3 Juni 2008

nova-Kongressbericht: Weiße Biotechnologie in Europa auf dem Weg zur Weltspitze

Positionen des European White Biotechnology Summit 2008 zur industriellen Biotechnologie in Europa

Vom 21. bis 22. Mai 2008 fand im Frankfurter Sheraton Congress Hotel der erste White Biotechnology Summit statt. In überschaubarer Runde mit rund 30 hochrangigen Vertretern aus Industrie und Forschung wurden Positionen und Hintergründe zum Stand der industriellen Biotechnologie ausgetauscht und diskutiert. Einigkeit herrschte vor allem in Einem: Die Forschung zur Weißen Biotechnologie in Europa hat das Potenzial, international eine führende Rolle in der Grundlagenforschung und Anwendung einzunehmen.

Politische Grundlagen
Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. John Slime, dem Direktor der Arbeitsgruppe Bioscience for Business, der Knowledge Transfer Networks, Großbritannien. Dr. Alfredo Aguilar, der Leiter der Sektion Biotechnologie der Europäischen Kommission stellte im Einführungsseminar das europäische Förderprogramm “Knowledge-Based Bio-Economy” und dessen Anforderungen an die europäische Industrie und Wissenschaft dar. Dabei rückte er vor allem den Faktor “Wissen” als Nische für die europäische Biotechnologie in den Vordergrund.

Deutlich provokanter wandte sich nachfolgend Ricardo Gent, Sprecher der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), an das Publikum. Unter dem einprägsamen Slogan “Lead market needs market” stellte er klar, dass eine Spitzenposition der europäischen Biotechnologie nur dann erreicht werden kann, wenn der Markt nicht durch die europäische Gesetzgebung eingeschränkt wird. Sein Statement: Die Biotechnologie braucht den freien Zugang zu allen technischen Möglichkeiten, um ihre Marktposition gegenüber Nordamerika und Asien behaupten und ausbauen zu können. Er forderte vor allem den Zugang zu ertragsoptimierten gentechnisch veränderten Pflanzen, der nach aktueller Gesetzeslage weitgehend verwehrt ist und bereits am Beginn der Wertschöpfungskette einen Engpass für die Entwicklung schafft. An mehreren Beispielen zeigte er zudem auf, welche Produkte sich aktuell in der Entwicklung bzw. auf dem Markt befinden.

Wirtschaft und Industrie
Tiefere Einblicke in die wirtschaftlichen und industriellen Fakten zum Einsatz von Biotechnologie in der Industrie bescherten den Teilnehmern Dr. Ulrich Weihe von McKinsey and Company sowie Ralf Kelle, der Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung Biotechnologie der Evonik Degussa GmbH. Weihe stellte den aktuellen Markt und die McKinsey-Prognosen für 2010 dar. Dabei prognostizierte er, dass die Weiße Biotechnologie 2010 mit einem Marktvolumen von 125 Mrd. Euro einen Anteil von 10% an den Gesamteinnahmen der chemischen Industrie haben werde.

Er demonstrierte auch den Zusammenhang zwischen Rohstoffpreisen und Produktwahl sowie die Schwierigkeit bei der Bemessung von Kohlenstoffdioxidbilanzen als Grundlage für eine Diskussion um Umweltverträglichkeiten. Ein spannender Aspekt: Obwohl die Weiße Biotechnologie eine fast unüberschaubare Vielfalt an potenziellen Erzeugnissen ermöglicht, konzentriert sich die chemische Industrie nur auf sehr wenige, relativ unkomplizierte Schlüsselprodukte. Ethanol, Milchsäure, 1,3-Propandiol, Butanol und Bernsteinsäure sind die einzigen Produkte, die aktuell in größerem Maßstab über Bioraffinerien hergestellt werden.

Die Gründe für diese Konzentration auf Schlüsselsubstanzen legten Ralf Kelle und später auch Christoph Rupp-Dahlem, Roquette, dar. Sie liegen vor allem in den Kosten und der Komplexität biotechnologischer Prozesse, die gegenüber konventioneller chemischer Industrie nur relativ selten effektive Vorteile bringen. Die Kosten zur Entwicklung eines Produktes betragen im Bereich Forschung und Entwicklung etwa 30 Millionen Euro, der Aufbau der notwendigen Anlagen schlägt mit weiteren 100 Millionen Euro zu Buche, und für Pilotprojekte, Patentanmeldung und Markteinführung eines neuen Projektes werden weitere 13 Millionen Euro angenommen.

Diese Kosten sind ökonomisch nur dann gerechtfertigt, wenn sie zu einer effektiven Reduzierung der Produktionskosten der biotechnologischen Alternative, vor allem der Rohstoff- und Energiekosten, führen. Das Argument der Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit spielt gegenüber der Kostenkontrolle dagegen eine sehr stark untergeordnete Rolle bei der Produktionsentscheidung. Roquette, die das Potenzial von biotechnologisch hergestellter Bernsteinsäure auf der Basis von Maisstärke erforschen, suchen entsprechend auch eher nach einem Weg, Butandiol als Zwischenprodukt mit sehr großem Potenzial zu gewinnen.

Rohstoffe
Einen weiteren Schwerpunkt stellten die Rohstoffe dar und dabei vor allem die Fragen nach deren Herkunft und Verfügbarkeit für die biotechnologische Produktion. Der zentrale Hoffnungsträger hierbei ist die Zellulose, die auf großtechnischem Weg zu Zucker zerlegt werden soll. Techniken zur Herstellung von hochwertigem Zucker aus Lignocellulosen existieren aktuell keine, verschiedene Technologien befinden sich aber in der Entwicklung. Dabei stellt Cellulosezucker den Hoffnungsträger sowohl für die Biokraftstoffindustrie dar, wie Jack Huttner, Vizepräsident des Abteilung “Biorefinery Business Development” bei Genencor in den USA, aufzeigte, als auch für die chemische Industrie, wo Zucker als Basis fast aller zentralen Zwischenprodukte gebraucht wird.

(Vgl. Meldungen vom 2008-05-14, 2008-03-17 und 2008-02-26.)

Source: nova-Institut GmbH, Eigenrecherche, 2008-06-03.

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