11 Oktober 2004

natureplus – newsletter vom 2004-10-08

Anhörung WDVS in Wien
Die Kriterienkommission des natureplus e.V. hat erneut einen Entwurf für eine Vergaberichtlinie erarbeitet. Es geht um die RL0300 Wärmedämmverbundsysteme. Hier hält es der Verband angesichts des großen Nachholbedarfs in der Gebäudesanierung für sehr dringend, den marktführenden Produkten aus Polistyrolschaum, deren Einsatz aus Umweltsicht nicht unumstritten ist, bald eine Reihe guter Alternativen aus Naturmaterialien entgegenzusetzen. Erstmals wird deshalb von natureplus hier ein Anlauf genommen, nicht nur einzelne Produkte, sondern Systeme zu zertifizieren. Der Entwurf der RL0300 wurde aktuell in die Anhörung gegeben und interessierte Kreise zur Abgabe von Stellungnahmen aufgefordert. Kritik und Anregungen sollen bitte bis zum 29.10.2004 an die Geschäftsstelle gesendet werden. Die mündliche Anhörung findet am Mittwoch, den 3. November 2004 in Wien statt. Der Richtlinienentwurf kann per mail von der Geschäftsstelle office@natureplus.org angefordert werden.

Treffen des Netzwerk Umweltbaustoffe in NRW
Am Donnerstag, den 7. Oktober 2004, traf sich das Netzwerk Umweltbaustoffe UBB auf Einladung des Bauministeriums NRW in der Architektenkammer in Düsseldorf. Im Mittelpunkt der Tagung standen das Veranstaltungskonzept zur UBB-Netzwerkarbeit und das Agenda21-Projekt “Regionaler Aufbau des UBB-Netzwerkes in NRW”. Mit den beiden Aktivitäten sollen künftig die Ziele des Netzwerks, Hemmnisse bei der Verwendung umweltverträglicher Bauprodukte abzubauen und neue Entwicklungen auf diesem Gebiet voranzutreiben, in konkreten Projekten vor Ort umgesetzt werden, siehe auch www.umweltbaustoffe.nrw.de. Deutlich wurde auf dieser Tagung auch der große praktische Beitrag, den natureplus zu diesen Aktivitäten leisten kann und bereits leistet. Deshalb wurde der Bericht des natureplus-Geschäftsführers Heiner Kehlenbeck über die mit Hilfe der öffentlichen Hand und unter Beteiligung der Wirtschaft geplante Informations- und Umsetzungsoffensive von natureplus von den Teilnehmern einmütig positiv bewertet.

Bundesministerin Künast: Unterstützung für natureplus
Auf dem Statusseminar “Bauen und Wohnen mit nachwachsenden Rohstoffen” am 14. September 2004 in Münster, organisiert von der FNR kam in allen Redebeiträgen zum Ausdruck, welch große Bedeutung Politik und Fachwelt dem natureplus®-Qualitätszeichen für eine nachhaltige Entwicklung im Baubereich zuschreiben. (siehe auch www.fnr.de/bauenundwohnen) Bundesministerin Renate Künast warb dort für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe wie Holz, Hanf, Flachs oder Wolle im Baubereich: “Naturbaustoffe sind vielfältig einsetzbar, gesundheitlich unbedenklich und ermöglichen eine Ressourcen schonende Produktherstellung.” In diesem Zusammenhang hob sie natureplus ausdrücklich als wesentlichsten Beitrag “zu mehr Transparenz und Verbrauchersicherheit” hervor.

Ein groß angelegtes Projekt zur Öffentlichkeitsarbeit, Information der Bauherren, Transparenz über die am Markt verfügbaren nachhaltigen Produkte sowie Aus- und Weiterbildung von Handwerkern und Architekten stellte natureplus-Geschäftsführer Heiner Kehlenbeck in Münster vor. Der viel zu geringe Marktanteil von Naturbaustoffen liegt nach seiner Einschätzung vor allem auch an der mangelnden Aufklärung der Verbraucher, die oft schon die konventionelle Ware für ökologische Spitzenprodukte halten, und an den verbreiteten Vorurteilen in Handel und Handwerk, die zu oft auch motivierte Bauherren vom Entschluss für Naturbaustoffe wieder abbringen.

