15 April 2003

Nachtkerze: Harmlos wie Haferflockensuppe

NachtkerzeSeit längerem wächst das Interesse an den Samen der Nachtkerze. Und zwar nicht aus kulinarischen Gründen, sondern wegen ihres wertvollen Öles, das reich an Gamma-Linolensäure ist und sowohl für die pharmazeutische sowie kosmetische Industrie als auch für reinigungschemische Prozesse von großem Interesse ist.

“Das Tensid aus Nachtkerzenöl hat hervorragende Benetzungseigenschaften”, schwärmt Diplomchemikerin Brigitte Olschewski. Zusammen mit ihrem Mann Max betreibt sie in Berlin das CC BO Entwicklungslabor, das ein europäisches Patent auf die Herstellung eines grenzflächenaktiven Stoffes inne hat, der ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen – pflanzliches Öl und Hefe – hergestellt wird.

Kessel

“Wir nehmen für unser natives Tensid Hefe, spalten sie in die gewünschte molekulare Kettenlänge und mischen dann, stark vereinfacht gesagt, soviel Nachtkerzenöl dazu, bis die Wasser-Fett-Balance in der Substanz optimal ist”, erklärt Olschewski die Produktion ihres Tensids. Obwohl manche mit dieser Erfindung voreilig eine “Revolution in der Waschküche” herbeiwünschten, hat sich doch die Nachfrage nach diesen nativen, vollständig abbaubaren Waschmitteln nur in sehr bescheidenem Maßstab entwickelt.

Jedoch immerhin findet das Faliten, das nach den Worten von Olschewski “harmlos wie Haferflockensuppe” ist, auf der Basis einheimischer Hanf- und Nachtkerzenöle trotz massiver Konkurrenz etablierter Chemiegrößen wie Henkel, die nachwachsende Rohstoffe wie das umstrittene Palmöl aus Indonesien zu Niedrigpreisen importieren, seine Abnehmer: Bodenreinigungsfirmen ebenso wie die Deutsche Bahn AG.

Einer der Rohstofflieferanten von CC BO ist Hans-Georg Kurth. Ohne eigentlich große Risiken einzugehen, baut Kurth nun seit einigen Jahren die Nachtkerze auf einigen Hektar an. Und zwar an einem sehr sandigen Standort direkt am Wald, der für anspruchsvollere Kulturpflanzen ohnehin nicht die beste Location ist. Für die anspruchslose Nachtkerze genügt es allemal. So zeigte sich der gelb blühende Bestand im letzten Jahr dicht bewachsen.

Sehr zur Freude der Stieglitze, die in Schwärmen über die gelb blühenden Pflanzen herfielen und sich viele Samenkörner stibitzten. “Also wenn die Vögel uns etwas übriglassen”, so Kurth im unbehandelten Bestand, “dann können wir 200 Kilogramm Nachtkerzensamen pro Hektar ernten. Wir haben jedoch das Problem, dass die Nachtkerze nicht gleichmäßig abreift und dadurch ein Teil der Samenkörner verloren geht”, merkt der Chef der Agrargenossenschaft noch Verbesserungspotenziale an der Nachtkerze an, die im Gesamtbild noch nicht den Eindruck einer durchtrainierten Kulturpflanze hinterlässt.

Kein Wunder, ist doch die Nachtkerze erst seit sechs Jahren züchterisch behandelt worden. Und in sechs Jahren wird aus einer Wildpflanze noch keine Kulturpflanze. “Da kann man sich so anstrengen, wie man möchte”, entschuldigt Dr. Lothar Adam die Ölspenderin mit dem lateinischen Namen Oenothera biennis. Der Agrar-Experte bei der Landesanstalt für Landwirtschaft in Güterfelde koordinierte die von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) finanzierten Vorarbeiten, um aus der Nachtkerze, einer großen Unbekannten, erstmalig eine landwirtschaftliche Kultur zu etablieren. “Wir sind auf die Nachtkerze gekommen, weil sie in hervorragender Weise umweltverträgliche Aspekte in sich vereint”, berichtet Adam, der neben dem erprobten Einsatz für biologisch abbaubare Tenside auch die Möglichkeiten einer pharmazeutisch-kosmetischen Schiene betont. (Download des Berichts zum FNR-Verbundprojekts (FKZ:96 NR 160-F, 1998-2001).)

Ebenso kann sich Adam die Nachtkerzensamen, die einen hohen Anteil an Antioxidantien enthalten, auch als Zusatz für Backwaren vorstellen. Gerade ökologisch erzeugte Ware erzielt derzeit einen Marktpreis von bis zu sechs EUR pro Kilogramm, womit pro Hektar im günstigsten Fall Erlöse von bis 1.200 EUR erreicht werden könnten. Dagegen liegt der Weltmarktpreis für konventionell angebaute Nachtkerzensamen zurzeit bei katastrophalen 2 EUR pro Kilogramm. Ein Preis, bei dem jegliche Anstrengungen der Produktion aus hiesiger landwirtschaftlicher Sicht schon im Keim scheitern muss.

Auf der anderen Seite ist das extrahierte Öl aus dem Samen relativ teuer. CC OB zahlt für das kostbare Nachtkerzenöl rund 40 EUR pro Kilogramm. Obwohl nur drei Prozent Öl ins abbaubare Waschmittel gelangen, hebt es den Produktpreis derart an, dass es vergleichsweise teurer ist als Produkte auf petrochemischer Basis.

Trotzdem sieht Brigitte Olschewski noch große Potenziale, die durch einen größeren Absatz und damit einer Massenproduktion freigesetzt werden könnten. Wenn auch nicht die preisliche Parität erreichbar sei, wäre aber immerhin eine Annährung aus ihrer Sicht durchaus denkbar. Also doch ein waschechte Revolution mit einem Mittel, das so harmlos wie Haferflockensuppe ist?

(Anm. d. Redaktion: Den vollständigen Artikel zum Thema Nachtkerze “Harmlos wie Haferflockensuppe” findet man im Magazin energie pflanzen Ausgabe 2/2003).

(Vgl. Meldung vom 2002-07-05.)

Source: Magazin energie pflanzen Ausgabe 2/2003).

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