21 April 2009

Keine Kurzumtriebsplantagen in den Wald!

Bündnis ProWald NRW fordert Wiederbewaldung und naturnahe Kurzumtriebs-Konzepte

Vor der Umwandlung bestehender Waldfflächen in Kurzumtriebs-Plantagen (KUP) warnt das Bündnis ProWald NRW in einem Positionspapier, das wir hier wiedergeben. ProWald NRW ist eine gemeinsame initiative mit Akteuren aus Forstwirtschaft, Holzhandel, Forstwissenschaft, Gewerkschaft und Umweltschutz.

Grundsätzlich begrüßen wir die Nutzung erneuerbarer Energien als Teil einer integrativen Klimapolitik. Der CO2-neutrale, nachwachsende Rohstoff Holz kann einen wichtigen Beitrag hierzu leisten. Allerdings führt die steigende Nachfrage sowohl für die stoffliche als auch für die energetische Nutzung zu einer zunehmenden Konkurrenz um Dendromasse (Oberbegriff für holzartige Biomasse, die sowohl stofflich als auch energetisch genutzt werden und auf Grund von Qualitätseigenschaften keiner höherwertigen Verwendung (Möbel, Hausbau etc.) zugeführt werden kann).

Dabei kommt es bereits zu einer tendenziellen Verschiebung innerhalb der stofflichen und hin zu energetischen Wertschöpfungsketten. Durch Förderungen und v. a. steigende Preise für fossile Energieträger müssen energetische Holznutzer die Preise des Industrie- und zum Teil sogar des Sägeholzmarktes bezahlen. Somit ist ein wachsender Druck auf die begrenzten Waldholzpotenziale zu verzeichnen. Hierdurch besteht durchaus die Gefahr, dass die bisherigen Zielstellungen für die Waldbewirtschaftung und -entwicklung sowie Sicherstellung von Schutzfunktionen, den Erholungswert des Waldes sowie die Gestalt des Landschaftsbildes – mithin für die Multifunktionalität des Waldes – zugunsten einer maximierten Dendromasseproduktion zurückgestellt werden.

Insbesondere bei der Wiederbewaldung von Kahlflächen in Folge des Orkans “Kyrill” sehen wir aktuell die Gefahr einer solchen Entwicklung. Die durch den Sturm entstandenen Freiflächen verleiten z.T. Waldbesitzer dazu, ackerbauartige Kurzumtriebsplantagen anzulegen, um das Angebot für die wachsende Nachfrage nach z. B. Hackschnitzeln zu steigern.

Beurteilung von Kurzumtriebsplantagen im Wald
Wir lehnen eine Begründung von Kurzumtriebsplantagen unter ackerähnlichen Bedingungen im Wald ab, da diese Bewirtschaftungsform mit den Zielstellungen einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung nicht vereinbar ist. Dies gilt gleichermaßen für alle Waldbesitzarten, im besonderen aber für den Staats- und Kommunalwald mit seiner Gemeinwohlorientierung und Vorbildfunktion

Rechtliche Aspekte
Nach heute geltendem Recht sind Kurzumtriebsplantagen grundsätzlich Wald (da mit Forstpflanzen bestockte Flächen), allerdings gelten für KUP auf landwirtschaftlichen Flächen Ausnahmen.

Bei der Novellierung des Bundeswaldgesetzes ist beabsichtigt, Kurzumtriebsplantagen vom Waldbegriff auszunehmen. Dadurch wird sichergestellt, dass ihre Anlage im Wald eine genehmigungspflichtige Umwandlung ist. Noch vor der Novellierung angelegte Kurzumtriebsplantagen sollen Bestandsschutz genießen und auch nach einer Novellierung des Bundeswaldgesetzes weiterhin rechtlich Wald bleiben.

Es werden jedoch Öffnungsklauseln angedacht, um Kurzumtrieb im Wald auch nach der Gesetzesnovelle des Bundes durch Landesgesetz wieder dem Waldbegriff zuordnen zu können. Aus unserer Sicht entsprechen aber reine, dauerhafte, großflächige Kurzumtriebsnutzungssysteme auf Holzbodenflächen nicht dem Wiederaufforstungsgebot des Landesforstgesetzes, da sich auf solchen Flächen kein Waldökosystem entwickeln und bestehen kann.

Zudem können Kurzumtriebsflächen insbesondere auf ökologisch sensiblen Feucht-/Nass- und Trockenstandorten eine erhebliche Verschlechterung für den Erhaltungszustand von Populationen besonders oder streng geschützter Arten darstellen, was nationalem und europäischem Recht widerspricht.

Wir lehnen also eine Regelung im Bundeswaldgesetz ab, mit der es ermöglicht wird, dass KUP im Wald durch Landesrecht dem Waldbegriff zugeordnet, also genehmigungsfrei bleiben. Ebenso lehnen wir Umwandlungsgenehmigungen für diese Bewirtschaftungsform ab.

