9 Dezember 2004

Kritisch hinterfragt: Welche Perspektive bieten Biokraftstoffe wirklich?

“Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, setzt schon auf synthetische Kraftstoffe aus Biomasse, der zweiten Generation der erneuerbaren Kraftstoffe nach der ersten Generation Biodiesel aus Raps und Bioethanol aus Getreide und Zuckerrüben.” Machen synthetische Kraftstoffe aus Biomasse den Traum vom klimaneutralen Verkehr möglich? Oder wird der Sprit vom Acker zu früh bejubelt?

Zu diesen Fragen konnten mehrere Experten aus Forschung, Ministerien, Unternehmen und Naturschutzverbänden ihren Standpunkt darstellen, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Dr. Andreas Ostermeier, Schadstoffminderung und Energieeinsparung im Verkehr (Umweltbundesamt):
Biomass-to-Liquid-Kraftstoffe (BtL) bieten ein großes Potenzial. Dies gilt gleichermaßen unter Umwelt- und Klimaschutzgesichtspunkten. Allerdings sind BtL-Kraftstoffe noch Forschungsgegenstand. “Noch liegen keine belastbaren Zahlen vor.” Außerdem muss neben der Entwicklung neuer Kraftstoffe weiterhin an der Verbesserung der Effektivität heutiger (Motor-)technik gearbeitet werden. Der durchschnittliche Verbrauch der Fahrzeuge muss auf 2-3l/100km gesenkt werden.

Olaf Tschimpke, Präsident Naturschutzbund Deutschland (NABU) e.V.:
Es gilt erstens zu prüfen, ob “man mit Biomasse nicht effizienter Strom und Wärme erzeugt als Kraftstoff”. Außerdem sollte zweitens der Anbau nicht zu Lasten der Umwelt gehen, sprich wenig Pestizide und Dünger einsetzen und “bitte, keine Monokulturen und erst recht keine Gentechnologie” einsetzen bzw. verwenden. Drittens müssen strukturelle Verkehrsprobleme gelöst werden! Denn “ein 8-Liter Auto wird nicht dadurch nachhaltig, dass es BtL tankt”.

Hans-Wolfgang Lüke, Director Technology, Deutsche Shell GmbH:
BtL: “Gegenüber der ersten Generation ein großer Fortschritt, aber es bleiben Fragezeichen.” Zwar sinkt durch die Produktion von BtL-Kraftstoffen die Abhängigkeit vom Rohöl, aber es gibt noch logistische Probleme. “Denn eine Anlage für 3 Mio. t BtL jährlich, braucht 15 Mio. t Biomasse.”

Dr. Armin Vetter, Abteilungsleiter Pflanzenölproduktion an der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft:
Es fehlen laut Herrn Vetter harte Fakten. Er bezweifelt, dass man 15 Mio. t Biomasse pro Jahr zur Verfügung stellen kann, um wirtschaftlich zu sein und rund 3 Mio. t BtL zu produzieren. Holz sei momentan ein knappes Gut, so dass man sich mit dem Thema Anbau-Biomasse beschäftigen muss. Aber welcher Landwirt gibt sich mit 40 €/t zufrieden?

Dr. Guido Reinhard, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH:
Vorteile der BtL-Kraftstoffe sind die besseren Öko- und Energiebilanzen gegenüber fossilen Kraftstoffen. Man muss jedoch prüfen, welche Verarbeitungswege die ökologisch sinnvollsten sind. Die Produktion von BtL-Kraftstoffen scheint, im Gegensatz zur “stationären” Nutzung,”nicht die optimale Lösung zu sein”.

Matthias Rabe, Leiter Konzernforschung, Volkswagen AG:
BtL-Kraftstoffe haben “das Potenzial, die Kohlendioxid-Emissionen des Verkehrs drastisch zu mindern”. Die neuen Kraftstoffe senken des Ausstoß an Treibhausgasen gegenüber fossilen Kraftstoffen um bis zu 90 %. “Zudem mindern sie alle weiteren Luftschadstoffe deutlich.” All diese Vorteile sind kurzfristig zu realisieren, weil die neuen Karftstoffe keine neuen Antriebe oder Tankstellen benötigen. “Bis 2020 ließe sich europaweit ein Drittel des Kraftstoffbedarfs mit BtL-Kraftstoffen decken.”

Prof. Herbert Kohler, Leiter Forschung Fahrzeugbau und Antrieb sowie Umweltbevollmächtigter der DaimlerChrysler AG:
Aufgrund der Tatsache, dass die Gas- und Ölreserven “vor allem in politisch instabilen Regionen” liegen und aufgrund klimarelevanter Gründe, sind neue Kraftstoffe hoch willkommen. Das können auf Wasserstoff basierende Kraftstoffe sein aber auch BtL-Kraftstoffe. Ziel muss es immer sein, möglichst klimafreundlich oder sogar Kohlendioxid neutrale Kraftstoffe für den Markt zu entwickeln.

Source: Printausgabe der VDI nachrichten vom 2004-11-19, Nr. 47, S. 8.

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