11 August 2006

Nesseln im Trend – Stoffkontor Kranz stellt Anbauer unter Vertrag

Henning Alvermann zeigt stolz auf sein Feld voller Brennnesseln. Er verdient an den faserhaltigen Stängeln der als Nutzpflanzen lange vernachlässigten Gewächse.
“Das wird eine gute Ernte”, meint Alvermann. In Woltem bei Soltau hat der 39-Jährige knapp zehn Hektar dicht mit Nesseln bepflanzt, nächstes Jahr soll die Fläche mehr als verdoppelt werden. Der Faserertrag der bis zu drei Meter hohen Pflanzen eignet sich besonders gut für die Produktion von Bekleidungs- oder Heimtextilien.

Alvermann und rund 50 weitere Landwirte in den Kreisen Soltau-Fallingbostel, Nienburg, Minden und Lüchow-Dannenberg bewirtschaften derzeit insgesamt bis 180 Hektar im Auftrag des “findigen” Unternehmers Heinrich Kranz aus Lüchow. Der bereits etablierte “Stoffkontor” entholzt später die harten Stängel und verarbeitet die Fasern, zum Teil gemischt mit Baumwolle, zu weichen Stoffen.

Der bisher erzielte Faserertrag erreicht mit rund 2,5 t/ha nahezu industrielle Maßstäbe, wobei die Weiterverarbeitung enzymatisch und ohne chemische Zusätze erfolgt – für umweltbewusste Kunden und Allergiker ein überzeugendes Kaufargument. Bettwäsche aus Nesseln findet Nebenerwerbslandwirtin Martina Alvermann “sehr angenehm” und lobt “Beständigkeit, Reißfestigkeit, Feuchtigkeitstransport und Glanz” des Nesselstoffs. Früher sei er als “Leinen der armen Leute” für Segeltuch und später für Uniformen genutzt worden. Mittlerweile, da der Stoff nicht mehr kratzt, übersteigt die Nachfrage das Angebot.

Die Aktiengesellschaft Kranz beliefert nach eigenen Angaben als einziger industrieller Hersteller Fachhändler und Versandhäuser in ganz Europa – unter anderem mit Babykleidung – und verzeichnet “reißenden Absatz”.

Die Zahl der Vertragsanbauer und Flächen soll deshalb noch deutlich erhöht werden, eine Ausweitung auf 250 Hektar ist ab nächstem Frühjahr geplant. Das Interesse ist auch bei den Landwirten groß – vor allem im Nebenerwerb. “In einen normalen Betrieb mit Fruchtfolge passt die Brennnessel nicht”, meint Reent Martens vom 3N-Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe in Werlte im Emsland. Die Pflanzen ließen sich zwanzig Jahre lang ernten und zu Strohballen pressen, ihre Wurzeln seien dann kaum noch aus der Erde zu bekommen.

Dass es bei solch einer Arbeit allen Latexhandschuhen zum Trotz auch mal juckt und brennt, nehmen die Anbauer in Kauf. “Berufsrisiko”, meint Martina Alvermann. Die zweifache Mutter zieht im Gewächshaus in Woltem mit Hilfe von insgesamt 20 Teilzeitangestellten Stecklinge für neue Felder heran und hat in der neuen Tätigkeit den Vorteil des selbstständigen und naturnahen Arbeitens erkannt. Ihre Brennnesseln sind Mitte August erntereif: Dann kann die Mähmaschine aufs Feld.

(Vgl. Meldungen vom 2006-01-03 und 2005-10-05.)

Source: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 2006-08-10 und nova-Recherche.

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