22 September 2003

Naturfaser-Forum Wildeshausen: HighTech vom Acker

Mit den Worten “Hanf ist nicht mehr der Stoff, aus dem gewisse Träume sind”, begrüßte Landrat Frank Eger (Landkreis Oldenburg) das Publikum zum 1. NaRo.Net Naturfaser-Forum am 04. Sept. 2003 im Kreishaus in Wildeshausen.

Zu den über 100 Teilnehmern der gemeinsam mit dem Faserinstitut Bremen und dem Landkreis Oldenburg durchgeführten Fachtagung zählten vor allem Vertreter aus der Industrie, von Forschungsinstituten und der praktischen Landwirtschaft. Sie alle wollten auf dieser Informations- und Kommunikationsveranstaltung mehr über den ökonomischen und ökologischen “Gehalt” dieser Nutzpflanze wissen, um ihre Kenntnisse über die Marktentwicklungen im Naturfaserbereich auf den neuesten Stand zu bringen sowie neue Möglichkeiten für Produktentwicklung zu suchen.

Der Nordwesten Niedersachsens hat sich zu einer Hauptanbauregion für Faserhanf entwickelt. Von bundesweit 2.600 ha Faserhanf, werden in der Region Weser-Ems auf 1510 ha Ackerfläche, hiervon im Landkreis Oldenburg auf 723 ha Qualitätshanf erzeugt und zu hochwertigen Fasern aufbereitet. “Doch der Weg vom Hanfstroh zum hochwertigen Industrieprodukt setzt eine intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit voraus”, betonte Landrat Eger in seinen Grußworten. “Wir müssen die Stärken der Region nutzen”, forderte Jürgen Otzen, Direktor der Landwirtschaftskammer Weser-Ems, der die Moderation des ersten Teils der Veranstaltung übernommen hatte, mit Hinblick darauf, dass gerade Weser-Ems nicht nur im Hanfanbau sondern auch in der Weiterverarbeitung in Deutschland eine Vorreiterrolle einnimmt.

“Die erste Euphoriephase ist vorbei. Jetzt setzen wir uns ernsthaft mit dem Thema auseinander”, brachte Michael Karus vom nova-Institut in Hürth den Stand der Diskussion um den Einsatz von Naturstoffen in der Industrie auf den Punkt. Naturfasern werden nicht nur wegen ihres ökologischen Vorteils eingesetzt, sondern vor allem wegen ihrer guten technischen Eigenschaften.
Der Referent unterstrich die Vorzüge, wie geringes Gewicht, hohe Dämmwirkung, hohe Geräuschminderung der verwendeten Naturfasern, zu denen neben Hanf auch Flachs, Jute, Kenaf und Sisal gehören. Trotz der relativ schwachen Autokonjunktur habe der Einsatz von Naturfasern für Verbundwerkstoffe in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Für 2002 wird ein Einsatz von 17.200 t Naturfasern im Automobilbereich für Deutschland erwartet, bis 2005 wird ein Anstieg auf 34.000 t/Jahr prognostiziert. Bei einem durchschnittlichen Preisniveau von 0,55 bis 0,62 EUR entspricht dieses heute bereits einem Marktwert von 10 Mio. EUR. Doch auch weitere Einsatzbereiche wurden in einer vom nova-Institut durchgeführten Marktrecherche als zukunftsträchtig angesehen, vorne weg der Spritzgussbereich.

“Von allen großen Fahrzeugherstellern werden bereits Formpressteile mit Naturfaser-Anteilen im Fahrzeuginnenbereich eingebaut”, so Dr. Josef Mittermeier vom Zulieferer Dräxlmaier Systemtechnik GmbH, Vilsbiburg. Er wies darauf hin, dass die Entwicklung weiterer Einsatzmöglichkeiten damit aber noch nicht abgeschlossen ist und kündigte an, zur Agritechnika 2003 im November eine komplette Instrumententafel aus nachwachsenden Rohstoffen zu präsentieren.

“Dass Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen das Potenzial haben, glasfaserverstärkte Werkstoffe zu ersetzen und somit High Tech aus Naturstoffen möglich ist”, zeigte Dr. Andreas Baar (Riko – Realisierung Innovativer Konstruktionswerkstoffe, Göttingen). Er stellte gleich eine ganze Reihe von serienreifen Beispielprodukten vor, unter anderem einen Industrieschutzhelm, der bei 10% Gewichtseinsparung bessere Dämmeigenschaften mitbringt sowie Innenverkleidungselemente und Sitzbänke für den Schienenfahrzeugbau der Fa. Alstom, die bis zu 30% leichter sind und die extrem hohen Brandschutzanforderungen (DIN 5510-2, Brandklasse S3, Tropfbarkeitsklasse ST2, Rauchentwicklungsklasse SR2) sicher erreichen.

