19 März 2003

nova-Interview mit Heinrich Kranz zum deutschen Fasernesselgeschehen

Im Rahmen einer Nachrichten-Recherche zu aktuellen Entwicklungen im heimischen Fasernesselanbau erhielt nova Gelegenheit, dem bislang deutschlandweit führenden Nessel-Anbauer und -Verwerter Heinrich Kranz, Geschäftsführer der Stoffkontor Kranz AG, einige Fragen hinsichtlich seiner Ambitionen zu stellen, die dieser uns mit interessanten Fakten beantwortete.

nova: Welche Trends/Entwicklungen erwarten Sie hinsichtlich des nachwachsenden Rohstoffs Fasernessel im laufenden Jahr?

H. Kranz: Es gibt zwei Bereiche, in denen wir in diesem Jahr weitere Entwicklungen vornehmen. Einmal betrifft es die Garnherstellung. Im letzten Jahr haben wir das OE-Spinnverfahren erfolgreich getestet und anschließend für die erste Produktion genutzt. Das ergibt bauschige Garne bis zu Nm 20. In diesem Jahr arbeiten wir mit dem Baumwoll-Ringspinnverfahren. Hierbei werden deutlich feinere Garne versponnen, zunächst bis zu Nm 40. Der zweite Bereich ist die Gewebeherstellung in unserer hauseigenen Weberei. Nach der Leinwandbindung im Vorjahr liegen die Schwerpunkte nun in Satinbindung und Köperbindungen. Dabei werden sowohl einfache Schaftgewebe wie auch aufwändige Jacquards produziert. Ziel ist es, die einzigartige Vielfalt an unterschiedlichen Optiken und Haptiken der Fasernesselgewebe herauszuarbeiten.

nova: Welche Größenordnungen werden Ihre Anbauflächen für Fasernesseln in 2003 in Deutschland erreichen und wie hoch schätzen Sie Ihren diesjährigen Faserertrag (pro Hektar und insgesamt)?

H. Kranz: Zurzeit sind es etwa 50 ha, die landwirtschaftlich mit Fasernesseln angebaut sind. Davon ist etwa die Hälfte der Fläche noch nicht erntereif, da erst einjährig. Diese Flächen werden zur weiteren Vermehrung der Pflanzen genutzt. Die dadurch gewonnenen Jungpflanzen werden im Herbst auf neue landwirtschaftliche Flächen ausgebracht. Etwa 50 ha stark verdichtete Mutterpflanzenbestände in zwei neuen Anbauzentren haben wir für Herbst 2003 vorgesehen. An Erntemenge erwarten wir nach 1,2 t im Vorjahr etwa 2,5 t Rohfasern in 2003, also ca. 100 kg/ha.

nova: In welchem Umfang müssten die Anbauflächen expandieren, um der wachsenden Nachfrage für Nessel-Textilien gerecht zu werden?

H. Kranz: Solange wir nur unsere bisherigen Kunden, also etwa 800 Fachhändler und Versender, als Zielgruppe sehen, können wir mit langsam wachsenden Anbauflächen bedarfsgerecht agieren. Sobald wir aber auch namhafte Markenhersteller beliefern wollen, überschreiten wir unsere Rohstoffkapazitäten. Das ist auch unser Dilemma. Einerseits gibt es eine Nachfrage durch die Textilindustrie, die mindestens 1.000 ha Anbaufläche benötigen würde, andererseits reichen die möglichen Produktionsmengen längst nicht aus, um auch nur einen der Markenhersteller beliefern zu können. Das ist ein echtes Übergangsproblem, das uns die Arbeit nicht gerade leichter macht.

nova: Gibt es angesichts der EU-Beihilfen für andere Faserpflanzen (Flachs, Hanf) genügend Anreiz für Landwirte, Fasernessel – die ja keine EU-Beihilfen bekommt – in größerem Umfang anzubauen?

H. Kranz: Der Anbau von Fasernesseln ist zwar auf stillgelegten Flächen zugelassen, aber eine direkte Beihilfe gibt es tatsächlich nicht. Dennoch haben wir deutlich mehr Flächenangebote von Landwirten, als wir Pflanzen produzieren können. Das Anbaukonzept und Deckungsbeiträge von über 1.000 EUR pro ha und Jahr sagen den Landwirten zu.

nova: Lässt sich die Nesselernte mit den gleichen Ernte- und Aufschlusstechniken bewerkstelligen wie bspw. Hanf oder Lein? Oder müssen neue Techniken entwickelt werden?

