7 Juni 2004

nova-Kongressbericht: Tag der Biomasse

One Day Side Event der Renewables am 3. Juni 2004

Eingeladen zum “Side Event” der “renewables2004″ – Tag der Biomasse am 03. Juni im Wissenschaftszentrum Bonn – hatten das Bundesverbraucherministerium (BMVEL) und das Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW (MUNLV). Das Hessische Ministerium für Umwelt, ländliche Entwicklung und Verbraucherschutz (HMULV), die FNR, die FAO, die GTZ, die Southern African Development Community (SADC), die World Alliance for Decentralized Energy (WADE) und weitere namhafte NGOs waren vertreten.

Die gleichzeitig von der FNR anberaumten “Erlebnistage Bioenergie” auf dem Bonner Münsterplatz (vgl. Meldung vom 2004-05-19 und die vom Bundespräsidenten eröffnete Woche der Umwelt auf dem Gelände der Villa Hammerschmidt bescherte vermutlich der Veranstaltung insgesamt einen eher diskreten Zulauf.

Zur Eröffnung begrüßten NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn bzw. Herr Alexander Müller vom BMVEL. Anschließend präsentierten in der Session 1 namhafte Vertreter internationaler Institutionen den bisher erreichten Stand der Forschung. Kurz skizziert sei hier eine Übersicht:

GERBIO-Vorstandsmitglied Michael Köttner (IBBJ / FNBB) berichtete über den zunehmenden Einsatz von Energiepflanzen zur Biogasgewinnung, was von Heinz-Peter Mang, ebenfalls GERBIO-Vorstandsmitglied und Projektleiter des GTZ-Projekts “ecosan” mit der Schilderung von ökologischen Verfahren zur effektiven Abfall- und Abwassernutzung, welche nicht nur zur Biogaserzeugung, sondern auch der Nährstoff-Rückgewinnung oder dem Wasserschutz dienen können, abgerundet wurde.

Michael Brown, WADE-Vorsitzender, konnte Interessantes zur Verwertung von Bagasse, dem Sekundärrohstoff bei der Zuckerrohrgewinnung, beitragen. Anschaulich vermittelte er das enorme Energiepotenzial des Rohstoffs über die Raffinierung zu Ethanol und die Möglichkeiten, die die Nutzung von Bagasse speziell für die Entwicklungsländer als Potenzial zu ökonomischem Wachstum der ländlichen Gebiete und als Option für sauberen Strom darstellt.

Dr. Anna Runzheimer, Vorsitzende der Abteilung “Landwirtschaft” des hessischen Umweltministeriums, gab einen Überblick über die Bioenergie-Agenda Hessens bzw. des vom HMULV entwickelten Gesamtkonzeptes “Biomasse zur energetischen Nutzung im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung ländlicher Räume – Neue Perspektiven für den ländlichen Raum und die Land- und Forstwirtschaft in Hessen” sowie der dazu entwickelten Umsetzungsstrategie. Als weitere Veranstaltung Hessens wurde eine Exkursion vom 4. bis 6. Juni 2004 nach Witzenhausen und in die besonders ausgewählte Modellregion Nordhessen angekündigt, an der interessierte Konferenzbesucher teilnehmen können. Hierbei wird das Kompetenzzentrum HessenRohstoffe (HeRo) e.V. mit einem Technologiepark samt einem Markt der Möglichkeiten und Akteure in der Modellregion Nordhessen besucht.

Zu den Biomasse-Pionieren Hessens zählt auch Prof. Dr. Konrad Scheffer von der Universität Kassel, der seine Konzepte zur Energie- sowie Wertstoffgewinnung aus feuchtsilierter Biomasse vorstellte, wobei die vollständige Verwertung der Pflanzen vorgesehen ist. Aus entsprechenden “Energie”-Pflanzenarten wie Hanf (Fasern), Raps (Öl), Mais (Stärke) können somit nach dem Silierprozess sowohl Wert- als auch Brennstoffe gewonnen werden.

Das Verfahren, aus Biomasse Synthesegas zu erzeugen, welches wiederum Ausgangsstoff – z.B. per Fischer-Tropsch-Hydrierung – für viele weitere energetische Anwendungen ist, erläuterte Dr. Wolfgang Steiger von der Volkswagen AG. Er berichtete über Forschungsstand, Entwicklung und Markteinführung synthetischer Biomasse-Treibstoffe (z.B. sunfuel®) in Deutschland, welche auf eben diesem Verfahren basieren.

Von Interesse war auch die Vorstellung des vom hessischen Ministerium aus dem Partnerland Bulgarien geladenen Architekten Kristian G. Milenov, der in seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender der Agency for Sustainable Development und EUROintegration in Sofia bei der Konferenz gastierte. Milenov zeigte insbesondere die Potenziale zur energetischen Holznutzung seines Landes auf.

