs- und Hanfbeihilfe (siehe
auch Meldung vom 08. und 11.11.99).

Im Anschluss an diese Meldung finden Sie eine Zusammenfassung der Studie. Die komplette Studie wird ab Mitte Mai 2000 verfügbar sein und kann kostenfrei über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe bezogen werden.

Kontakt:
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)
Hofplatz 1, 18276 Gülzow
Tel.: 03843-69 30-0
Fax: 03843-69 30-102
E-Mail: [email protected]
Internet: www.fnr.de

Am 18.05.2000 wird zudem die Studie in der FAL Braunschweig ausführlich vorgestellt und diskutiert. Nähere Informationen hier.


Das Dokument im PDF-Format.

Studie zur Markt- und Preissituation bei Naturfasern
(Deutschland und EU)

nova-Institut
März 2000

Autoren:
Dipl.-Phys. Michael Karus
Dipl.-Hdl. Markus Kaup
Dipl.-Ing. agr. Daike Lohmeyer

im Auftrag der:
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.
Förderkennz.: 99NR163

Zusammenfassung

Ziel der vorliegenden Studie zur “Markt- und Preissituation bei Naturfasern” ist, die heutigen und zukünftigen Märkte von in der EU-produzierten Flachs- und Hanffasern aufzuzeigen, die ökonomische Situation der Produzenten zu analysieren sowie geeignete Rahmenbedingungen abzuleiten, die eine sachgerechte Entwicklung der Naturfasermärkte gewährleisten. Letztere hängen vor allem von der EU-Beihilfepolitik ab, die für das Wirtschaftsjahr 2000/2001 grundlegend reformiert werden soll.
Die Studie konzentriert sich dabei auf die technischen Kurzfasermärkte, die gerade in den neuen Flachs- und Hanfländern – insbesondere in Deutschland, Großbritannien und den skandinavischen Ländern – von zentraler Bedeutung sind und über die bislang nur wenig bekannt ist. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand deshalb eine umfassende Datenerhebung unter allen relevanten Unternehmen und Verbänden in der EU mittels Fragebögen und Experteninterviews.

Kurzfaserproduktion
In der EU werden im Wirtschaftsjahr 1999/2000 etwa 60.000 bis 70.000 t Flachs-Kurzfasern und 25.000 bis 30.000 t Hanf-Kurzfasern produziert. In den traditionellen Flachsländern Frankreich, Belgien und den Niederlanden erfolgt die Flachs-Kurzfaserproduktion (“Werg”) als Nebenprodukt der Flachs-Langfaserproduktion, die ausschließlich auf den Bekleidungs- und Heimtextilmarkt ausgerichtet ist. In den neuen Flachs- und Hanfländern erfolgt die Gewinnung der Kurzfasern dagegen fast ausschließlich in sog. Gesamtfaserlinien, bei denen keine Auftrennung in Lang- und Kurzfasern erfolgt.

Märkte
Die wichtigsten Märkte für Flachs-Kurzfasern sind der Zellstoffbereich (Standard- und Spezialzellstoffe) mit ca. 45% und der Bekleidungs- und Heimtextilbereich mit ca. 20%. Weitere ca. 25% gehen in den Export außerhalb der EU. Beim Hanf ist der Spezialzellstoffbereich mit 87% noch dominanter.
Beim Spezialzellstoffmarkt handelt es sich um einen stabilen, hochpreisigen Nischenmarkt. Die wichtigsten Produktlinien sind Zigarettenpapier, Banknoten, technische Filter und Hygieneprodukte.

Marktentwicklungen bis 2005
Schaut man sich die Kurzfasermärkte allerdings genauer an, entdeckt man in den letzten Jahren interessante Entwicklungen. Angeregt durch umfassend geförderte Forschungs- und Entwicklungsprojekte und innovative Unternehmer sind neue, technische Produktlinien entstanden. Die zwei wichtigsten sind Verbundwerkstoffe in der Automobilindustrie und Dämmstoffe für den Hausbau.
Derzeit liegen die Marktanteile aller neuen, technischen Produktlinien noch unter 10% (Flachs) bzw. leicht über 10% (Hanf). Nach Prognosen der europäischen Faserproduzenten sollen diese Produktlinien aber bereits im Jahr 2005 Anteile von 30 bis 40% am insgesamt gewachsenen Markt erreichen.

