11 Februar 2003

nova-Interview mit Dr. Matin Qaim (Uni Bonn) zu Feldversuchen mit Gen-Baumwolle

Anlässlich neuester Ergebnisse aus Feldstudien mit der gentechnisch veränderten Bt-Baumwolle (vgl. Meldungen vom 2003-02-07a) und 2003-02-07b)) hatte nova Gelegenheit, dem Bonner Wissenschaftler Dr. Matin Qaim noch einige weiter führende Fragen zu stellen, die der Forscher per E-Mail-Interview beantwortete.

nova: Welche Entwicklungen erwarten Sie hinsichtlich der genetisch veränderten Bt-Baumwolle im kommenden Jahr?

Dr. M. Qaim: Die Ergebnisse, über die wir in der Zeitschrift Science berichten, beruhen auf umfangreichen Feldversuchen, die im Jahr 2001 in Indien durchgeführt wurden. 2002 genehmigte die indische Regierung erstmals den kommerziellen Anbau der Technologie, und Bt-Hybride wurden in der letzten Saison auf etwa 40.000 Hektar angebaut. Einige Bauern klagten über Dürreschäden und Virusbefall, der aber sowohl bei den konventionellen Hybriden als auch bei den Bt-Hybriden auftrat, also mit der Technologie selbst nichts zu tun hatte. Der Großteil der Bauern war sehr zufrieden mit der Ernte, so dass für 2003 eine Bt-Baumwollfläche von 250-300.000 Hektar in Indien erwartet wird. Bis 2005 könnte diese Fläche auf 2 Mio. Hektar ansteigen. Die wären etwa 25% der gesamten Baumwollfläche Indiens.

nova: Welche Größenordnungen werden nach Ihrer Information die Anbauflächen und Erträge der Bt-Baumwolle in 2003 in Drittweltländern erreichen?

Dr. M. Qaim: Bisher ist Bt-Baumwolle nur in einigen wenigen Ländern zugelassen. Bei den Entwicklungsländern ist allen voran China zu nennen, wo die Bt Anbauflächen in den vergangenen Jahren rasant angestiegen sind. Für 2003 wird in China mit einer Bt-Baumwollfläche von 1,5-2 Mio. Hektar gerechnet. Weitere Entwicklungsländer, in denen die Technologie zugelassen ist, sind Südafrika, Mexiko und Argentinien, und eine eingeschränkte Zulassung gibt es auch in Indonesien. In diesen Ländern sind die Gesamtanbauflächen für Baumwolle aber vergleichsweise gering.

Die gesamte Bt-Baumwollfläche in Entwicklungsländern dürfte demnach in 2003 bei etwas über 2 Mio. Hektar liegen. Dazu kommen etwa 2 Mio. Hektar Bt-Baumwolle in den USA und einige Zehntausend Hektar in Australien. Zu den Erträgen lassen sich schwer Prognosen abgeben, weil diese stark von aktuellen Witterungsbedingungen abhängen. Insgesamt zeigen wir aber in unserer Studie, dass die positiven Ertragseffekte der Bt-Technologie in tropischen und subtropischen Regionen höher sein werden als in den gemäßigten Breitengraden.

nova: Wie hoch schätzen Sie das Risiko der Resistenzbildung bei der indischen Variante des Baumwollkapselwurms ein, wenn ausschließlich Bt-Baumwolle angebaut würde?

Dr. M. Qaim: Das Risiko der Resistenzbildung in Schädlingspopulationen existiert grundsätzlich, und in Laborexperimenten konnte eine relativ rasche Resistenzbildung gezeigt werden, wenn die Larven sich ausschließlich von Bt-Baumwolle ernähren.

Dies ist allerdings eine Situation, wie sie in der Praxis nicht auftritt. Außer von Baumwolle ernährt sich der „American bollworm“ (das ist die wichtigste indische Variante des Kapselbohrers) auch noch von Mais, Sorghum, einer Reihe von Hülsenfrüchten und verschiedenen Gemüsearten, die alle in den kleinbäuerlichen Betriebssystemen Indiens gängigerweise angebaut werden. Als Erwachsener, also im Paarungsstadium, ist der Baumwollkapselbohrer ein Falter, der häufig einige Kilometer Flugstrecke zurücklegt.

Auf seiner Reise über die kleinen Felder wird er immer Bt-anfällige Paarungspartner finden, selbst dann, wenn die gesamte Baumwolle gentechnisch verändert sein sollte (was ja in absehbarer Zukunft nicht erwartet wird, siehe oben). Der Selektionsdruck für die Resistenz ist also unter solchen Umständen vermutlich geringer als in Ländern, wo Baumwolle von Großbauern womöglich als Monokultur angebaut wird. Dennoch müssen diese Zusammenhänge noch weiter erforscht werden, weil durchaus noch nicht alle Faktoren bekannt sind, die die Resistenzentwicklung möglicherweise beeinflussen können.

nova: Was halten Sie von den Ergebnissen des Forscherteams der Universität Arizona um Yves Carriere, die angeben, dass eine Resistenzbildung des Schädlings durch die unmittelbar benachbarte Anpflanzung von herkömmlichen Baumwollpflanzen verhindert würde?

Dr. M. Qaim: Carriere und Kollegen haben erstmals wirkliche Feldbeobachtungen zur Resistenzentwicklung über einen Zeitraum von 10 Jahren durchgeführt. Somit unterscheidet sich ihre Studie von bisherigen Veröffentlichungen, die größtenteils auf Simulationen aufbauten. Solche empirischen Langzeitstudien sind sehr wichtig, und sie können letztlich auch zum Testen und zur Verbesserung von Modellen und Simulationen dienen.

Die Ergebnisse von Carriere et al. erscheinen mir durchaus plausibel. Sie unterstützen bisherige Forschungserkenntnisse und Hypothesen, dass der Selektionsdruck dann höher ist, wenn für den Schädling ausschließlich Bt-Pflanzen als Nahrungsquelle verfügbar sind.

Die Studie in Arizona bezieht sich allerdings auf den so genannten „Pink bollworm“, ein in den USA bedeutender Schädling, der zwar zur gleichen Familie wie der American bollworm gehört, von der Biologie her aber doch etwas anders ist. Dadurch sind die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf Indien übertragbar. Der Pink bollworm fliegt weniger weit als der American bollworm, so dass die unmittelbare Nachbarschaft von nicht-Bt-Pflanzen wichtig ist, um einer Resistenzbildung entgegenzuwirken. Dadurch kommt der strikten Einhaltung von Resistenzmanagementauflagen in den USA eine noch wichtigere Bedeutung zu.

nova: Vielen Dank, Herr Dr. Qaim, für die freundliche Beantwortung unserer Fragen!

Rückfragen:
Dr. Matin Qaim
Center for Development Research (ZEF)
University of Bonn
Walter-Flex-Str. 3
53113 Bonn
Tel.: +49-(0)228-73-1872
Fax: +49-(0)228-73-1869
E-Mail: mqaim@uni-bonn.de

Source: Pers. Mitteilungen und E-Mail-Interview von Dr. M. Qaim vom 2003-02-10.

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