6 Februar 2007

nova-Bericht: Weltweit wachsende Nachfrage nach Naturfasern

Steigende Preise für exotische Naturfasern, stabile Preise bei europäischen Naturfasern

Nach viertägigen Konsultationen und Beratungen bei der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) in Rom (30. Januar bis 2. Februar 2007), an denen mehr als 50 Vertreter von Ländern und Verbänden sowie Produzenten und Händler teilnahmen, ergab sich ein klares Bild von den weltweiten Marktentwicklungen bei Naturfasern. Die Trends der letzten drei Jahre setzen sich fort: Weiterhin eine Nachfrage auf hohem Niveau, steigende Produktions- und Absatzmengen sowie je nach Naturfaser stabile bis weiter steigende Preise.

Flachs, Hanf und Kokosfasern
Dauerhaft stabile Preise – dies bedeutet inflationsbereinigt sogar leicht fallenden Preise – zeigen neben den europäischen Naturfasern Flachs und Hanf lediglich Kokosfasern. Die Gründe hierfür sind leicht zu verstehen:

Während europäische Naturfasern auf den globalen Märkten einen nur sehr geringen Spielraum für Preissteigerungen haben, werden bei Kokosfasern, die ein Nebenprodukt der Kokosnuss-Lebensmittelproduktion darstellen, nach wie vor nur geringe Mengen der anfallenden Fasern tatsächlich genutzt. Steigende Nachfrage kann daher leicht, ohne neue Anbauflächen und ohne Preissteigerungen befriedigt werden.
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Jute
Jutefasern, die mengenmäßig nach Baumwolle weltweit wichtigsten Naturfasern, haben nach drei Jahren deutlicher Preissteigerungen in 2006 stabile Preise gezeigt. Da die Nachfrage weiter wächst, werden in 2007 tendenziell wieder steigende Preise erwartet.
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Sisal und Abaca
Bei Sisal und Abaca haben sich in 2006 die Preissteigerungen der letzten drei Jahre fortgesetzt. Da die Nachfrage weiter wächst, werden für beiden Pflanzen die Anbauflächen erweitert und der Ertrag pro Hektar gesteigert. Gleichzeitig werden neue Anwendungsbereiche wie Geotextilien, Möbel und Verbundwerkstoffe erschlossen.

Weltweites Wirtschaftswachstum und Rohstoffwende
Die weltweit wachsende Nachfrage nach Naturfasern wird vor allem von zwei Faktoren getrieben. Zum einen vom allgemeinen Wirtschaftswachstum und insbesondere dem Wirtschaftswachstum in China. So benötigt China z.B. stetig wachsende Mengen an Sisalfasern zum Polieren von Metalloberflächen.

Zum anderen profitieren Naturfasern wie auch andere nachwachsende Rohstoffe bereits von der Rohstoffwende. So finden Sisal-Bindegarne in Nordamerika bereits wieder zunehmend Einsatz im Agrarbereich, wo sie synthetische Bindegarne zu ersetzen; die Erschließung der europäischen Märkt soll bald folgen. Ähnliches geschieht im Bereich der Teppichrücken; hier sind es vor allem Jute- und Kokosfasern, die beginnen, verlorene Marktanteile zurück zu erobern.

In beiden Fällen ist der absolute Marktanteil noch sehr gering, aber wachsend. Anders im Verpackungsbereich: Hier gibt es Länder wie Indien, die seit kurzem bei Verpackungssäcken für Zucker und andere Lebensmittel Jutesäcke sogar gesetzlich vorschreiben. Aktuell klagt zwar die indische Kunststoffindustrie noch gegen die neuen Gesetze, Vertreter der indischen Regierung zeigten sich in Rom jedoch zuversichtlich, dass die neuen Gesetze Bestand haben werden.

Neue Technologien und fallender Mehrwert von Zwischenhändlern
Diskussionen am Rande der Sitzungen zeigten zwei interessante internationale Trends. Jahrzehnte lang wurden die Naturfaserexporte aus den produzierenden Ländern von – vor allem – europäischen Naturfaserhändlern organisiert und kontrolliert. Diese Handelsstrukturen sind eindeutig auf dem Rückzug. Infolge der Globalisierung, der Nutzung von Internet und E-Mail-Kommunikation, fallenden Sprachbarrieren durch die Weltsprache Englisch und immer einfacheren und preiswerteren Reisemöglichkeiten, entstehen zunehmend mehr Direktkontakte zwischen Naturfaserproduzenten und Endabnehmern in Europa, Nordamerika und Japan. Zwischenhändler haben einen immer geringeren Mehrwert und werden umgangen.