Fördermittel und Investitionen
Aus Fördermitteln der EU (DG VI, DG XII, DG XIV) sind in den Förderperioden 1982 – 2002 bisher über 100 Mio. DM in die Entwicklung neuer Flachs- und Hanfanwendungen sowie Ernte- und Faseraufschlusstechniken geflossen. Hinzu kommen die jeweiligen nationalen Projekte. So wurden allein in Deutschland von 1989 – 2000 über 175 Mio. DM (hiervon über 88 Mio. DM aus öffentlichen Mitteln des Bundes und der Länder, Rest aus privaten Mitteln) in die Forschung & Entwicklung sowie für neue Ernte-, Faseraufschluss- und Weiterverarbeitungs-Techniken investiert. Auch in den nächsten Jahren planen die deutschen Erstverarbeiter weitere Investitionen in Höhe von ca. 150 Mio. DM zu tätigen.

Automobilindustrie
Besonders interessant ist der Einsatz von Naturfasern in der Automobilindustrie. Während die europäische Automobilindustrie noch im Jahr 1996 lediglich 4.000 bis 5.000 t Naturfasern einsetzte, waren es im Jahr 1999 bereits über 21.000 t, von denen etwa 30% aus EU-Produktion stammten und 70% aus Osteuropa und Asien importiert wurden. In diesem Zusammenhang zeigte sich auch, dass zur Zeit die eingesetzten Mengen an Hanffasern in der europäischen Automobilindustrie zu 100% aus EU-Produktion stammen.

Naturfasereinsatz in der europäischen Automobilindustrie (in t),
Umfrage unter Automobilzulieferern und Faserproduzenten

Faser

Deutschland
1996
laut Zulieferer
EU ohne D
1996
laut Zulieferer

Deutschland
1999
laut Zulieferer

EU ohne D
1999
laut Zulieferer
EU gesamt
2000
Prognose,
laut Zulieferer
EU gesamt
1999
laut EU-Faser-
produzenten

Flachs

ja ja

11.000

4.900 +2 bis +10% 2.118

Hanf

nein nein

1.100

600 +3 bis + 20% 1.770

Jute

ja ja

700

1.400 +2 bis +5%

Sisal

ja ja

500

  0 bis +3%

Kenaf

nein nein

1.100

  0 bis +3%

 

   

 

     

Gesamt

4.000 300

14.400

6.900 23.000-25.000 3.888

nova 2000

Naturfasern werden vor allem zur Verstärkung von Türinnenverkleidungen, Hutablagen sowie Säulen- und Gepäckraumverkleidungen eingesetzt. Nach heutigem Stand der Technik können pro Kraftfahrzeug etwa 5 bis 10 kg Naturfasern eingesetzt werden.
Die Automobilindustrie hat sich aus einer Reihe von technischen, ökologischen und ökonomischen Gründen grundsätzlich für den Einsatz von Naturfasern entschieden. Es wird erwartet, dass die Nachfrage weiter wächst und mittelfristig in der EU zwischen 40.000 und 70.000 t/a liegen wird. Unter Einsatz neuer, bis heute noch nicht serienreifer, Techniken kann sich dieser Bedarf langfristig noch verdoppeln. Eine Riesenchance für die neuen Gesamtfaserlinien in der EU.

Ökologische Dämmstoffe
Der zweite wichtige neue Markt für Flachs- und Hanf-Kurzfasern ist der Markt für ökologische Dämmstoffe, der nach wie vor ein Wachstumsmarkt ist, der in vielen Ländern schneller als der Gesamtmarkt wächst. Insbesondere die Flachsfaserproduzenten setzen große Hoffnungen in den Dämmstoffmarkt. Bis zum Jahr 2005 sollen mehrere 10.000 Tonnen pro Jahr abgesetzt werden. Diese Entwicklung setzt voraus, dass die Produktionskosten gesenkt werden und umfangreiche Marketingmaßnahmen umgesetzt werden können.

Spezialzellstoffe
Der Markt für Spezialzellstoffe, bislang die mit Abstand wichtigste Produktlinie für Flachs- und Hanf-Kurzfasern, wird von Experten aus dem Zellstoffbereich als stagnierend bis leicht schrumpfend eingeschätzt. Dennoch gehen die Faserproduzenten davon aus, den Markt bis zum Jahr 2005 um 10% ausdehnen zu können. Dies wird nur durch die Erschließung neuer Märkte oder Substitution anderer Faserpflanzen möglich sein; dies bedarf zum einen besonderer, auch regionaler Marketingaktivitäten und zum anderen neuer, z.B. ökologischer Qualitäten des Zellstoffs.