Die wirklich “innovativen Produktentwicklungen” im Naturfaserbereich finden aber eigentlich nicht in der Automobilindustrie statt, so Geschäftsführer Odhard Müller von der Chemie-Plast aus Porta Westfalica. Mit neuen Spritzgussgranulaten, den sogenannten Öko-Compounds und den entwickelten Produkten seines Hauses begeisterte der innovative Firmenchef die Zuhörerschaft. Streng auf Rückgabe der Exponate achtend, stellte er hochwertige Spritzgussprodukte, wie Napfkisten, Teichfilterdeckel und Spezialformteile vor.

“5 Einfamilienhäuser können mit einem Hektar Hanf gedämmt werden”, so Zimmermeister Harry Gräbe vom Dämmstoffhersteller Isover, der auf ein weit größeres Einsatzpotenzial für Naturfasern im Bau- und Dämmstoffbereich hinwies. Wärme-, Kälte-, und Schalldämmung sind die klassischen Einsatzbereiche für Naturfasern. Die Wärmespeicherkapazität, das verbesserte Raumklima durch die hygroskopischen Eigenschaften des Hanfes, aber auch der reduzierte Staubanteil bei der Verarbeitung sind nur einige Vorteile. Diese Vorteile seien sogar direkt spürbar: “Es juckt, kratzt und piekt nicht.” Gefördert wird die Verwendung von Naturfaserdämmstoffen mit bis zu 40 EUR/m3 – je nach Produkt – im Rahmen des Markteinführungsprogrammes des BMVEL und der Fachagentur nachwachsende Rohstoffe (www.daemmstoffe.de).

Auf die ackerbaulichen Vorteile von Hanf im Fruchtfolgesystem der landwirtschaftlichen Betriebe und auf die hohen Standards der Qualitätshanferzeugung seiner Erzeuger ging Georg Goedecke vom Agro-Dienst, Neerstedt ein. Hanf eignet sich gut als Fruchtfolgepflanze, kann mehrfach ohne Probleme auf derselben Fläche angebaut werden und muss aufgrund seiner natürlichen Resistenz nicht mit Fungiziden oder Pflanzenschutzmitteln behandelt werden.

Gleichwohl der überwiegenden Vorteile und aktuellen Entwicklungen verschwiegen die Referenten des Naturfaser-Forums die Probleme im Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen nicht. So wird eine kontinuierlich gesicherte Belieferung mit nachwachsenden Rohstoffen aus der Landwirtschaft von industrieller Seite oftmals als problematisch angesehen. Die starke Abhängigkeit der Rohstoffproduktion von der Witterung, die von der Industrie verlangten langfristigen Preisgarantien, aber auch die Unsicherheiten bei den förderpolitischen Rahmenbedingungen im Agrarbereich sind nur einige Risikofaktoren. Hinzu kommen hohe Qualitätsanforderungen und ein spezielles Know-how bei der Verarbeitung. Stark diskutiert wurden die Auswirkungen der geplanten Novellierung der EU-Altfahrzeugverordnung auf den Naturfasereinsatz im Automobilbereich. Hier wurde politischer Handlungsbedarf deutlich.

In Industrie und Landwirtschaft haben Naturfasern dennoch große Chancen, hierin waren sich alle Referenten einig. Für die Region Oldenburg bezifferte Georg Goedecke das Ausweitungsziel des Erstverarbeiters Agro Dienst auf 1.200 Hektar Hanf im Jahr 2004. Im Anschluss an die Vorträge hatten die Teilnehmer Gelegenheit, den Hanfanbau life auf dem Feld zu sehen und sich über den Hanfaufschluss und die Filzherstellung in Neerstedt zu informieren.

Das Ziel dieser Veranstaltung war es, gemeinschaftlich Perspektiven zu entwickeln und neue Chancen für Landwirtschaft und Industrie aufzuzeigen- intensive Gespräche zwischen Teilnehmern, Referenten und ausstellenden Firmen und Instituten haben hierzu die Weichen gestellt.

Hier können Sie sich die Beiträge der Referenten herunterladen.

(Vgl. Meldung vom 2003-09-08.)

Source: naro.net-Pressemitteilung vom 2003-09-18.

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