15 April 2011

nova-Buchbesprechung: Plastic Planet

Die dunkle Seite der Kunststoffe

“Plastic Planet” ist fraglos ein provozierendes, einseitig argumentierendes und zu Recht kontrovers diskutiertes Buch. Ohne Kunststoffe ist das moderne Leben kaum noch vorstellbar – gerade in Bezug auf Leichtbau, Verpackungen und Hygiene. Der Fokus des Buches liegt aber auf den Schatten der Kunststoffwelt. Und diese Schatten gibt es tatsächlich, ob sie nur hellgrau sind oder tatsächlich tiefschwarz, wie in diesem Buch dargestellt.

Zunächst wird der Leser in dem Kapitel “Träume” mit einer 50-seitigen Geschichte der Kunststoffe im Wandel von Technik und Image überrascht, das viele interessante und vergessene Einblicke enthält. Wer kennt heute noch die ersten – oft bio-basierten – Kunststoffe wie Bakelit, Schellack, Laccain, Zelluloid oder Kunstseide?

Im Kapitel “Albträume” geht es dann um die Schatten der Kunststoffwelt, die sich erstaunlich leicht auf den Punkt bringen lassen:

  • Der immense Eintrag petrochemischer Kunststoffe in die Weltmeere, die in winzige Plastikteilchen zerfallen und anstelle von Plankton in die Nahrungskette gelangen.
  • PVC – auch wenn die Gesundheitsprobleme bei der Produktion heute weitgehend gelöst sind, bleiben die Probleme im Brandfall (Dioxine) und der starke Einsatz von Weichmachern.
  • Hormonwirksame Weichmacher wie die Gruppe der Phthalate, die in vielen Kunststoffen, vor allem PVC, zum Einsatz kommen.
  • Bisphenol A, dessen Einsatz in sensiblen Anwendungen wie Babyflaschen inzwischen immer mehr eingeschränkt wird.

Das alles ist nicht neu, aber in dieser geballten Zusammenstellung und Darstellung der möglicherweise resultierenden Umwelt- und Gesundheitsfolgen durchaus zum Nachdenken anregend.

Und dieses Nachdenken führt zu der Frage, warum die Kunststoffindustrie nicht viel offensiver daran arbeitet, diese Schatten zu überwinden – zumal es bereits umfassende und kommerziell verfügbare Lösungen in der Industrie gibt. PVC und Bisphenol A können in kritischen Anwendungen durch andere Kunststoffe ersetzt werden. Und auch als Ersatz für Phthalate gibt es bereits heute kommerziell verfügbare grüne Weichmacher, die keine Hormonwirkungen zeigen. Für den verminderten Eintrag ins Meer könnten Müllvermeidungsstrategien helfen. Bio-basierte Kunststoffe könnten für den biologischen Abbau im Meer maßgeschneidert werden. In vielen Fällen stehen auch bereits bio-basierte Lösungen bereit, mit denen sich eine Vielzahl der Schatten lichten ließen.

Warum klammern sich Teile der Kunststoffindustrie an diese alten Lösungen? Die Antwort auf die aufgezeigten Probleme sollte nicht Kleinreden oder Weißfärben sein, sondern ein Innovationsschub in der Kunststoffindustrie – zum Nutzen für den Verbraucher und die europäische Industrie!

Und hier enttäuscht das Buch dann auch im letzten Kapitel “Aufwachen”. das sich mehr an den Endverbraucher als an die Industrie wendet. Innovative Lösungen werden kaum aufgezeigt, dafür aber eine Familie porträtiert, die konsequent versucht, ohne jegliche Kunststoffe zu leben. Sicherlich eine interessante Selbsterfahrung, aber kein übergreifender Lösungsansatz für die Zukunft, die einer Grünen Chemie und Kunststoffindustrie gehören wird!

Bibliographische Daten

  • Gerhard Pretting, Werner Boote: Plastic Planet – Die dunkle Seite der Kunststoffe
  • Paperback, 223 Seiten
  • Erschienen im Februar 2010
  • Orange Press, Freiburg
  • ISBN: 978-3-936086-47-8

Source: Plastic Planet, 2010-02.

Supplier

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email