Naturschutzfachliche, landschaftsästhetische und ökologische Gründe gegen die Biomasseproduktion durch KUP im Wald
Eines der wesentlichen Ziele der Initiative Bündnis PROWALD NRW sind bodenständige Waldgesellschaften, die ihre Nutz- und Schutzfunktionen erfüllen und durch ihre Eigenart und Schönheit auch in hohem Maße der Erholung dienen, die in dem so dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen eine noch bedeutsamere Rolle als in anderen Bundesländern spielt.

Da beim Kurzumtrieb nur schnellwüchsige Baumarten – insbesondere verschiedene Pappeln und Weiden – in Frage kommen, die besonders auf gut wasserversorgten Standorten hohe Ertragsleistungen bringen, ist zu befürchten, dass gerade sensible und ökologisch wertvolle Feuchtstandorte für den Anbau beansprucht werden. Dies würde zwangsläufig heute schon seltene Arten und Lebensgemeinschaften zusätzlich schädigen und zu weiteren Biodiversitätsverlusten führen. Für die meisten Arten aller an Wald gebundenen Lebensraumtypen bedeuten Kurzumtriebsplantagen den Verlust von Lebensraum und damit Einbußen an den Populationsgrößen, weil durch diese Bewirtschaftungsform die meisten Entwicklungsstadien eines Waldes dauerhaft verhindert werden.

Eine weitere Gefahr sehen wir darin, dass sich bei kurzen Umtriebszeiten Zuwachsminderungen z.B. durch Insektenkalamitäten stärker in einem finanziellen Verlust niederschlagen. Dadurch besteht im nicht zertifizierten Waldbesitz die Gefahr eines überdimensionierten Pestizideinsatzes.

Verschiedene Forschungsvorhaben haben gezeigt, dass KUP-Anbausysteme höhere Nährstoffausträge verursachen als eine konventionelle Waldbewirtschaftung. Aus standortökologischer Sicht stellt eine solche Bewirtschaftungsform somit insbesondere auf basenarmen Standorten, wie man sie vielfach im Sauerland – dem Hauptschadgebiet des Orkans “Kyrill” – findet, eine Verschlechterung gegenüber einer normalen Waldbewirtschaftung dar. Sie sollte somit zur nachhaltigen Sicherung der Wuchskraft der Standorte unterbleiben.

Weiterhin erfordern die üblichen KUP-Anbausysteme eine Maschinenbefahrbarkeit der Anbauflächen, was auf Waldstandorten mindestens eine vollflächige Schlagabraumbeseitigung und z. T. sogar Stubbenrodung erforderlich macht. Solche Eingriffe stellen nicht nur einen sehr hohen Nährstoffexport, sondern auch eine massive Störung des Bodengefüges und des Bodenlebens dar. Insbesondere eine Stubbenrodung steht komplett im Widerspruch zur guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft, ist nicht mit den Regelungen des Bundesbodenschutzgesetzes zu vereinbaren und daher im Rahmen einer Waldbewirtschaftung unserer Auffassung nach nicht zulässig.

KUP-Flächen ergeben auch ein grundlegend verändertes Wald- und Landschaftsbild gegenüber normalen Forstkulturen. Es ist zu befürchten, dass sich eine solche landwirtschaftlich geprägte Form der Waldbewirtschaftung negativ auf das Walderleben und somit auf den Erholungswert des Waldes auswirkt.

Zur Wahrung einer auch umfassenden naturschutzfachlichen Ansprüchen genügenden Biodiversität unserer Wälder sind Kurzumtriebsplantagen im Wald auszuschließen, da sie Waldlebensräume und Waldböden zerstören. Auch erfüllen KUP
dauerhaft nicht die Ansprüche an das landschaftsästhetische Erscheinungsbild und die Erholungsfunktion, wie Sie für eine multifunktionale Waldbewirtschaftung erforderlich sind und sind auch daher abzulehnen. Sie sind weder ökologisch noch sozial nachhaltig.

Ökobilanzen von Holz
Die Ökobilanz ist ein Werkzeug zur Abschätzung der Wirkung eines Produkts auf die Umwelt. Berücksichtigt werden jeweils die Rohstoffgewinnung, die Herstellungs-, Transport-, Nutzungs- und Verwertungsprozesse, sowie die Entsorgung eines Produkts. Hierbei werden umweltrelevante Daten bezüglich der Emissionen aus Luft, Boden und Wasser erhoben und in Ökobilanzkennzahlen festgehalten. Die energetische Nutzung von Dendromasse insbesondere bei der Wärmeerzeugung oder Kraft-Wärme-Kopplung weist, nicht nur im Vergleich zu fossilen Brennstoffen sondern auch zu allen anderen Bioenergien, eine weitaus bessere Ökobilanz auf. Trotz dieses wesentlichen Vorteils der energetischen Holznutzung darf bei Diskussionen um die Verwendung des Rohstoffes nicht vergessen werden, dass Holz auch in zahlreichen anderen Veredelungsformen (Hausbau, Möbelproduktion etc.) zu finden ist und dort eine weitaus bessere Ökobilanz aufweist als alle Alternativmaterialien (Beton, Stahl, Ziegel etc.) und zudem in den Holzprodukten CO2 über die Produktlebensdauer festgelegt wird. Somit ist die ökologische Vorteilhaftigkeit nicht nur bei der energetischen sondern grundsätzlich auch bei der stofflichen Holzverwendung herauszustellen.

