6 April 2004

Naturdämmstoffe: Vom “Rohstoffacker” an Wand und Decke

Naturdämmstoffe gelten als umweltfreundlich, angenehm und sicher

Im April vor acht Jahren kam es im Abfertigungsgebäude des Flughafens Düsseldorf zu einem Brand, bei dem 17 Menschen ums Leben kamen und weit über 50 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Entscheidend für die Personenschäden waren unsachgemäß ausgeführte Schweißarbeiten sowie brennbare Baustoffe und Installationen in den Deckenhohlräumen mit vor allem Polystyrol, stellten die Brandexperten später fest.

Wären Naturdämmstoffe beim Bau des Flughafens verwendet worden, diese Brandkatastrophe wäre so nicht geschehen, ist sich die “Arbeitsgemeinschaft für “Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen (ADNR) sicher: “Eine Brandkatastrophe wie im Düsseldorfer Flughafen wäre mit unseren Naturdämmstoffen nicht passiert.”

Seit vergangenem Jahr fördert nun das Bundesverbraucherschutzministerium (BMVEL) mit einem “Markteinführungsprogramm” den Einsatz von Naturdämmstoffen im Hausbau und bei der Gebäudesanierung. Allerdings kommen nicht alle zum Dämmen geeignete Naturmaterialien in den Genuss dieser finanziellen Unterstützung aus dem Hause von Renate Künast. Lediglich Hanf, Flachs, Getreide, Schilf, Wiesengras und auch Schafwolle stehen auf der Liste der förderungswürdigen Naturdämmstoffe, die, je nachdem ob sie durch den internationalen Verein natureplus® zertifiziert sind oder nicht, einen Zuschuss von 40 oder 30 Euro pro Kubikmeter Dämmstoff bekommen.

Gleichfalls nachwachsende Dämmstoffe wie Cellulose, Jute-, Sisal- und Kokosfasern sowie Holz werden nicht gefördert. “Das Markteinführungsprogramm ‘Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen’ verfolgt nicht das Ziel, sämtliche auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellten Dämmstoffe zu fördern”, schreibt der von Renate Künast beauftragte Projektträger, die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR).

Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen, die sich bereits seit Jahren auf dem Baumarkt bewährt haben, seien aus diesem Grund nicht förderfähig. “Mit diesem Förderausschluss ist jedoch keine ‘Abwertung’ dieser Produkte verbunden”, so die FNR. “Vielmehr ist die Verwendung von Produkten aus Cellulose, Jute-, Sisal- und Kokosfasern, Holz oder anderen nachwachsenden Rohstoffen grundsätzlich zu befürworten.”

Doch was sind nun die Vorteile der Naturdämmstoffe für Umwelt und Verbraucher im Allgemeinen?
An vorderster Stelle steht die Energieeinsparung bereits bei ihrer Produktion. So verbraucht die Herstellung von Naturdämmstoffplatten (z.B. aus Hanf oder Zellulose) etwa 10mal weniger Energie als die Herstellung der bislang noch häufig verwendeten Dämmstoffe aus Mineralwolle. Natürlich sparen sie dann – sind sie einmal im Haus fachgerecht eingebaut -, wie auch die künstlichen Dämmstoffe jede Menge Heizenergie und Kosten.

Wobei es sich in einem “naturgedämmten” Haus angenehmer und gesünder leben lässt, weil die nachwachsenden Rohstoffe die Fähigkeit besitzen, teilweise bis zu 30 Prozent des eigenen Gewichts an Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben. Diese Eigenschaft ist besonders wichtig für ein ausgeglichenes, angenehmes Raumklima. Bei Dämmstoffen sollte deshalb die Wärmedämmung nicht das einzige Auswahlkriterium sein, sagt Professor Dr. Klaus Sedlbauer, neuer Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP: “Faktoren wie das Speichervermögen für Wärme und Luftfeuchte etwa tragen erheblich zu einem ausgeglichenen und angenehmen Raumklima bei. Material, Dicke und Verarbeitung sollten auf die baulichen Gegebenheiten abgestimmt werden.”

Naturdämmstoffe schützen aber nicht nur vor Kälte, sie schützen auch vor der sommerlichen Hitze, was bei der von Klimaexperten prophezeiten Häufung der “Jahrhundertsommer” immer wichtiger wird. Ein gut mit Naturrohstoffen gedämmtes Dach verhindert nämlich schlaflose Nächte in überhitzen Räumen. “Das Ziel eines guten sommerlichen Wärmeschutzes sollte sein, dass die Außenwärme so lange wie möglich im Dach gespeichert wird und nur langsam mit verringerter Temperatur in die Innenräume gelangt”, so die Arbeitsgemeinschaft “Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen” (ADNR). Diese ‘Abpufferung’ der Mittagshitze könnten Nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Zellulose, Flachs, Schaf- und Baumwolle an besten, weil sie sehr gut Wärme speichern. “Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind hochwertige Produkte, die durch ihre Wärmeleitfähigkeitsgruppe und professionelle Verarbeitung größtmögliche Energieeinsparung bei gleichzeitig behaglichem Wohnraumklima sichern”, zieht die ADNR ihr Fazit.