Ökonomische Situation der Faserwirtschaft
Die ökonomische Situation der neuen EU-Gesamtfaserproduzenten zeichnet sich – selbst auf dem heute vergleichsweise hohen Beihilfeniveau – durch nur kleine Gewinne aus. Grund hierfür sind vor allem die Anlaufschwierigkeiten der neuen Anlagen. Technische Probleme sind zu lösen, Durchsatz und Produktivität müssen erhöht und die neuen Märkte erschlossen werden.
Gleichzeitig besitzen die Faserpreise unter dem Konkurrenzdruck der Importe aus Osteuropa und Asien nur einen geringen finanziellen Spielraum auf. Die Industrie nimmt im technischen Sektor nur Fasern ab, deren Preis zwischen 0,90 und 1,20 DM/kg liegt. Wichtigste Konkurrenzfasern für EU-produzierte Flachs- und Hanffasern sind Flachsfasern aus Ostereuropa, Jute- und Kenaffasern aus Indien und Bangladesch sowie Sisal aus Südafrika, Südamerika und Asien.

Rasche Senkung der EU-Beihilfe gefährdet Existenz der Betriebe
Die aktuellen Vorschläge der EU-Kommission zur Reform der Flachs- und Hanfbeihilfe stellen keine geeigneten Rahmenbedingungen für eine sachgerechte Entwicklung der neuen Naturfasermärkte dar. Eine schnelle und deutliche Absenkung der Beihilfen sowie zusätzliche Auflagen entziehen den neuen Gesamtfaserlinien in ihrer Startphase den finanziellen Boden. Selbst mit deutlichen Produktivitätssteigerungen werden die meisten neuen Unternehmen keinen Gewinn mehr erzielen können.
Es besteht damit die reale Gefahr, dass die komplette Gesamtfaser-Wirtschaft, die sich in den letzten Jahren in vielen neuen Flachs- und Hanfländern entwickelt hat und mit umfangreichen öffentlichen Mitteln gefördert wurde, zusammenbricht, private und öffentliche Investitionen verloren sind und das seit fast zwei Jahrzehnten verfolgte Ziel, eine neue, technisch orientierte Naturfaserwirtschaft in der EU zu etablieren, endgültig gescheitert wäre.

Politische Entscheidung
Die Gefährdung der jungen Gesamtfaserindustrie fällt in eine Zeit, in der die industrielle Nachfrage nach Flachs- und Hanf-Kurzfasern größer ist als je zuvor. Vor allem in der Automobilindustrie ist die Entscheidung für einen verstärkten Einsatz von Naturfasern gefallen.
Es ist eine agrar- und wirtschaftspolitische Entscheidung der EU, in welchem Umfang dieser Bedarf zukünftig mit EU-produzierten Flachs- und Hanffasern oder aus Importen gedeckt wird.
Bei geeigneten Rahmenbedingungen besteht die Chance, eine ökologische und nachhaltige Versorgung der Industrie mit technischen Naturfasern aus der EU zu etablieren. Diese Chance sollte nicht für kurzfristige Beihilfe-Einsparungen verspielt werden. In einer Gesamtkalkulation sollten vielmehr neben der Beihilfe auch substituierte Naturfaserimporte, Arbeitsplatz- und Umwelteffekte sowie die Gefährdung bereits getätigter Fördermittel und Investitionen Berücksichtigung finden.

Für die zukünftige Entwicklung der technischen Märkte für EU-Naturfasern, ist daher vorrangiges Ziel, die jetzigen Reformvorschläge der EU-Kommission zu modifizieren. Die Studie diskutiert diesbezüglich verschiedene Vorschläge.

Die Autoren der Studie sind Mitarbeiter des nova-Instituts. Das nova-Institut für Ökologie und Innovation wurde 1994 gegründet. Seine größte Abteilung beschäftigt sich mit nachwachsenden Rohstoffen, insbesondere mit Märkten und Ökonomie Biologisch Abbaubarer Werkstoffe (BAW), wie z.B. Naturfasern und Bio-Kunststoffen.

Adresse:
nova-Institut
Goldenbergstr. 2
50354 Hürth
Internet: “www.nova-institut.de

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