19 März 2008

nova-Bericht: Landwirte kämpfen gegen Eons Biogaspläne

Fernziel des Energieversorgers: 1.000 Megawatt bis 2020

In verschiedenen Regionen Deutschlands versetzen Biogaspläne der Eon Landwirte in Aufruhr. An mehreren Standorten plant der Gasversorger große Biogasanlagen, um das Gas zu Biomethan aufzubereiten und in das eigene Erdgasnetz einzuspeisen. Tierhalter und Betreiber landwirtschaftlicher Nawaro-Biogasanlagen im Umkreis der geplanten Großfermenter erwarten einen Kampf um Anbauflächen in der Region und fürchten um ihrer Existenz.

Eon Bayern: Option auf 1.000 MWh Biogas
Die Eon Bayern hat große Pläne: An zahlreichen Standorten im Freistaat sollen effiziente Großanlagen zur Erzeugung von Biogas und zur Einspeisung in das konzerneigene Netz entstehen. In den vergangenen beiden Jahren hat der Energieversorger in seiner Biogasoffensive in Schwandorf, Arzberg, Hammelburg, Bad Bocklet und Poing insgesamt rund 10 Millionen Euro in Biogasanlagen mit jeweils rund 600 Kilowatt (kWel) Leistung investiert. Eine weitere Anlage neben der bestehenden Schwandorfer Biogaserzeugung weist den Weg in Eons Biogaszukunft: Das Werk mit einer Kapazität von rund 4 Megawatt (MWel) speist seit Dezember 2007 Biogas in das Erdgasnetz ein. Laut Eon besteht die Option, bis 2020 Biogasaufbereitungsanlagen mit einer installierten Gesamtleistung von 1.000 Megawattstunden zu errichten und damit rund 750 Millionen Kubikmeter Bioerdgas in das Erdgasnetz einzuspeisen. Dies würde laut Eon Investitionen von etwa 1,2 Milliarden Euro erfordern.

Protest gegen Großanlage in Mittelfranken
Eine aktuell von der Eon-Tochter n-ergie in Gollhofen (westliches Mittelfranken) geplante Anlage soll 5 MW Gasleistung erbringen (ca. 2,5 MW elektrisch). Dazu benötigt man etwa 45.000 t Substrat, das entspricht etwa 800 bis 1.000 ha Maisfläche.

Die Biogasanlage der Familie des Agraringenieurs Matthias Geuder liegt etwa zehn Kilometer vom Standort der geplanten Großanlage entfernt. “Viele Landwirte in der Region haben sich gegen den Bau der Anlage ausgesprochen,” berichtet er. Allerdings gebe es nicht wenige Befürworter, vor allem unter den kleineren und mittleren Ackerbaubetrieben. “In Anbetracht der Größe des Vorhabens von Eon, bayernweit im Umkreis von 50 bis 80 Kilometern eine solche Anlage zu erstellen, ist das langfristig für wachstumsorientierte Veredlungsbetriebe und für die ländliche Struktur ein Desaster, da die Flächenkonkurrenz und Pachtpreise in der ohnehin intensiv landwirtschaftlich genutzten Region massiv verschärft werden.”

Landwirte, die teilweise in der Region selbst Biogasanlagen unterhalten oder tierische Veredelung betreiben, haben sich mittlerweile zusammengeschlossen, um gegen die Eon-Pläne vorzugehen. Sie fürchten steigende Pacht- und Rohstoffpreise, die zu Existenzproblemen führen könnten. Christian Endreß, ein Sprecher der Anlagengegner, befürchtet auch, dass dem privaten Landwarenhandel die Existenzgrundlage entzogen werde und somit den Bauern Bezugs- und Absatzalternativen verloren gingen. Dann könne n-ergie die Preise für Agrarrohstoffe selbst bestimmen, so Endreß gegenüber dem Ernährungsdienst. “Wir wollen weiterhin nachhaltige Landwirtschaft betreiben und nicht nur Rohstofflieferanten sein.” Als Gegenmaßnahme sei zunächst eine Unterschriftenaktion und später eventuell ein Volksbegehren geplant.

