15 August 2002

Kerala – Land der Kokosnüsse

Nachfrage nach Fasern schlecht

Boot

Im Bundesstaat Kerala liegt das Zentrum der indischen Kokosfaserfabrikation. Die Kokosfaser sei das „goldene Geschenk Indiens“ an den Rest der Welt. So steht es zumindest auf der Homepage einer der vielen indischen Firmen, die für ihre Teppiche, Fußmatten und Läufer aus Kokosfaser, englisch Coir, selbstverständlich auch im Internet werben.

NuesseDie meisten Unternehmen kommen dabei aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, was übersetzt so viel heißt wie „Land der Kokosnüsse“. Die unverzweigte Kokospalme, Inbegriff aller Tropenklischees, kann bis zu 30 Meter hoch werden und manches Exemplar wird weit über 100 Jahre alt. Eine solche Palme erzeugt in ihrem langen Leben bis zu 8.000 ausgewachsene Kokosnüsse und zählt damit zu den wichtigsten Weltwirtschaftspflanzen überhaupt. Und gehört zu denjenigen nachwachsenden Rohstoffen, die sowohl für den Non-Food-Bereich (Faser, Holz, Flechtwerk) als auch den Food-Bereich (Speiseöle, Industriefette) wertvolle Biomasse liefert.

Im Bundesstaat Kerala leben mehr als drei Millionen Menschen direkt bzw. indirekt von der Kokospalme. Während man aus dem Inneren Speiseöl gewinnt, nutzt man die weiche Ummantelung für die Produktion kurzer Fasern. Dabei dienen die Pressrückstände bei der Speiseölgewinnung als energiereiches Viehfutter, während man die harte Schale zu Holzkohle weiterverarbeitet.

Darüber hinaus benutzen die indischen Bauern die Palmblätter für ihre Hausdächer und schließlich wandern die Stämme in die Bau- und Möbelholzindustrie. Zu guter Letzt gehört das Fruchtwasser junger Kokosnüsse zu den populärsten und gesündesten Getränken überhaupt. Diese Erfrischung wird an vielen Straßen Keralas von kleinen Händlern angeboten, die die Nuss mit einer Machete kunstvoll öffnen.

Kokosfaser wird reichlich produziert. Am Ufer zu einem größeren Gewässer türmen sich just aus dem Wasser herausgeholte, fertig geröstete Kokoshüllen. Die Frauen hocken auf dem Boden und trennen die aufgeweichte, glatte Oberhaut von der darunter liegenden Faser. Mit Eisenstangen schlagen sie solange auf die aufgeweichte Faser, bis sie die Haut abziehen können. Die enthäutete Faser wird dann durch die Hechel genudelt, die die Faser von Schmutz und Reststoffen trennt.

Weberei

Kerala ist traditionell das Zentrum der Kokosfaser-Produktion in Indien. Im ganzen Bundesstaat zählt man rund 5.000 Spinnereien und Webereien, in denen die goldene Faser zu Garn versponnen und verwoben wird. Mehr als 330.000 Tonnen Kokosfasern verarbeitet man in den Manufakturen zu den verschiedensten Teppichen und Matten. Schenkt man den aktuellen Zahlen des behäbig agierenden Coir Boards in Cochin Glauben, dann sollen von April 1999 bis Februar 2000 exakt 46.219 Tonnen davon ausgeführt worden sein.

Einer der Abnehmer ist DEKOWE im westfälischen Dorsten, das schon länger Kokosteppiche herstellt, als die allermeisten Kokospalmen alt sind. Das Geschäft mit Kokos geht allerdings schweren Zeiten entgegen. Habe sich doch ein starker Wandel in der Auslegware vollzogen, so Michael Rohmann vom Vertrieb: „Sisal hat dem Kokos inzwischen eindeutig den Rang abgelaufen.“

Die Nachfrage nach dieser tropischen Naturfaser ist in den letzten Jahren dramatisch gesunken – sowohl in den USA als auch in Europa -, weshalb die Lager randvoll mit Kokos-Fertigprodukten gefüllt sind. „Wenig Order“, berichtet auch T.R.P. Chandran, der bei der staatlichen Fomil in Alleppey die kaufmännische Abteilung leitet.

„Das Design ist von stetig wachsender Bedeutung“, weiß R.E. Mendez, Geschäftsführer der Firma Kerala Balers und verweist auf neun Farben, mit denen man das Garn inzwischen färbt. „Wir haben die Erfahrung gemacht, daß gerade Kunden mit schmalem Budget zum Kokosteppich greifen“, sagt Patrick Palm von der Naturo-Filiale in Hamburg. „Die wollen dann aber auch nicht mehr als 18 Euro pro Quadratmeter ausgeben.“

In höheren Preissegmenten sind eher Jute und Sisal gefragt. Dieses Kaufverhalten ist auch im Öko-Bereich zu beobachten. „Sisal wird bei uns weit mehr gekauft als Kokos“, berichtet Michael Fischer über die Wünsche seiner Kunden, die in seinem Einzelfachgeschäft „Baubüro“ ausschließlich zertifizierte Öko-Naturfaserprodukte angeboten bekommen. Die Preise liegen zwischen 23 und 46 Euro für Teppiche, dessen Rohstoff aus Kerala stammt. „Von den modischen Naturfasergemischen, ob nun Kokos mit Jute, mit Sisal, mit Seegras, mit Wolle und so weiter, halte ich nicht viel“, ist Fischer über die wachsende Lust nach dem Fasermix nicht gerade begeistert. „Entweder ich will einen Kokosteppich oder eben nicht“, meint der Einzelhändler.

„Die Deutschen sprechen soviel über nachhaltiges Wirtschaften, über Ökologie und nachwachsende Rohstoffe“, moniert Santos Prasad von der Karan Group, „andererseits fragen sie immer weniger Kokosware nach und greifen zu Synthetics. Wie passt das zusammen?“ Trotzdem ist Prasad zuversichtlich, spricht hinsichtlich der USA sogar von einem „stark wachsenden Markt“.

Den erhofft sich Kokos-Tausendsassa Henner Schürholz zukünftig auch wieder für Deutschland; Voraussetzung sei allerdings die konsequente Besinnung der Inder auf einstige goldene Qualitäten, die aber nur durch ausreichende Röstezeiten zu erzielen sind. Obwohl nun der Absatz in den letzten Jahren zusammenbrach, spricht Fabian Schwender, Werbeleiter von Teppich-Kibek, derweil schon wieder von einem „Trendartikel“.

(Anm. d. Redaktion: Den vollständigen Artikel zum Thema Kokosfasern „Universell und golden“ von Dierk Jensen findet man im Magazin energie pflanzen Ausgabe 4/2002).

Source: Magazin energie pflanzen: „ Universell und golden“; Ausgabe 4/2002.

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email