Die Folge ist aber nicht nur, dass die Produzenten so besseren Margen erzielen können, sondern auch, dass nun auch erheblich mehr Innovationen stattfinden, die in den alten Handelsstrukturen eher behindert wurden. Erst wenn die Produzenten wissen, was die Endabnehmer mit ihren Rohstoffen und Produkten machen, wie die Prozesse beim Endabnehmer im Detail aussehen, können sie ihrerseits ihre Produktionsprozesse anpassen, optimieren und auch neue Techniken einsetzen, um die gewünschten Qualitäten effizienter zu produzieren und neue Anwendungen zu erschließen.

Hierdurch entsteht ein erheblicher Innovationsschub, der sich aktuell in steigenden Investitionen in neue Ernte- und Aufschlusstechniken niederschlägt. Dies ist auch dringend erforderlich, um in der Konkurrenz zu multinationalen Chemie- und Kunststoffunternehmen und ihren Rohstoffen bestehen zu können. Steigenden Kunststoffpreise und steigende Naturfaserpreise unterstützen diesen Prozess, eröffnen ganz neue Möglichkeiten und geben zunehmend Spielraum für neue Investitionen.

Ein Beispiel sind Verbundwerkstoffe wie naturfaserverstärkte Kunststoffe. Es zeigt sich immer mehr, dass es ökonomisch wenig Sinn macht, aufwendige Langfasern zu produzieren, wie sie für Seile, Bindfäden und Garne erforderlich sind, und diese dann für die neuen technische Anwendungen im späteren Prozess einzukürzen.

Immer mehr Projekte zielen nun darauf, auch in Asien, Afrika und Südamerika preiswerte Kurzfasern für diese neuen Anwendungen zu produzieren. Hierbei wird intensiv auf die Forschungsergebnisse aus der EU und Nordamerika zurückgegriffen.

Zunehmend werden außerdem auch die Koppel- und Nebenprodukte wertschöpfend genutzt, z.B. Abaca-Enzyme in Kosmetika oder Reste der Sisalproduktion in Biogasanlagen.

Neue Chancen für europäische Naturfasern?
Auf der einen Seite geben die anhaltenden Preissteigerungen für exotische Naturfasern Spielraum für die Preise europäischer Naturfasern, die dringend benötigt werden, um mittel- und langfristig bei sinkenden Agrarsubventionen am Markt bestehen zu können.

Auf der anderen Seite sind die exotischen Naturfasern nach jahrzehntelangem technischem Stillstand erwacht und treiben nun technische Innovationen voran, wobei sie von internationalen Organisationen wie FAO und CFC (Common Fund for Commodities), aber auch von ihren nationalen Regierungen unterstützt werden. Gleichzeitig fallen zunehmen die Zwischenhändler weg. Beides wird den europäischen Naturfaserproduzenten das Leben ökonomisch erschweren.

Ausblick
Nach jahrzehntlangem technologischem Stillstand und zunehmender Verdrängung durch synthetische Produkte erleben Naturfasern nun weltweit eine Renaissance. Weiter steigende Energie- und Kunststoffpreise sowie Investitionen in neue Technologien und die Erschließung neuer Anwendungsfelder beschleunigen diesen Trend.

Welche Rolle dabei zukünftig europäische Naturfasern wie Flachs und Hanf spielen werden, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Um hier aber nicht den Anschluss an die weltweiten Entwicklungen zu verpassen, sind weiterhin finanzielle Hilfen, Forschungsprojekte sowie vor allem geeignete politische Rahmenbedingungen erforderlich. So wie Indien die Nutzung von Jute im Verpackungsbereich durch gesetzliche Vorgaben stützt, könnte Brüssel z.B. durch eine Modifikation der Altauto-Richtlinie Schwung in die heimische Naturfaserwirtschaft bringen.

Autor Michael Carus (nova-Institut) nahm als Vertreter des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz (BMELV) und der European Industrial Hemp Association (EIHA) an den FAO-Sitzungen teil.

Source: FAO-Meetings in Rom, 2007-01-31 bis 02-02.

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