7 März 2005

Leipzig wird Schwerpunkt-Standort in der Bioenergieforschung

Die Messestadt erhält ein Forschungszentrum für Biomasse. Die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast will diese Entwicklung ankurbeln

Interview von Sven Siebert mit Bundeslandwirtschaftsministerin Künast:

Wozu brauchen wir ein Biomasse-Forschungszentrum?
Es geht darum, unsere Wirtschaft vom Erdöl unabhängiger zu machen. Jeder Liter Benzin, den wir ersetzen können, ist ein Gewinn. Bei den Alternativen spielt die Biomasse eine immer wichtigere Rolle. Biomasse kann alles sein: von Abfall über Gülle bis hin zu Pflanzen, die wir auf dem Acker wachsen lassen, um sie für die Energieerzeugung oder als Baustoffe zu nutzen. Stroh beispielsweise wird heute schon beim Autobau verwendet, pflanzliche Öle in der chemischen Industrie und in der Pharmaindustrie. Zur Energieerzeugung betreiben wir Biogasanlagen mit Biomasse. Gerade im Osten gibt es große Tierhaltungsbetriebe, die ihre Gülle zur Energiegewinnung verwenden können. Das Ganze dient natürlich auch dem Klimaschutz.

Und was soll das Biomasse-Forschungszentrum tun?
Das Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig soll unter anderem all die technischen und ökologisch-ökonomischen Fragen, die im Zusammenhang mit energetischer Nutzung von Biobrennstoffen stehen, prüfen und zertifizieren. Es geht um die Frage: Wie funktionieren solche Anlagen am besten? Wir wollen auch dazu beitragen, unsere bereits gute Position im internationalen Geschäft weiter zu verbessern. Wir wollen unser technisches Know-how auf dem Weltmarkt verkaufen. Das Biomasse-Forschungszentrum soll die Forschung in diesem Bereich bündeln und Beratung von öffentlichen und privaten Einrichtungen anbieten.

Warum gerade in Leipzig?
In Leipzig besteht bereits das Institut für Energetik und Umwelt. Es gibt die baulichen Voraussetzungen, ein Versuchsfeld und vor allem das Fachpersonal für die Bioenergetik. Das Institut mit seinem Leiter, Professor Martin Kaltschmitt, beschäftigt sich seit Jahren herausragend damit. Wir haben ein großes Interesse, diesen Bereich auszubauen, und das versuchen wir auf allen Ebenen.

Es hieß immer, Sie würden als Standort Braunschweig favorisieren.
Ich habe mehrere Standorte geprüft und mich jetzt aus den genannten Gründen für Leipzig entschieden.

Sie folgen nicht nur dem Grundsatz: Neue Bundeseinrichtungen müssen in den Osten?
Nein, da bin und bleibe ich offen. Der Grundsatz ist richtig. Er darf aber im Zweifelsfall nicht bedeuten, dass man etwas ansiedelt, wo es eindeutig falsch ist. Leipzig ist der richtige Ort.

Um wie viel Geld, um wie viele Arbeitsplätze geht es?
Wir fangen jetzt an. Wir diskutieren beispielsweise darüber, mit einem Prüfzentrum für Feuerungsanlagen zu beginnen: Dann soll es Biogasvergärungsversuche geben. Bis zum Endausbau als Biomasseprüfzentrum im Jahr 2009 werden zirka 50 Mitarbeiter dort beschäftigt sein. Als Basisförderung ist mehr als eine Million Euro pro Jahr vorgesehen. Die restliche Finanzierung ist dann abhängig von Forschungs- und Prüfaufträgen.

Zum Beschluss, das Bioenergieforschungsinstitut in Leipzig anzusiedeln, erklärt Hans-Josef Fell MdB, forschungs- und technologiepolitischer Sprecher und Peter Hettlich MdB, Sprecher der Arbeitsgruppe Ost der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen:

Das Deutsche Biomasseforschungsinstitut (DBFZ) kommt nach Leipzig. Dies ist eine sehr kluge Entscheidung der Bundeslandwirtschaftsministerin, Renate Künast. Damit werden Bioenergien gestärkt, so dass sie in Zukunft einen noch wesentlich höheren Beitrag zur Energieversorgung leisten können. Angesichts hoher Ölpreise und hoher Arbeitslosigkeit eine wichtige Maßnahme der Bundesregierung. Das neue Bioforschungszentrum ist ein wichtiger Baustein in unserer Strategie “Weg vom Öl”.

In Leipzig gibt es bereits eine umfassende Bioenergieforschungs-Kompetenz, auf die das Institut zurückgreifen kann. Der Forschungsstandort in den Neuen Bundesländern wird deutlich gestärkt und Leipzig kann eine Brücke zu den neuen EU-Ländern im Osten bilden, die mit Biomasse gesegnet sind. Wir halten damit im Übrigen ein altes Wahlversprechen ein und setzen den Koalitionsvertrag um, der eine Stärkung der institutionellen
Bioenergieforschung vorsieht. Auch das Versprechen, neue Forschungsinstitute im Osten anzusiedeln wird damit eingehalten.

Bioenergie hat eine große Zukunft. Biokraftstoffe, Bioenergien in der Strom- und in der Wärmeerzeugung haben sehr große Potenziale. Das neue Institut wird dazu beitragen, diese Potenziale auszuschöpfen. Damit können neue Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und im weiterverarbeitenden Gewerbe geschaffen werden und gleichzeitig Klimaschutz betrieben werden.

(Vgl. Meldung vom 2005-02-04.)

Source: Sächsische Zeitung vom 2005-03-02 und Mitteilung des Bundestagsfraktionsbüros Hans-Josef Fell (MdB) vom 2005-03-04.

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