Deshalb will natureplus gemeinsam mit allen wichtigen Akteuren des Baubereichs eine Aufklärungskampagne in Fach- und Publikumspresse starten, vor allem aber seine guten Verbindungen zu Handel und Handwerk nutzen, damit der Kunde hier “richtig” beraten wird, also qualifizierte Informationen über hochwertige und geprüfte Naturbaustoffe bekommt, und sie dann häufiger verwendet. Auch bei öffentlichen Bauvorhaben will natureplus einen verstärkten Einsatz von Naturbaustoffen forcieren. Diese Kampagne soll in gleicher Weise von der Wirtschaft wie von staatlichen Geldgebern getragen werden.

BfUB bewertet natureplus positiv
In der neuen Veröffentlichung “Label für nachhaltige Produkte” des Bundesverbands für Umweltberatung e.V. (BfUB) wird das natureplus®-Qualitätszeichen sehr positiv beurteilt. So heißt es dort, natureplus sei ein “anspruchsvolles Projekt zur Schaffung eines einheitlichen Qualitätszeichens für Bauprodukte”. Die Kriterien und Anforderungen gingen “weit über das gesetzlich Vorgeschrieben hinaus”, seien “anspruchsvoll und überwiegend gut überprüfbar”. Abschließend urteilt der Bundesverband: “Das Zeichen ist auf dem Wege, sich – bei weiterer Verbreitung – zu einer verlässlichen Orientierungshilfe für VerbraucherInnen und im Baugewerbe Tätige zu entwickeln.” Die Broschüre ist für 15 Euro zu bestellen bei www.umweltberatung.org.

Intensive Diskussion über Naturschutz
Bei der Anhörung der Kriterienkommission zu verschiedenen Richtlinien aus dem Bereich der mineralischen Rohstoffe am 1. September in Fulda gab es sehr intensive Diskussionen über das Thema, wie beim Abbau natürlicher mineralischer Rohstoffvorkommen die Interessen des Naturschutzes bei der Zertifizierung durch natureplus verstärkt berücksichtigt werden müssten. Die Vertreter der Naturschutzverbände vertraten die Ansicht, dass gesetzliche Vorgaben nicht immer ausreichen, um für ökologisch wertvolle Regionen ausreichenden Schutz zu gewähren. Die Kommission hatte bereits im Vorfeld auf diese Beschwerde mit entsprechenden Formulierungsvorschlägen in den jeweiligen Richtlinienentwürfen reagiert und sah sich nun bei der Anhörung dem Widerstreit der Interessen von Naturschutzvertretern und Industrievertretern gegenüber. Als innovativ und bedeutungsvoll für einen Interessensausgleich zwischen den Parteien erwies sich der Vorschlag der Kriterienkommission, in strittigen Fragen während der Zertifizierung eine Regelanfrage an die großen Naturschutzverbände zu stellen.

Ein besonders strittiger Punkt war die Frage des Gipsabbaus. Die Naturschutzverbände trugen vor, dass der Gipsabbau in Deutschland, trotz behördlicher Genehmigung, auf berechtigte ökologische Bedenken stoßen muss. Andererseits stehe REA-Gips (Gips aus Rauchgas-Entschwefelungs-Anlagen) in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung. Allerdings wurden sich die vertretene Gipsindustrie und die Naturschützer über das Ausmaß der nutzbaren REA-Gipse in Deutschland und zumal in anderen europäischen Ländern nicht einig. Die Gefahr einer unzulässigen Wettbewerbsverzerrung durch eine europaweite Festlegung auf REA-Gips wurde von beiden Seiten anerkannt. Die Kommission zog daraus die Konsequenz, dass dort, wo Sekundärmaterialien ausreichend und in entsprechender Qualität zur Verfügung stehen, für eine natureplus-Zertifizierung nur solche in Frage kommen.

