3 Mai 2006

nova-Messebericht: Feine (Holz-)Innovationen am Rande der Hannover-Messe

Get new technology now! - Und was gibt es Neues für die Holzindustrie? Wood-Plastic-Composite-Materialien im Fokus

Die Hannover-Messe ist mit 5.175 Ausstellern aus 66 Ländern die weltweit größte Industriemesse. Sie verbindet zehn wichtige Leitmessen und wurde in diesem Jahr an den fünf Messetagen (24.-28.April) von ca. 155.000 Besuchern frequentiert.

Indien ist das diesjährige Partnerland der Messe. Von dieser weltweit größten Demokratie (mehr als 1,1 Mrd. Einwohner) mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von über 7% erhofft sich die deutsche Industrie neue Märkte und deutliche Impulse für die heimische Wirtschaft.

Die deutsche Bundesregierung und die Landesregierungen unterstützen dieses Bestreben mit viel Engagement. So eröffneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der indische Premierminister Manmohan Singh die Messe mit einem Festakt im Congress Centrum im Beisein der geladenen Vertreter aus den Führungsetagen nahezu aller deutschen Unternehmen mit globalen Ambitionen.

Merkel und Singh verwiesen in ihren Ansprachen auf eine Unterschätzung der strategischen Bedeutung des indischen Marktes in der Vergangenheit. Für die Zukunft wurde daher eine weitere Intensivierung der Kooperation vor allem in Forschung, Wissenschaft und auf dem Energiesektor angekündigt.

Und wo war die Holzindustrie? Traditionell ist die Hannover Messe eine Plattform des Maschinenbaus. Fertigungstechnik, Robotik und Automatisierung dominieren die Messehallen. Aber viele Unternehmen dieser Branchen liefern auch Equipment für die industrielle Holzverarbeitung. Besonders Produkte aus den Segmenten Sensorik und diverse Softwareapplikationen wurden – optimiert für die Holzindustrie – auf der Messe vorgestellt.

Feine Innovationen präsentierte vor allem die Forschung. Der Bereich “Research & Technology – Innovationsmarkt für Forschung und Entwicklung” füllte die gesamte Halle 2 aus. Überwiegend auf Gemeinschaftsständen stellten Hochschulen und Existenzgründer ihre Innovationen der Öffentlichkeit vor:

Das so genannte Wood-Welding, zu übersetzen mit “Holzschweißen”, war besonders für den unbedarften Laien eine kleine Sensation. Die Bieler Hochschule für Architektur, Bau und Holz präsentierte dieses Verfahren zum Klebstoff freien Verbinden von Massivholz.

Die Wissenschaftler verstehen Holz nicht nur als feste Baum-Substanz, sondern auch als einen chemischen Rohstoff, ein makromolekulares Material. Dieses weist Bestandteile auf, die unter Wärmezufuhr durch lineare Reibung der Gitterstrukturen in einen dickflüssigen Zustand übergehen. Kommen zwei Holzstücke während der flüssigen Phase miteinander in Kontakt, sind sie nach dem Erkalten fest verschweißt. Der gesamte Vorgang ist in wenigen Sekunden abgeschlossen und die Werkstücke sind sofort weiter bearbeitbar. Ein Snowboard ist inzwischen das erste Serienprodukt.

Die RWTH Aachen, Fachgebiet Innenraumgestaltung und Möbelbau, präsentierte auf dem Gemeinschaftsstand der Hochschulen Nordrhein-Westfalens “Innovationsland NRW” Nachbauten der Möbelklassiker “Red-Blue-Chair” (Gerrit Rietveld, 1918/1923) und des Bürostuhles des Bauhausdirektors Walter Gropius, der auf einen Entwurf von Marcel Breuer für das Haus am Horn, Weimar 1923, zurück geht.