H. Kranz: Die Ernte erfolgt ausschließlich mit den überall vorhandenen Maschinen. Spezialmaschinen werden nicht benötigt. Für die Grobentholzung nutzen wir die vorhandene Infrastruktur der Hanf- und Flachsverarbeitung. Schwieriger ist es mit der Feinentholzung. Nur eine Anlage in Deutschland bringt gute Qualitäten. Leider befindet sich diese Firma in Insolvenz. In Belgien, den Niederlanden und Frankreich gibt es mehrere Alternativen, auf die wir ausweichen können. In den letzten Jahren sind einige Anlagen in Deutschland aufgegeben worden. Das macht uns einige Sorgen, da wir auch in Zukunft unsere Produktion vollständig in Deutschland herstellen möchten.

nova: Verfügen Sie bereits über eine Faseraufschlussanlage für das Nesselstroh? Und wenn ja, welche Jahreskapazität hat Ihre Anlage? Wo ist Ihre Anlage platziert?

H. Kranz: Wir haben keine eigene Faseraufschlussanlage. Unter 500 ha Anbaufläche macht das betriebswirtschaftlich keinen Sinn. Unser Nesselstroh wird in Lohnauftrag bei Fremdfirmen verarbeitet. Es gibt zwar Planungen, eine gezielt für Brennnesseln aber auch für andere Bastfasern ausgelegte Anlage zu errichten oder eine vorhandene Anlage für unsere textilen Zwecke zu optimieren. Das sind aber wirklich nur Planspiele für den Fall, dass sich die vorhandene Infrastruktur weiter auflöst oder die Kapazitäten bei Lohnverarbeitern erschöpfen. Dann allerdings müssen wir rasch reagieren können.

nova: Welcher Marktpreis ist für 1 Kilogramm Nesselfasern zu erwarten?

H. Kranz: Wir verkaufen grundsätzlich keine Fasern, auch keine Pflanzen oder Garne. Erst das fertige Gewebe geht in den Markt. Damit verbleibt die gesamte Wertschöpfung von der Pflanze bis zum Stoff im Unternehmen. Die Stoffe bekommt man ab Sommer 2003 in den ca. 800 Fachgeschäften, die wir bisher beliefern, schon ab 15 EUR den laufenden Meter. Damit liegt der Preis erstmals nur noch wenig über dem der konventionellen Baumwolle.

nova: Welche Produkte/Anwendungen für Fasernesselstoffe könnten Ihrer Meinung nach noch in diesem Jahr Marktreife erlangen?

H. Kranz: Mindestens drei verschiedene Basisstoffe eröffnen das Nettle-Sortiment für Meterwaren. Hinzu kommen für den Fachhandel produzierte Hemden und Bettwäsche. Außerdem wird eine neue Serie Nettle-Naturkissen aufgelegt. Die Fertigprodukte präsentieren wir auf der Fachmesse InNaTex im August. Die Meterwaren bemustern wir bereits im April und Mai.

nova: Sehen Sie auch Chancen für den Einsatz der Fasernessel im technischen Bereich, z.B. für Verbundwerkstoffe?

H. Kranz: Aufgrund des Rohstoffmangels verbieten sich solche Anwendungen zurzeit leider von selbst. Aber dieses Thema ist besonders brisant. Einige technische Eigenschaften sprechen eine deutliche Sprache für die Nutzung dieser Faser im technischen Bereich. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist aber auch eine Kombination aus Nesselfaser mit speziell aufgeschlossenen Flachs- und Hanffasern für einige technische Anwendungen von ganz entscheidendem Vorteil, der deutlich höhere Einstandspreise rechtfertigen würde. Das macht die Brisanz aus, da Hanf- und Flachsfasern ausreichend verfügbar sind. Mit neuen, bisher unerreichten Qualitäten könnte man für die Hanf- und Flachsindustrie in Deutschland einen erheblichen Marktvorteil erzielen. Wir würden dieses hochinteressante Thema gern viel intensiver untersuchen, nur ist dafür unser Budget viel zu klein. Schließlich werden alle unsere Entwicklungen ausschließlich über Eigenkapital finanziert und Textil ist unser Schwerpunkt.

nova: Vielen Dank Herr Kranz, für die ausführlichen Informationen!

(Vgl. Meldung vom 2003-03-06.)

(Anm. d. Redaktion: Einen ausführlichen Artikel zum Thema Fasernessel („Revolution am Wegesrand – Vom “Unkraut” zum Faserlieferanten“) findet man ebenfalls im Magazin energie pflanzen Ausgabe 3/2002).

Source: E-Mail-Interview mit H. Kranz (Stoffkontor Kranz AG) vom 2003-03-18.

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