20 Juli 2011

Milch macht Mode: Biofasern aus Casein

Modedesignerin nutzt Molkerei-Abfallprodukte für Herstellung von innovativer Naturfaser

Anke Domaske hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sie <br />aus dem Milchprotein Casein Bio-Fasern für Kleidung gewinnt.<br />(Quelle: QMilch)”></td>
</tr>
<tr>
<td style=Anke Domaske hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sie
aus dem Milchprotein Casein Bio-Fasern für Kleidung gewinnt.
(Quelle: QMilch)

Mit QMilch hat die 28-jährige Anke Domaske aus Hannover eine Naturfaser aus dem Milch-Protein Casein entwickelt. Die studierte Biologin und Modedesignerin nutzt dafür Molkerei-Abfallprodukte, die sie ohne jeglichen Einsatz von Chemikalien verspinnt und als Ausgangsmaterial für ihre eigene Modekollektion nutzt. Gut für die Haut, hoher Tragekomfort und ressourcenschonend sind die Attribute ihres innovativen Stoffs. Dafür wurde Domaske während der Fashion Week im Juli in Berlin vom Gesamtverband Textil und Mode zur Siegerin 2011 in der Kategorie Technische Textilien gekürt.

Kohlenhydrate, Eiweiße, Vitamine und Spurenelemente: All das ist drin in einem Glas Milch. Auch für Anke Domaske ist Milch ein wichtiger Rohstoff. Sie setzt alles daran, die nährstoffreiche Flüssigkeit in die Kleiderschränke zu bringen. Die Biologin aus Hannover hat in rund zweijähriger Forschungsarbeit ein Verfahren entwickelt, um aus Milch Textilien herzustellen. Für ihr Vorhaben hatte sie sich Unterstützung von Wissenschaftlern der Fachhochschule Hannover und dem Bremer Faserinstitut FIBRE geholt. Inzwischen steht ihre erste Kollektion.

Domaske geht es bei der Milch vor allem um eines: das Eiweiß Casein. Etwa 80 Prozent der Gesamtproteinmenge in der Milch besteht aus diesem Protein. Gerinnt die Milch, setzt es sich von der Molke ab und lässt sich ganz einfach abschöpfen. Die zähe Masse kann dann beispielsweise zu Käse oder Quark weiterverarbeitet werden.

Auch Domaske nutzt diesen Proteinanteil in der Milch. Schon lange ist bekannt, dass sich Casein zu Fasern verweben lässt. “Bislang war dafür allerdings sehr viel Chemie notwendig”, so Domaske. Zusätzlich verschlangen die bisherigen Verfahren auch enorme Ressourcen: Für die Produktion von einem Kilogramm Milchfaser waren etwa 20.000 Liter Wasser notwendig. “Das Neuartige an unserem Verfahren ist, dass wir bei einer industriellen Faserproduktion ohne chemische Zusatzstoffe auskommen”, erklärt die Modedesignerin. Zugesetzt wird nur Bienenwachs und Zink. Nach einem patentierten Verfahren wird das Gemisch von einer Spezialmaschine zur Bio-Faser versponnen. Die Herstellung passiert nach dem Global Organic Textile (GOT)-Standard: Dabei werden im Gegensatz zum herkömmlichen Nassspinnverfahren Ressourcen an Energie, Wasser, Zeit und Personal eingespart.

Antibakterielle Fasern mit Wellness-Effekt
Offenbar müssen auch keine Abstriche beim Tragekomfort gemacht werden. Domaske zufolge zeichnet sich die neuartige Faser durch einen seidigen Griff aus. Gegenüber Baumwolle und Seide sei sie auch extrem farb- und formbeständig, leicht zu trocknen und reißfest. Ein weiterer Aspekt: Auf natürliche Weise soll die Milchfaser das Wachstum von Bakterien verhindern. Das besondere Feuchtigkeitsmanagement des Bio-Garns soll das möglich machen. “Ziel und Ausgangspunkt war es, das Leiden von Allergikern zu mindern, die verzweifelt nach Kleidung aus nicht belasteten Fasern suchen”, sagt Domaske. Die von ihr gegründete QMilch GmbH setzt dabei auch auf Wellness: Die Aminosäuren der Milch sollen einen Film auf der Haut hinterlassen, der vor schädlichen Toxinen aus der Umwelt schützt.

Besonders wichtig ist der jungen Biologin und Modedesignerin, dass für die Herstellung der Faser keine Lebensmittel verwendet werden. Der Faser-Ausgangsstoff Casein fällt als Nebenprodukt der Milchindustrie in ausreichender Menge an. Nur Milch, die nicht der Milchverordnung und den strengen Hygienevorschriften für “Trink”-Milch entspricht, wird von ihr zu Stoff verarbeitet. Dazu zählt Kolostralmilch von Kühen, die gerade gekalbt haben, das Zentrifugat aus der Käseherstellung oder auch nicht nach dem Gesetz wärmebehandelte Milch.

Casein Textilien für Mode und Medizin
Schon als Kind hat Domaske gerne geschneidert. Nach dem Abitur ging sie nach Japan, um dort ihre selbst designten T-Shirts zu verkaufen. Zurück in Hannover gründete sie mit 19 Jahren ihr Modelabel “Mademoiselle Chi Chi” und begann ihr Studium an der Göttinger Georg-August Universität. Einige Jahre pendelte sie so zwischen Fashion-Trends und Biologie. Das Diplom hat sie in der Tasche, und ihre eleganten Designs werden derweil von Stars wie Mischa Barton oder Ashlee Simpson zur Schau getragen. Bei der Gründung von QMilch kam ihr das Studium zu Gute, denn oft ging es um technische Belange: “Ich merke schon, wie ich in Gesprächen mit Professoren und Institutsleitern getestet werde und bin froh mein Biologiestudium im Hintergrund zu haben”, sagte Domaske gegenüber Welt online.

Die Milch-Mode wird derzeit von ersten Kunden getestet. Domaske kann sich aber auch Anwendungen jenseits der Bekleidungsindustrie vorstellen: Aufgrund der antibakteriellen Eigenschaften der Faser sind laut QMilch auch Einsätze in Medizin, Biologie, Kosmetik sowie in der Membrantechnik denkbar.

Source: biotechnologie.de, 2011-07-20.

Supplier

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email