Das allein wäre noch nichts Innovatives – wären diese Nachbauten nicht komplett aus Wood-Plastic-Composite-Materialien (WPC) gefertigt. Im Rahmen von Möbelbau-Studien zur Verbindungstechnik wurden klassische Holzverbindungen in ästhetischer Weise auf diesen neuen Werkstoff übertragen.

Ein aufwändig inszeniertes Fotoshooting mit dem Kölner Model Iris Rettig und dem Bielefelder Fotografen Timo Kleinerüschkamp im Rahmen der “Night of Innovation” (Montagabend) führte an den folgenden Messetagen zu zahlreichen Nachfragen – und sorgte für viel Publicity für diese Werkstoffe. Auch das Hannoversche Fahrgastfernsehen berichtete.

Die Möbelstudien beweisen die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten für WPC, besonders die Versuche zur Oberflächengestaltung und zu Klebetechniken zeigen jedoch auch den weiteren Forschungsbedarf auf. Vertreter der Industrie waren besonders an thermogeformten Applikationen und an Plattenwerkstoffen interessiert.*

Pünktlich zur Messe lag auch die gedruckte Version der WPC-Marktstudie des nova-Institutes vor.** Sie konnte am Stand der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) in Halle 13 eingesehen und bestellt werden.

(Diese von der FNR mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) geförderte Studie ist zwar schon im vergangenen Herbst in digitaler Form erschienen, die Umsetzung als Printversion hat leider einige Zeit beansprucht, sie beinhaltet aber schon das Update vom Januar 2006.)

Doch es gibt nicht nur WPC! – Applikationen mit Bambusfasern lassen zukünftig das Kürzel “BPC” erwarten. Spritzgussanwendungen aus diesem Compound wurden einerseits von TEBAST (Sachsen-Leinen e.V.) vorgestellt, andererseits konnten hier auch indische Unternehmen auf verschiedene Produkte verweisen. Besonders in den Ursprungsländern des Bambus ist diese Faser sicherlich eine interessante Alternative im Compound.

Die Firma Tecnaro GmbH aus Eisenach-Stedtfeld war ebenfalls mit einer Neuheit auf die Hannover Messe gereist: Mit ARBOBLEND V2 stellte sie ein rein-weißes Biopolymer aus der Produktreihe ARBOFORM® vor (Arbor, lateinisch = der Baum). (Vgl. Meldung vom 2004-04-22.)

Tecnaro ist bekannt als Hersteller hochwertiger Thermoplaste aus nachwachsenden Rohstoffen. Ausgangsrohstoff hierfür ist Lignin, welches nach der Cellulose das am zweithäufigsten vorkommende natürliche Polymer ist. Lignin fällt als Beiprodukt der Zellstoffindustrie weltweit jährlich zu etwa 50 Mio. Tonnen an.

Mischt man Lignin mit Naturfasern (Flachs, Hanf oder anderen Faserpflanzen), so erhält man einen unter Erwärmung verarbeitungsfähigen Faserverbundwerkstoff, der auf herkömmlichen Kunststoffverarbeitungsmaschinen wie ein synthetisch hergestellter Thermoplast zu Formteilen, Tafeln oder Platten verarbeitet werden kann.

So sind beispielsweise Lautsprecher-, Computer-, Fernseh- oder Handygehäuse aus “Holz” möglich. Oder auch Urnen. Für letztere gibt es inzwischen auch auf deutschen Friedhöfen eine Zulassung, so das Schweizer Unternehmen Alento AG.

Über eine Plasmabehandlung lässt sich Massivholz veredeln. Diese Behandlung mit elektrischer Entladung bewirkt eine bessere Farbhaftung und steigert die Witterungsbeständigkeit von Lacken und Lasuren. Auch die Verleimung wird optimiert, so die Wissenschaftler der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) aus Göttingen. Dieses Verfahren wurde bisher im industriellen Maßstab erprobt, steht aber künftig durch die Entwicklung eines Handgerätes auch Handwerksbetrieben zur Verfügung.