Schließlich sind Naturdämmstoffe im Allgemeinen weniger gesundheitsschädlich als beispielsweise das einst im Flughafen Düsseldorf verbaute Polystyrol, das zum einen über Monate das Krebs erregende Monostyrol “ausdünsten” und bei einem Brand weitere giftige Substanzen freisetzen kann. Freilich gibt es auch bei den nachwachsenden Rohstoffen Schattenseiten. Wie das an der Handwerkskammer Münster angesiedelte Kompetenzzentrum Bauen mit Nachwachsenden Rohstoffen hinweist, stecke nicht nur “Natur” in den daraus hergestellten Dämmstoffen: “Kritische Inhaltsstoffe nachwachsender Dämmstoffe sind vor allem die Zusätze für den Brandschutz”, so das Kompetenzzentrum. Viele dieser Flammschutzmittel seien schwach Wasser gefährdend, was bei Herstellung, Lagerung, Einbau und Recycling zu berücksichtigen sei. “Dämmstoffe, die mit Flammschutzmittel der Wassergefährdungsklasse WGK 1 oder höher behandelt wurden, dürfen aufgrund der davon ausgehenden Wassergefährdung nicht kompostiert werden.”

Meist werden kristalline Flammschutzmittel wie Borax in den Naturmaterialien eingesetzt. Diese verursachten zwar zusammen mit den Naturfasern unter Umständen beim Einbau eine Staubbelastung. “Doch während der normalen Nutzung besteht für den Bewohner keine Gefahr, da eine Staubbelastung des Innenraums durch die Luftdichtung ausgeschlossen ist”, erläutert das Kompetenzzentrum. Alles in allem betrachtet sei Borax, so die ADNR, ökologisch unbedenklich. Es wirke nicht stärker toxisch als gewöhnliches Speisesalz, und ein Bewohner eines Hauses mit diesem Brandschutz habe keine “Chance”, daran Schaden zu erleiden, ist sich Jörg Brandhorst sicher. Der ADNR-Geschäftsführer ärgert sich allerdings darüber, dass immer wieder falsche Informationen zu diesen Brandschutzmitteln in die Öffentlichkeit gelangen. Selbst in der Zeitschrift “Natur” habe ein schlecht recherchierter Artikel den Eindruck erweckt, Borate in Naturdämmstoffen seien ein Umweltproblem.

Der Öko-Anbau ist noch ein Stiefkind bei den nachwachsenden Rohstoffen
Etwas Kritik sei am Schluss erlaubt. Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen helfen zwar dem Klimaschutz in zweifacher Weise. Als von Haus aus ökologisch kann man sie dennoch nicht bezeichnen, schließlich gehört dazu auch der ökologische Anbau dieser Rohstoffe. Und dazu ist leider aus dem Bundesverbraucherministerium noch zu wenig zu hören gewesen. Auch die vom Internationalen Verein natureplus® zertifizierten Dämmstoffe müssen nicht den strengen Anforderungen des kontrolliert biologischen Anbaus genügen. Und das mit Steuergeldern finanzierte und den nachwachsenden Rohstoffen verschriebene “Centrale Agrar-Rohstoff-Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk (C.A.R.M.E.N)” hat sich bisher auch nicht gerade mit der Förderung biologischer Anbaumethoden einen Namen gemacht.

Eher schon besteht die Gefahr, dass die Gentechnik eines Tages bei C.A.R.M.E.N Einzug hält. Auf Nachfrage teilte das Netzwerk zwar mit, dass die Gentechnik in Verbindung mit Nachwachsenden Rohstoffen noch keine große Rolle spielen würde und die Anbaupotenziale noch zu gering seien, um hier spezielle Zuchtprogramme durchzuführen. C.A.R.M.E.N distanzierte sich aber nicht klar vom Einsatz der Gentechnik. Schließlich sollte man in der Ökobranche und in den Umweltschutz- und Verbraucherministerien auch noch mal genau darüber nachdenken, ob es wirklich ökologisch sinnvoll ist, Eu-Fördergelder für die so genannte Flächenstilllegung, die eigentlich dem Naturschutz und der Wiederherstellung der Artenvielfalt in unserer Landschaft dienen sollte, in den konventionellen Anbau Nachwachsender Rohstoffe zu stecken. Könnte es sein, dass damit nur wieder die unökologische Monokultur und vor allem diejenigen Bauern gefördert werden, die sowieso schon über die größten Flächen verfügen?

