11 November 2004

Künast: Zuckerwirtschaft muss nachhaltig und wettbewerbsfähig sein

Kampf für die deutsche Zuckerproduktion: Bundesverbraucherministerin Künast beim Forum "Existenzfrage Zucker"

Mehr als 1.000 Landwirte und Mitarbeiter in Zuckerfabriken, die ihre Existenz durch die anstehende Reform der Zuckermarktordnung gefährdet sehen, haben sich heute in Berlin getroffen. Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast musste sich vor dem Forum der “Aktion Existenzfrage Zucker” (AEZ) zu ihren Positionen für die zukünftigen Verhandlungen äußern:

“Wenn wir heute nicht handeln, wird die Zuckermarktordnung in wenigen Jahren wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen”, sagte Bundesverbraucherministerin Renate Künast heute in Berlin vor den über 1000 Teilnehmern des Forums “Existenzfrage Zucker”. Das Aktionsbündnis Zucker “Existenzfrage Zucker” ist eine gemeinsame Initiative der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rübenbauerverbände (ADR), des Deutschen Bauernverbandes (DBV), der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker  (WVZ) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

An den beschlossenen Grundsätzen der EU-Agrarreform solle sich auch die Reform des Zuckersektors ausrichten. Das bedeute für diesen Bereich: Abbau der Differenz zwischen Binnenmarkt- und Weltmarktpreisen und Umstellung der Stützung vom Erzeugnis auf den Erzeuger. Mit der bereits eingeleiteten Agrarreform würden insbesondere in Deutschland Spielräume für die Reform der Zuckermarktordnung geschaffen.

“Der Reformdruck auf die Zuckermarktordnung ist mittlerweile groß und wird noch weiter zunehmen”, so Künast. “Wir sind zum Handeln gezwungen und müssen uns den veränderten Bedingungen an den Weltzuckermärkten und innerhalb der EU stellen. Wir haben zwei Ziele: eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Zuckerwirtschaft in Deutschland und Europa sowie international.”

Einfache Lösungen könne es bei dem komplizierten Problem des Zuckermarktes nicht geben. Gerade deshalb sei es dringend erforderlich, dass sich alle Beteiligten gemeinsam den neuen Herausforderungen stellten.

Konkrete Vorschläge werde der nächste Agrarrat (vermutlich Anfang Dezember) erarbeiten lassen. Die AEZ ist ein Bündnis von Deutschem Bauernverband, Wirtschaftlicher Vereinigung Zucker, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rübenanbauverbände und Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Redner bewerteten die Reformpläne als existenzbedrohend sowie überzogen und lehnten sie ab. Diese Veranstaltung soll nur ein erster Schritt auf einem langen Weg für die Sicherung der deutschen Zuckerproduktion gewesen sein, hieß es seitens der Vertreter der AEZ.

Zuckerreform: Sklavenarbeit in Brasilien brandmarken

Über 800 Rübenbauern aus allen Teilen Deutschland und 300 Erwerbstätige der Zuckerfabriken haben gestern mit dem Forum ExistenzfrageZucker in Berlin auf die existenzgefährdenden Auswirkungen der geplanten Reform der EU-Zuckermarktordnung aufmerksam gemacht. Die regionalen Wirtschaftsstrukturen in Deutschland sowie Arbeitsplätze und Existenzen in der Land- und Zuckerwirtschaft werden durch radikale Preissenkungen und Quotenkürzungen bedroht.

“Mit der vorgeschlagenen starken Preissenkung von 25 Prozent im Zeitraum bis 2012 und einer Quotenkürzung um 1,3 Millionen Tonnen bedroht die EU-Kommission nicht nur die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe und Zuckerfabriken in der EU, sondern auch die zahlreicher Bauern in den ärmsten Entwicklungsländern, den so genannten AKP-Staaten”, betonte der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Zucker, Dr. Hans-Jörg Gebhard. Europaweit sei der Zuckerrübenanbau Existenzgrundlage für rund 375.000 Landwirte, 230 Zuckerfabriken und rund 300.000 Beschäftigte im Zuckersektor.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Gerd Sonnleitner, bot die konstruktive Mitarbeit bei einer Reform der EU-Zuckermarktordnung an, sofern die Reformmaßnahmen realistisch seien und man den landwirtschaftlichen Betrieben eine Anpassungsperspektive belasse. Die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Einschnitte in die Preis und Mengengarantien der Zuckermarktordnung würde zu einem schlagartigen Rückgang der Zuckerrüben- und Zuckererzeugung in Europa führen. Dadurch kämen Zuckerproduzenten, wie zum Beispiel Brasilien, zum Zuge, die ihren Anbau vielfach auf Kosten von Mensch, Natur und Umwelt betrieben.

Die Neuordnung der Zuckermarktordnung sei verfrüht und ein unnötiger Eingriff auf internationaler Ebene, erklärte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung – Genuss – Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg. Der niedrige Weltmarktpreis sei das Resultat eines Überangebotes, verschuldet durch die enorm gesteigerte Produktion außerhalb Europas. Insbesondere das Beispiel Brasilien zeige, dass durch Kinderarbeit und Umgehung jeglicher sozialer Standards Hunderttausende in der Zuckerproduktion Beschäftigte Sklavenarbeit leisten müssten. Die Missachtung sozialer Standards dürfe kein Kavaliersdelikt sein.

(Vgl. Meldung vom 2004-09-15.)

Source: dlz-agrarmagazin vom 2004-11-11, BMVEL-Pressemitteilung Nr. 307 und "AgriManager"[www.agroonline.de/nachrichten/aktuell/pages/show

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