Auch für die übrigen mineralischen Rohstoffe soll es bei der Formel des “Vorrangs” für Sekundärrohstoffe bleiben. Die Kommission wird nun bis zur Tagung in Wien (s.o.) am 3. November eine neue Formulierung der Naturschutzvorschriften für die betreffenden natureplus-Vergaberichtlinien erarbeiten. Die letzte Entscheidung trifft wie immer der Vorstand, in dem die Interessen der Industrie und der Umweltverbände, aber auch die aller anderer Teilnehmer der Wertschöpfungskette Bau paritätisch vertreten sind. Jedenfalls wird mit den demnächst zur Verabschiedung anstehenden Vergaberichtlinien in Europa Neuland betreten. Bisher fanden Naturschutzvorschriften und eine explizite Beteiligung von Umweltverbänden noch nie Eingang in Richtlinien für Ökosiegel im Baubereich.

Neuer Prüfleitfaden für Hersteller
Um die Transparenz unserer Prüfungen zu verbessern und die Abläufe vor allem für interessierte Hersteller besser verständlich zu machen, hat der Vorstand einen Prüfleitfaden verabschiedet, der als WORD-Datei in der Geschäftsstelle abgerufen werden kann: office@natureplus.org

Neue Mitglieder aufgenommen
In den vergangenen Monaten wurden durch den Vorstand eine Reihe neuer Mitgliedsfirmen in den natureplus-Verband aufgenommen. Es handelt sich u.a. um den Holzbau-System-Hersteller Lignotrend aus Weilheim, die beiden Ahlener Unternehmen Baufairbund und Medienhaus Veloton, die dort an neuartigen Kooperationsformen für nachhaltiges Bauen beteiligt sind, sowie den Vlieshersteller HAV NafiTech aus Werther. Bis zum Jahresende werden noch eine Reihe weiterer Mitglieder geworben.

Diskussion um Forstzertifizierung
Im Dialog mit den beiden in Deutschland aktiven Zertifizierungssystemen für nachhaltige Forstwirtschaft FSC und PEFC versucht natureplus derzeit einen Weg zu finden, den selbst gesetzten Anspruch an Holzprodukte zu erfüllen. Diese sollen ab dem kommenden Jahr Holz aus nachweislich nachhaltiger Waldwirtschaft enthalten. Zumindest soll durch strenge Kontrollen ausgeschlossen sein, dass Holz aus Raubbau zum Einsatz kommt. Bislang liegt zwar keinerlei Hinweis vor, dass in natureplus-geprüften Produkten Raubbauholz eingesetzt wird, die Firmen mussten aber bisher auch keinen genauen Nachweis erbringen. Dieser soll künftig verlangt werden. Die Diskussion dreht sich dabei vor allem um die Frage, wie zuverlässig die Zertifikate und Zertifizierungssysteme von FSC und PEFC sind. Die Kriterienkommission und der Vorstand werden sich Anfang November in Wien auch mit dieser Frage zu beschäftigen haben.

Leitsystem für Nachhaltigkeit
Am Donnerstag, den 7. Oktober 2004, wurde ein gemeinsames Projekt des Bundesverband Verbraucher Initiative e.V. (VI) und der Firmen OBI und OTTO gestartet: “Leitsysteme – mehr Umsatz mit nachhaltigen Produkten”. Konkret sollen in ausgewählten Märkten die Kunden mittels einer bestimmten Symbolik auf nachhaltige Produkte aufmerksam gemacht werden. Grundlage der Hervorhebung dieser Produkte ist deren Auszeichnung mit Güte- und Umweltzeichen, sofern diese von der VI im Rahmen ihres Internet-Auftritts “Label-online” positiv bewertet werden. Dies wird dazu führen, dass im Baubereich natureplus-geprüfte Produkte in erster Linie herausgehoben werden, denn natureplus schnitt bei www.label-online.de mit der besten Bewertung ab.

Energie Schweiz lobt natureplus-Dämmstoffe
Ende August wurde in Mosnang (Ostschweiz) das Passivhaus der Architektin Monika Mutti-Schaltegger einer rund 70 köpfigen Schar von Journalisten und Interessierten vorgestellt. Dabei hat Michael Kaufmann, Vizedirektor des Bundesamtes für Energie und Leiter von Energie Schweiz, in seiner Präsentation besonders die Energieeffizienz des Hauses, das mit den natureplus zertifizierten Produkten Flora von Saint-Gobain Isover und Pavapor von Pavatex gedämmt ist, gerühmt. Das Haus ist energetisch derart ausgeklügelt, dass keine Heizung nötig ist. Felix Meier vom WWF Schweiz hat zudem die Gesundheitsverträglichkeit und die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen der beiden Dämmmaterialien hervorgehoben.