In Halle 17, eigentlich dem Thema “Factory Automation” vorbehalten, waren bei der Maschinenbau Kitz GmbH neben zahlreichen Aluminium-Profilen auch die Holz-Profile aus extrudiertem “Thermoplastischem Faserstoff”, einer Produktbezeichnung für WPC, zu finden. Diese stellen für das Unternehmen im Vergleich zum Standardsortiment eher einen “Marketing-Gag” dar als eine ernstzunehmende Sparte. Dennoch stoßen diese Profile bei Designern, Möbelbauern, Objekteinrichtern und Produkt-Scouts immer wieder auf großes Interesse. Sie lassen sich mit herkömmlichen Schraubverbindern zu Regalen und Kleinmöbeln kombinieren.

Was es alles von der Natur zu lernen gibt, zeigte der gut besuchte Gemeinschaftsstand “Bionik”. Besonders das Forschungszentrum Karlsruhe orientiert sich bei der Bauteiloptimierung an den Prinzipien der Bäume und des Bambus.

Was dies für die Praxis bedeuten kann, ließ sich in einem Bambus-Pavillon der besonderen Art erleben. Unter dem leichten Gewebe von Christoph Tönges (CONBAM) herrschte selbst in den nüchternen Messehallen eine Stimmung von Karibikurlaub. Die Tragkonstruktion aus Bambus wird mit speziellen Verbindungsmitteln fixiert, die eine standarisierte und ästhetische Befestigung der Riesengras-Rohre ermöglichen. (Vgl. Meldung vom 2006-04-03.)

Zusammenfassend muss dennoch festgestellt werden, dass in diesem Jahr die Holzbranche auf der Hannover-Messe allenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Angesichts der inhaltlichen Ausrichtung der Messe insgesamt verwundert dies jedoch nicht. Die Terminüberschneidungen mit der Holzbau und Ausbau Messe zusammen mit den Deutschen Holzbautagen in Nürnberg haben wohl ihr übriges zum weitgehenden Fernbleiben der “Hölzernen” beigetragen.

Die dargestellten Innovationen werden allerdings künftig auf den entsprechenden Fachmessen noch für viel Gesprächstoff sorgen.

Weitere Informationen

**Die WPC-Marktstudie (Wood-Plastic-Composites (WPC), Holz-Kunststoff-Verbundwerkstoffe: Märkte in Nordamerika, Japan und Europa mit Schwerpunkt auf Deutschland; Technische Eigenschaften – Anwendungsgebiete – Preise – Märkte – Akteure) kann bei der FNR im Internet-Shop unter www.fnr.de oder postalisch bestellt werden:

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)
Hofplatz 1
18276 Gülzow
Telefon 0 38 43/69 30-0
Fax 0 38 43/69 30-1 02

Als PDF steht die Studie aber weiterhin auf www.wpc-kongress.de oder direkt auf den Seiten des nova-Instituts
www.nova-institut.de/pdf/06-01_WPC-Studie.pdf zum kostenlosen Download bereit.

*Der zur Messe erschienene WPC-Sonderdruck der RWTH Aachen enthält in verkürzter Form die aktuellen Veröffentlichungen der RWTH zum Thema “WPC im Möbelbau”, sowie über den Studiengang Holztechnik an der RWTH. Er kann gegen Zusendung eines frankierten und adressierten C5-Umschlages unter folgenden Adressen bestellt werden:

RWTH Aachen
Fachbereich Bauingenieurwesen
c/o Prof. Dr.-Ing. R. Bertig
Stichwort Broschüre
Mies-van-der-Rohe-Str. 1
52074 Aachen

Berner FH, Hochschule für Architektur, Bau und Holz HSB
Solothurnstraße 102
2500 Biel 6
Ansprechpartner: Frédéric Pichelin
Tel.: +41/32/3440342
Fax: +41/32/3440391
E-Mail: frederic.pichelin@bfh.ch

Source: Hannovermesse Blickpunkt Holz-Innovationen vom 2006-05-03.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email