Die Session 2 befasste sich nach der Mittagspause mit den politischen Rahmenbedingungen bzw. Umsetzungsstrategien zum Thema Biomasse:

Unter Vorsitz von Dr. Jürgen Ohlhoff (BMVEL) führte zunächst Dr. Gustavo Best von der FAO das Konzept der “Energisierung” (“energization”) im Kontext ländlichen Bioenergie-Potenzials der Entwicklungsländer an. Dies beinhalte die wichtige Rolle der Bioenergie für die Reduzierung der gegenwärtigen Armut vieler Bevölkerungen, wobei mögliche Synergien zwischen Nahrungs- und Energieerzeugung bei gleichzeitiger Vermeidung möglicher negativer Auswirkungen auf die Ernährungssicherstellung zu berücksichtigen sind. Best verwies hierfür auf die Erfordernis von entsprechenden Voraussetzungen, wie Klärung der Besitzverhältnisse, der Energie- und Agrarpolitik, der Wasser- und Waldbewirtschaftung, von Anbaupraktiken und Arbeitsverhältnissen sowie diverser sozialer Probleme. Hierfür beabsichtigt die FAO besondere Aufbau- und Informationsarbeit zu leisten und Dr. Best konnte die in dieser Woche frische Gründung eines neuen FAO-Arbeitskreises, die “UN-Energy” bekannt geben. (Vgl. Meldung vom 2004-06-02.)

Anschließend berichtete der hessische Umweltminister Wilhelm Dietzel – selbst aktiver Landwirt – über den hessischen Gesamtstatus zur Bioenergie, nannte imposante Zahlen und hob die enormen Potenziale der hessischen Forstwirtschaft hervor. Mit Stolz verwies er auf die Vorreiterrolle und Leistung hessischer Bioenergie-Anlagen und erläuterte den Prozess zur Errichtung des neuen Kompetenzzentrums Hessen Rohstoffe e.V. in Witzenhausen, welches noch diese Woche offiziell eröffnet wird. (Vgl. Pressemitteilung vom 2004-06-03.)

Die nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn schloss sich an Dietzels Ausführungen mit einer Status-Protokollierung der Aktion Holzpellets an, demonstrierte Informationsmedien, High-Tech-Pelletanlagen und vergaß nicht zu erwähnen, dass NRW mittlerweile mit seiner wachsenden Anzahl an Biogasanlagen durchaus versteht, nicht nur aus Mist und Gülle Gold zu machen. (Vgl. Pressemitteilung vom 2004-06-04.)

Ziemlich interessant verlief die anschließende Podiumsdiskussion, die unter dem Thema “Overcoming Barriers for the use of Biomass Energy” von Herrn Schmitt (GTZ) moderiert wurde. Seine Fragestellung zum Start beinhaltete die Relevanz von Biomasse-Anlagen für die Interessen von potenziellen Investoren unter Berücksichtigung möglicher Hindernisse. Dr. Best (FAO) wies darauf hin, dass die Relation zwischen Landwirtschaft und Energiewirtschaft unbedingt global gelöst werden müsse, während Michael Brown (WADE) insbesondere die derzeit rechtlichen Hemmnisse zur dezentralen Energienutzung beklagte. Minister Dietzel betonte, dass die Nutzung brach liegender Potenziale vor allem der Landwirtschaft zu besserem ökonomischem Status verhelfen könne. Allgemeine Übereinstimmung herrschte in dem Punkt, dass der Zugang zu Information und entsprechendem Hintergrundwissen eine wichtigere Basis darstellt als die Kostenfrage. Freddie Mothlatlhedi (SADC) stellte hier klar, dass insbesondere die Entwicklungsländer hier ein erhebliches Defizit haben und gerade kleinere Betriebe in der ländlichen Bevölkerung kaum zu erreichen seien.

Der weitere Nachmittagsverlauf befasste sich als Session 3 vertiefend mit den Umsetzungsmöglichkeiten der vertretenen Organisationen. Unter Leitung von Herrn Dr. Steffen Daebeler (FNR) stellte hier Prof. Hans Ruppert (Universität Göttingen) und Frau Dr. Ing. Marianne Karpenstein-Machan schwerpunktmäßig die Aspekte des Modells Bioenergiedorf dar (vgl. Meldung vom 2004-06-07), während Dr. Best den FAO-Vorschlag “Internationaler Rahmenplan zur Bioenergienutzung” vertiefte.

Anm. d. Redaktion: Anbetrachts des prognostizierten enormen Potenzials der Biomasse als kommendem Energieträger war diese allerdings mit dem Tag der Biomasse am 03. Juni als “Side Event” im Rahmen der “renewables2004″ erstaunlich unterrepräsentiert. Trotz hochkarätiger Referenten und einer reibungslosen Programmabwicklung ist bemerkenswert, dass die Produzenten dieses Rohstoffs, nämlich die künftigen “Energiewirte”, auf dieser Veranstaltung weder aktiv vertreten waren und auch keine Ansprache erfuhren. Nicht zuletzt stellte auch die Tatsache, dass bis auf eine kurze Ausnahmezeit – nämlich während der Anwesenheit von Minister Dietzel – alle Vorträge und Diskussionen in englischer Sprache ohne Übersetzung abgehalten wurden, selbst für interessierte Landwirte mit Beobachterstatus eine erhebliche Verständnisschwelle dar.

PDF-Download: Thematic background paper – Biomass (1.5 MB)

NRW-Kontaktadressen Biomasse unter www.nrw-nr.de

Source: International Conference "renewables2004" - Side Event: Day of Biomass, Bonn, 2004-06-03.

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