15 Juni 2009

Naturdämmstoff von der Wiese

Cellulose aus Wiesengras als umweltfreundlicher Einblasdämmstoff

Das Bauwesen gilt als einer der Bereiche, in welchem die meisten Ressourcen verbraucht werden. Somit sind gerade die Baustoffe aus natürlichen und pflanzlichen Rohstoffen ein wichtiger Schritt zur Schonung unserer Umwelt. Umsichtige und abfallfreie Rohstoffnutzung ist die Devise für eine Industrie mit Zukunft. Unabdinglich ist hierbei jedoch die umweltgerechte Kultivierung von Pflanzenrohstoffen, denn Monokulturen oder Regenwaldrodungen können nicht das Resultat einer sinnvollen Rohstoffnutzung sein. Es gilt somit als völlig unstrittig, dass regional vorhandene und möglichst naturbelassene Pflanzenrohstoffe gefunden und genutzt werden müssen. Dass dies nicht unmöglich ist, zeigt das nachfolgende Beispiel zur Aufbereitung von ganz gewöhnlichem Wiesengras.

Foto: Holzmann
Foto: Holzmann


Durch die restlose Raffinerie einer Tonne silierten Grases können ca. 500 kg Zellulosefasern, 90 kg Proteine, 615 kWh elektrischer Strom und 900 kWh Wärmeenergie gewonnen werden, ohne auch nur den geringsten Abfall zu erzeugen. Die Firma BioWert GmbH hat diese Erkenntnis in ein ökologisch einwandfreies Upcyclingverfahren zur Herstellung von Wiesengras-Einblasdämmung umgesetzt. Durch die Anlagensynergie aus Biogasanlage und Wiesengrasaufbereitung, wird aus dem lokal geernteten Wiesengras ein technisch einwandfreier Zellulosedämmstoff hergestellt, dessen Produktion keinerlei Fremdenergie benötigt. Bauaufsichtlich zugelassen (Nr. Z-23.11-1628), mit dem Ü-Zeichen ausgestattet, also einer regelmäßigen unabhängigen Prüfung unterzogen, ist AgriCell BW eine hochwertige Einblas- und Zelluloseschüttdämmung, welche zur Altbausanierung und in Neubauten technisch optimal eingesetzt werden kann. Als Rohstoff dient siliertes Wiesengras (bot.: Lolium perenne), das in der direkten Nachbarschaft der Produktionsstätte angebaut wird. Durch die Silage wandeln die in der Pflanze enthaltenen Milchsäurebakterien Zucker in Säure um und der ph-Wert fällt in einen Bereich von 4,0 bis 4,5 ab. Dieser natürliche Vorgang ist wichtig, um pflanzeneigene Enzyme sowie aerobe und fakultativ anaerobe Mikroorganismen wie Bakterien oder Schimmelpilze zu unterdrücken und gärschädliche Bakterien am Wachstum zu hindern. Nach dieser Silage wird das Wiesengras mit Hilfe von warmem Wasser in mehreren Waschgängen ausgewaschen, bis nur noch die reine Zellulosefaser vorhanden ist.

Die ausgewaschenen Bestandteile des Grases, wie z.B. Nitrate, Phosphate, Kalium, Stickstoff und einige Aminosäuren, werden aufgespalten und das Restabwasser in einer Biogasanlage zu elektrischem Strom und Wärmeenergie umgewandelt, gereinigt und wieder zurück in die Wiesengrasaufbereitung geführt. Die aufgespaltenen Bestandteile fließen als wertvoller Rohstoff u.a. in die Kosmetik-, Düngemittel- oder Nahrungsmittelindustrie. Der auf diese Weise aufgebaute Produktionsprozess macht sich somit energetisch autark, hinterlässt keinerlei Abfall und beliefert nebenbei eine ganze Menge von Industriebereichen.

Die gewonnene, rein pflanzliche und geruchsneutrale Naturzellulose wird, um Brand- und Rauchschutz zu sichern, vollflächig mit Borsalzen benetzt. Der Borsalzanteil teilt sich in ca. 2 Teilen Borax und 1 Teil Borsäure auf. Der fertige Dämmstoff enthält somit ca. 85% Naturzellulose, ca. 5% Borsalz und ca. 10% Wasser (direkt nach der Trocknung). Das heißt auch, dass in der Dämmung aus natürlicher Wiesengraszellulose ein weit geringerer Anteil an Borsalzen enthalten ist, als in ähnlichen Produkten aus Altpapier, die nach Angabe von Ökotest Borsalzanteile von bis zu 20% aufweisen.

Planungsdaten.<br />Quelle: Gerhard Holzmann: Natürliche und pflanzliche Baustoffe. <br />ISBN 978-3-8351-0153-1″></td>
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Quelle: Gerhard Holzmann: Natürliche und pflanzliche Baustoffe.
ISBN 978-3-8351-0153-1

Die Faserlängen sind einer optimalen Verarbeitbarkeit mit jeder gewöhnlichen Verblasanlage angepasst. Der Hersteller bietet im Zusammenhang mit seinem Einblasdämmstoff grundsätzlich eine Einweisung zum Einbau des Naturdämmstoffes und der Verblasanlage an. Hierzu steht Ihnen neben dem Projektberater auch ein technischer Fachmann sowie die Möglichkeit der Maschinenmiete und die Vermittlung eines spezifisch ausgebildeten Handwerksbetriebes zur Verfügung. Der Einbau der Zellulosedämmung aus Wiesengras ist jedoch prinzipiell identisch mit der Methodik bei anderen Zellulosedämmstoffen. Beim Einblasen in kleinräumige Hohlräume genügen Bohrlöcher mit einem Durchmesser von 25 bis 35 mm. Für leicht zugängliche Decken oder noch offene Fußbodenkonstruktionen kann der Dämmstoff auch als Schüttdämmstoff genutzt werden, womit er auch vom Hobbyhandwerker verarbeitet werden kann.

Bei der Verblasung des Dämmstoffes gilt die Verwendung einer entlüfteten Drehdüse als Einblasdüse vorteilhaft, vor allem für vertikal stehende, luftdichte Trockenbaukonstruktionen wie Vorsatzschalen, Trennwandsysteme und Einblasarbeiten zwischen Folien und Baupappen. Beim Einblasen bildet der Ein- und Aufblasdämmstoff ein dreidimensionales Vlies, welches eine geringe Verdichtungsneigung und damit hohe Formbeständigkeit gewährleistet.

Die Zellulose ist technisch dermaßen perfektioniert, dass sie auch in der Spritzgussverarbeitung von Kunststoffprodukten eingesetzt wird. So sind nun auch schon die ersten Unterputzdosen aus einem Kunststoff-Graszellulose-Gemisch entstanden, die im Gegensatz zu den herkömmlichen Unterputzdosen bis zu 50% weniger Kunststoff enthalten, aber technisch gleichwertig nutzbar sind. Neben den Unterputzdosen sollen nach Herstellerangaben auch andere bauübliche Kunststoffprodukte wie z.B. Leerrohre o.ä. für das Bauwesen produziert werden. Eine wunderbare Sache, denn gerade in der Bauelektrik wären 50% Kunststoffeinsparung eine klasse Sache, sieht man doch, wie viele Steckdosen, Installationsrohre und andere Bauprodukte aus Kunststoff dort verbaut werden.

Weitere Informationen

Autor
Gerhard Holzmann
Bauberater, Bauingenieur, Stuckateur
Holzmann-Bauberatung
E-Mail: info@baubegriffe.com

Source: G. Holzmann-Bauberatung, 2009-06-12.

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