Mit Stroh und Schafwolle ökologisch dämmen
Eine Sonderstellung bei den Naturdämmstoffen nehmen Getreidestroh und Schafwolle ein. Getreidestroh ist ein Reststoff aus dem Getreideanbau und wird seit alters her als Stroh-Lehm-Gemisch in Mauern zur Dämmung benutzt. Heute gibt es diesen nachwachsenden Naturdämmstoff, den man nicht extra anbauen muss, bequem in Form von Strohplatten.

Schafwolle zur Wärmedämmung wiederum ist ein tierisches Produkt, das sowohl der heimischen Schafwirtschaft als auch dem Erhalt artenreicher Landschaften dienen könnte. Vorausgesetzt, die eingesetzte Schafschurwolle kommt nicht aus Neuseeland, Australien oder Südamerika, sondern aus heimischer Produktion. Problematisch ist der leider in der konventionellen Schafzucht weltweit übliche Einsatz von Pestiziden gegen Schafparasiten. Diese Pestizide sind zwar später im Dämmstoff nicht oder nur in geringen Konzentration nachweisbar, weil sie zuvor heraus gewaschen werden, für die Umwelt sind sie dennoch ein Ärgernis.

Gleichfalls nicht gerade ökologisch, aber wahrscheinlich für den Menschen gesundheitlich unbedenklich, ist der Einsatz von Produkten aus der chemischen Industrie als Mottenschutz im fertigen Schafwolldämmstoff. Manche Naturdämmstoffhersteller setzen nämlich gegen Mottenfraß Insektizide ein, wie Eulan (mit dem gefährlichen Wirkstoff Permithrin) vom Bayer-Konzern oder Mitin FF von Ciba Geigy. Das wird allerdings nicht gerne an die große Glocke gehängt. Teilweise wird auch mit dem Satz geworben: “Mitin FF wurde von Ökotest als ‘für den Menschen unbedenklich’ eingestuft.” Doch ganz so umweltfreundlich ist diese auch als “Harnstoffderivat” verharmloste Substanz nicht. Denn der Markenname Mitin FF steht für die Substanz Sulcofuron, die wiederum ein Insektizid aus der umweltschädlichen Chlorchemie und von Umweltbehörden als gefährlich eingestuft ist. “Bisher existieren keine Informationen über die Wirkung auf die menschliche Gesundheit. Aus diesem Grund sollten wegen der Erfahrungen mit ähnlichen Bioziden und aus Gründen der gesundheitlichen Vorsorge Quellen für diese Substanz aus Wohnräumen beseitigt werden”, so ein Baubiologe und anerkannter Gutachter zu Mitin FF. Dennoch erlaubt das Qualitätszeichen natureplus® den Einsatz dieses Insektizids in Naturdämmstoffen. Dabei gibt es auch ökologisch konsequente Hersteller von Schafwolldämmstoffen, die ohne chemische Insektizide und auch ohne Sulcofuron alias Mitin FF alias “Harnstoffderivat” auskommen.

Gentechnik und Nachwachsende Rohstoffe
“In Deutschland wird zur Zeit unter anderem an Raps und Kartoffeln unter dem Aspekt der nachwachsenden Rohstoffe geforscht”, berichtet das Gen-Ethische-Netzwerk. “Beim Raps soll der Gehalt an bestimmten Fettsäuren erhöht werden (Beteiligte Unternehmen: Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen, Deutsche Saatveredelung, Norddeutsche Pflanzenzucht, Planta ). Bei Kartoffeln soll die Stärkezusammensetzung (amyloseärmer/amylopektinreicher) verändert oder neue Inhaltsstoffen (z. B. Polyhydroxybuttersäure als Ausgangsstoff für biologisch abbaubaren Kunststoff, sog. “Bio-Plastik” ) sollen gebildet werden. (Beteiligte Unternehmen: AgrEvo, Bioplant, IGF, IPK Gatersleben, Monsanto, MPI Golm, Planta).”

Das Gen-Ethische-Netzwerk schreibt weiter: “Zunächst erscheint es begrüßenswert, dass mit der gentechnischen Veränderung von Pflanzen erneuerbare Quellen von Rohstoffen erschlossen werden sollen. Eine nachhaltige Entwicklung bedeutet dies jedoch nicht in jedem Fall. Denn es hängt u.a. davon ab, ob die landwirtschaftliche Produktion langfristig ohne negative Folgen betrieben werden kann. So fördert ein hoher Bedarf an einem Rohstoff die landwirtschaftliche Monokultur und senkt die ökologische Stabilität. Intensivanbau kann zur Belastung des Grundwassers mit Nitrat und Pestiziden führen und erfordert einen hohen Einsatz von Energie. Überdies ist unklar, ob bei nachhaltiger Lebensmittelproduktion überhaupt noch größere Flächen zur Produktion von industriellen oder energetischen Rohstoffen zur Verfügung stehen. Deshalb werden schon konventionelle nachwachsende Rohstoffe kontrovers diskutiert.”

Source: Der Spatz - Alternativer Anzeiger für Bayern vom 2004-03-09.

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