Laut Geuder bestätigt die oben geschilderte Entwicklung auch Erwartungen von Agrarwissenschaftlern, dass im Rahmen des Strukturwandels industrielle Strukturen zunehmend auch in der Landwirtschaft an Bedeutung gewinnen. Dies bringe auch grundlegende Veränderungen bei Besitz- und Eigentumsverhältnissen landwirtschaftlicher Nutzfächen mit sich.

Ahlen: Stadtrat stoppt Biogasanlage
Gegner einer geplanten Groß-Biogasanlage in Ahlen atmet vorerst auf: Wie die Ahlener Zeitung berichtete, liegen die Pläne des Energiekonzerns Eon, bei Ahlen eine Biogasanlage mit 2 Megawatt elektrischer Leistung (entspricht ca. 4 MW Gasleistung) zu errichten, vorerst auf Eis. Der Stadtrat stimmte am 25. Februar mehrheitlich für einen Aufhebungsantrag des Genehmigungsverfahrens. Das kommt einem Stopp für die Baupläne gleich. Die Anlage hätte rund 750 ha Fläche für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen in Beschlag genommen. Eon reagierte enttäuscht, will die Planungen jedoch noch nicht zu den Akten legen: “Wir haben weiterhin Interesse an dem Standort, weil wir ihn für ideal halten. Es gibt keinen besseren für eine Biogasanlage in Ahlen”, sagte Eon-Sprecher Helmut Roloff der Ahlener Zeitung.

Effiziente Großanlagen: Biogas-Landwirte bedroht, Ackerbauern profitieren
Warum fürchten gerade die landwirtschaftlichen Biogaserzeuger mit Nawaro-Anlagen die industriellen Biogaserzeuger? Biogas wirtschaftlich aufzubereiten und in die Erdgasnetze einzuspeisen macht erst ab gewissen Mindestkapazitäten von etwa ein bis zwei Megawatt elektrischer Leistung ökonomisch Sinn. Je größer die Anlagen, umso eher rechne sich die Aufbereitung. In den letzten Jahren sind bundesweit zahlreiche landwirtschaftliche Biogasanlagen mit etwa 500 Kilowatt Anlagenapazität entstanden, die auf Rohstoffe vom Acker angewiesen sind, aber häufig nur den erzeugten Strom und nur selten auch die anfallende Wärme nutzen.

Großanlagen mit Gaseinspeisung arbeiten erheblich effizienter und haben daher ökonomisch die Nase vorn. Eine berechtigte Befürchtung ist daher, dass die Großanlagen Rohstoffpreise zahlen können, bei denen landwirtschaftliche Anlagenbetreiber ihre Betriebe bereits dicht machen müssen. Wer auf Ackerflächen in der Region angewiesen ist – das sind neben den Biogasanlagen vor allem Tierhalter, deren Flächen für die Gülleentsorgung durch die Ausbringung von Gärresten blockiert werden – hat in der industriellen Biogaserzeugung einen mächtigen Konkurenten. Profitieren werden vor allem große Ackerbauern, die einen potenziell zahlungskräftigen Kunden in der Region begrüßen. Hier ergibt sich die Möglichkeit einer langfristigen, strategischen Zusammenarbeit der Land- und Energiewirtschaft – bei hohen Rohstoffpreisen für die Ackerbauern ein gutes Risikomanagement, auch vor dem Hintergrund stark steigender Düngemittelpreise.

Weitere Informationen
Eon Bayern: Biogas – für natürlichen Strom und Wärme
Arbeitskreis Biogas (Initiative gegen konzernbetriebene, zentrale Großbiogasanlagen)

(Vgl. Meldungen vom 2007-07-13, 2007-02-09 und 2007-01-02.)

Source: Ahlener Zeitung, 2008-02-27, Ernährungsdienst, 2008-01-14, Rhombos Verlag, 2007-09-08 und Mattihas Geuder, 2008-03-17.

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