Formaldehyd jetzt krebserregend
Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft die Chemikalie Formaldehyd neuerdings als “krebserregend für den Menschen” ein. Bislang hatte die Krebsforschungsagentur der WHO Formaldehyd nur als “wahrscheinlich krebserregend” eingeschätzt. Neuere Untersuchungen belegen jedoch ein höheres Risiko, durch Einfluss des stechend riechenden Gases an Krebs des Nasen-Rachen-Raums oder auch an Leukämie zu erkranken. Zahlreiche Bauprodukte enthalten Formaldehyd und geben es an die Umgebung ab. So ist die Chemikalie Bestandteil von zahlreichen Bindemitteln für Holzwerkstoffe und wird auch u.a. als Konservierungsmittel für wässrige Lösungen eingesetzt.

Bereits in der Vergangenheit spielte dieser nahezu allgegenwärtige Schadstoff eine wichtige Rolle beim sogenannten “Sick Building Syndrom”, der Erkrankung an raumlufttypischen Verunreinigungen. So ist beispielsweise auch bekannt, dass Formaldehyd für viele Allergien verantwortlich ist. Die neue Klassifizierung der WHO hat hierzulande zunächst keine direkten Auswirkungen auf staatliche Verordnungen. Es ist aber damit zu rechnen, dass die zur Zeit gültigen Emissionsklassen für Holzwerkstoffe im Innenraum vor diesem Hintergrund künftig verschärft werden. Außerdem ist mit einer Zunahme von Gewährleistungsforderungen an diejenigen Hersteller zu rechnen, die keine Maßnahmen zur Verringerung der Formaldehydemissionen ihrer Produkte ergriffen haben.

Für den Verbraucher, der sich vor Formaldehyd schützen will, bietet das natureplus®-Qualitätszeichen die beste Orientierung. Denn natureplus verbietet den Einsatz als Konservierungsmittel und legt für Holzwerkstoffe und andere organische Bauprodukte die europaweit strengsten Grenzwerte gegen Formaldehyd-Ausgasungen fest, die um den Faktor 3 bis 5 unter den gesetzlichen Anforderungen und damit etwa bei den in der Natur zu beobachtenden Emissionen liegen.

Charta für verstärkten Holzabsatz
In Umsetzung einer Koalitionsvereinbarung hat Bundesministerin Renate Künast gemeinsam mit den Vertretern der Deutschen Forst- und Holzwirtschaft und der Naturschutzverbände Anfang September die sogenannte “Charta für Holz” der Öffentlichkeit vorgestellt. Ziel dieser Initiative ist es, den Pro-Kopf-Verbrauch von Holz und Holzprodukten aus nachhaltiger Erzeugung in Deutschland um 20 Prozent in 10 Jahren zu steigern, also von derzeit 1,1 auf 1,3 Kubikmeter. In Schweden liegt der Holzverbrauch je Einwohner bei 1,9 m³/a, in Österreich bei 1,5. Die Steigerung soll vor allem im Baubereich erfolgen. Dies beinhaltet eine Erhöhung des rechnerischen Holzverbrauchs um 19 Mio. Kubikmeter, dafür müssten beispielsweise 680.000 Gebäude in Holzrahmenbauweise errichtet oder 2 Mio. Holzpellet-Heizungen installiert werden.

Eine Fülle von Maßnahmen ist zur Erreichung dieses Ziels geplant, u.a. heißt es in der “Charta” zum Thema Qualitätssicherung: “Der Prozess der Standardisierung und Qualitätssicherung ist fortzuführen, um mit dem Roh- und Werkstoff Holz breitere und neue Märkte zu erschließen. … Zur Qualitätssicherung sollen vorhandene Zeichen stärker genutzt und durch weitere Informationselemente angereichert werden.” Diese Aufforderung ist Bestärkung und Ermutigung für natureplus, seine Zertifizierungstätigkeit im Bereich der Holzprodukte zu intensivieren. Weitere Infos unter www.verbraucherministerium.de.

Source: natureplus - newsletter vom 2004-10-08.

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