10 Juli 2008

nova-Kongressbericht: Renaissance der Naturfasern

Bericht zum 7. Internationalen Kongress über WPC und Naturfaser-Verbundwerkstoffe

Der “7. Internationale Kongress über WPC und Naturfaser-Verbundwerkstoffe”, 18.-19. Juni in Kassel, überraschte selbst die Veranstalter mit einer Rekordzahl von 380 Teilnehmern und 30 Ausstellern. Seit zehn Jahren veranstaltet das Institut für Werkstofftechnik der Universität Kassel diesen hoch angesehenen Kongress, der sich zu einem der wichtigsten internationalen Branchentreffpunkte entwickelt hat. Nachdem die Teilnehmerzahl in den letzten Jahren stagnierte, war dieses Jahr ein neues Interesse an Biowerkstoffen, vor allem an WPC und Naturfaserverstärkten Kunststoffen (NFK) von Seiten der Industrie festzustellen.

Die meisten der 51 Referenten und 40 Posterpräsentationen befassten sich wie in den Vorjahren mit technischen Aspekten der neuen Werkstoffe. Auf besonderes Interesse stießen aber Vorträge, die sich mit der aktuellen Rohstoffkrise und ihren Folgen für die Werkstoffwahl der Zukunft auseinandersetzten. Vor allem D. Scherzer von der BASF AG (“Erneuerbare Ressourcen und Biopolymere – Was bringt die Zukunft?”), J.-W. Becke von der Volkswagen AG (“Naturfasern und Biopolymere in der Automobilindustrie”), A. Teischinger vom Kompetenzzentrum Holz GmbH, Österreich (“Ressourceneffizienz durch leichte Holz-Verbundwerkstoffe”) und Michael Carus vom nova-Institut (“Rohstoffpreiskrise: Was können Agrarrohstoffe leisten?”) befassten sich mit dieser Thematik.

Unter den genannten Referenten aus Industrie und Forschung herrschte in den meisten Punkten Einigkeit: Die aktuelle Rohstoffkrise solle ernst genommen werden, der Einsatz von Biokraftstoffen sei kritisch zu sehen, der Solarenergie stehe eine große Zukunft bevor und vor allem: Sowohl Erdöl als auch Biomasse seien viel zu wertvoll zum Verbrennen. Beide sollten vor allem stofflich genutzt werden – wobei im Falle der Agrarrohstoffe natürlich Lebens- und Futtermittel Vorrang haben müssen.

Der Besucherrekord war vor allem deshalb zustande gekommen, weil sich die Teilnehmer über den aktuellen Stand bei Biowerkstoffen erkundigen wollten. Das Management in der Industrie macht sich bei weiter steigenden Preisen für fossile und mineralische Rohstoffe ernsthafte Gedanken über die Werkstoffe der Zukunft und zeigt dabei zunehmend Interesse an Biowerkstoffen. Was aber sind Biowerkstoffe? Wichtig sind dem Management vor allem die Aspekte “nachwachsend”, “gute Klimabilanz” und “keine Konkurrenz zu Lebensmitteln”.

Letzteres führt zu einer erstaunlichen Skepsis gegenüber Biopolymeren, die ja in der Regel auf Basis von Zucker und Stärke produziert werden. Auch wenn diese Argumentation reflexartig von der Biokraftstoff-Diskussion übernommen wurde und einer näheren Analyse kaum stand hält (es geht um ein geeignetes Ressourcenmanagement und nicht um das grundsätzliche Nicht-Nutzen potenzieller Nahrungsmittel für Werkstoffe – denn dies kann durchaus der effizienteste Weg sein und keinerlei Gefahr in der Lebensmittelversorgung bedeuten), muss die Diskussion sehr ernst genommen werden. Die Industrie wird nach den Erfahrungen mit dem radikalen Imageverlust bei Biokraftstoffen nicht auf Biowerkstoffe setzen, denen in der öffentlichen Diskussion ähnliches passieren könnte.

Und genau hieraus scheint das neue Interesse an Naturfasern und Holzwerkstoffen zu resultieren, denn beide Rohstoffe sind nicht essbar und stehen – zumindest auf den ersten Blick – in keiner Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau. J. Reichhold (Faurecia) sprach in seinem Vortrag “Herausforderungen an Naturfaser-Verbundwerkstoffe für die Automobilindustrie – Leichtbau, Nachhaltigkeit und Sicherheit” von einer “Renaissance der Naturfasern in der Automobilindustrie”. Anwesende Automobilkonzerne und Zulieferer bestätigten diesen Trend und sehen in den nächsten Modellreihen wieder den verstärkten Einsatz von Naturfasern kommen. Was in diesem Zusammenhang alles möglich ist – auch in Kombination mit Biopolymeren wie PLA oder Lignin – zeigte T. Nishimura (Toyota) in seinem viel beachteten Vortrag: Naturfasern in den nächsten High-Tech-Fahrzeugen in Japan.

Insgesamt hat sich der Besuch des Kongresses “7th Global WPC and Natural Fibre Composites – Congress and Exhibition”, so der offizielle Titel, sehr gelohnt, um die Stimmung und die neuesten Trends in der Branche unmittelbar erfahren zu können und mit frischem Mut an der weiteren Etablierung von Biowerkstoffen zu arbeiten.

Anmerkungen:
Auf dem Deutschen Verpackungskongress 2008 am 12. Juni in Berlin konnte ein ähnliches Interesse an Biowerkstoffen und eine Skepsis gegenüber Biopolymeren auf Basis von Stärke und Zucker festgestellt werden. Hier bestand ein besonderes Interesse an der Nutzung von Reststoffen und Nebenprodukten, wie z.B. der Bagasse aus der Zuckerrohrverarbeitung für Werkstoffe der Verpackungsindustrie.

Auch eine aktuelle Studie von Frost & Sullivan vom Mai 2008 sieht ein erhebliches Wachstumspotenzial für Naturfaserverstärkte Kunststoffe (“Naturally-Reinforced Plastic Composites (NRPC)”). Vor allem müssten die Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit mehr über die Möglichkeiten dieser Werkstoffe erfahren, dies sei der Schlüssel zu einem schnelleren Wachstum und einer höheren Marktpenetration, so die Experten von Frost & Sullivan.

Die nächsten Branchentreffs zum Thema Biowerkstoffe sind:

Source: nova-Institut, 2008-07.

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