Diese ökologische Vorteilhaftigkeit des Rohstoffes Holz kann jedoch keine Rechtfertigung dafür sein, die Waldbewirtschaftung überwiegend auf die Rohstofferzeugung auszurichten, wie es bei KUP im Wald der Fall ist.

Veränderung der Wertschöpfungskette
Bei steigenden Energiepreisen wird die energetische Holznutzung finanziell zunehmend interessanter, wodurch die Nachfrage nach Dendromasse steigt. Der Wert des Rohstoffes Holz orientiert sich an den Preisen für Gas und Öl. Zeitgleich steigen aber auch die Produktionsmengen der Holzwerkstoffindustrie (Span-, MDF- und OSB-Platten) stetig an und entsprechend auch ihr Rohstoffbedarf. Hier ergibt sich der Preis für den Rohstoff aus den möglichen Preisen für die Produkte am Weltmarkt. Wenn diese nicht in dem Maß ansteigen, wie die Energiekosten, entsteht zunehmend eine Rohstoffkonkurrenz, da energetische Holznutzer dann auch die Preise für früher stofflich verwendete Holzsortimente zahlen können. Um weiterhin beiden Ansprüchen gerecht zu werden, sehen wir daher die Notwendigkeit, Holz wo möglich zunächst mehrfach stofflich (z. B. Bauholz , OSB-Platte , Spanplatte) und abschließend möglichst effizient, d. h. in Form von Kraft-Wärme-Kopplung und nicht in Form einer alleinigen Stromproduktion energetisch zu nutzen (“Kaskadennutzung”). Da Holz aus Nutzungskaskaden wegen der Belastung mit Sekundärstoffen aus den Produktionsprozessen jedoch nur in Anlagen mit extrem aufwendiger Filtertechnik und somit nur im Großanlagenmaßstab verwertbar und für kleinere Abnehmer und für den Endverbrauch nicht einsetzbar ist, muss zur dezentralen Energieerzeugung auch zukünftig Dendromasse direkt einer energetischen Nutzung zugeführt werden. Dabei muss auch hier der Grundsatz einer möglichst energieeffizienten Nutzung gelten, was für automatische Anlagen zur Wärmeerzeugung oder wärmegeführten Kraft-Wärme-Kopplung spricht. Großanlagen, die Dendromasse ohne vorherige stoffliche Nutzung ausschließlich zur Stromproduktion einsetzen, sind aus den genannten Gründen abzulehnen.

Grundsätzlich ist die energetische Nutzung von Holz sinnvoll, darf aber nicht, insbesondere durch eine einseitige und unkoordinierte Förderung, zu Lasten der Rohstoffversorgung der volkswirtschaftlich bedeutsameren stofflichen Nutzung gehen. In diesen Punkten besteht seitens der Politik dringender Handlungsbedarf zur Erstellung schlüssiger Bioenergiestrategien und einer entsprechenden Anpassung bestehender Förderinstrumente.

Der Rohstoff Holz muss effizienzorientiert in den verschieden Wertschöpfungsketten eingesetzt werden und darf nicht durch administrative Eingriffe und undurchdachte Subventionen mit Schäden für Umwelt und Volkswirtschaft umverteilt werden.

Alternativen
Wir empfehlen eine Produktion von Dendromasse durch schnell wachsende Baumarten im Wald, die keinen Kurzumtrieb im Sinne dieses Papiers darstellt und die dem Ziel strukturreicher Mischwälder dienlich ist. Es gibt folgenden Möglichkeiten:

  • temporäre Beimischung durch Anbau von schnell wachsenden Baumarten auf Erschließungslinien. Durch die Vorwüchsigkeiten werden nicht nur höhere Holzerträge erzielt sondern die Bestände strukturiert. Im Zuge der ersten Durchforstung werden die Bäume entnommen
  • Nutzung schnell wachsender Baumarten als Vorwald im klassischen Sinn. Hierbei werden insbesondere Pappeln zur schnellen Wiederbewaldung und Schaffung eines Kronenschlusses genutzt. Unter diesem Schirm stellt sich entweder Naturverjüngung ein oder es erfolgt eine flächige Begründung mit den heimischen Zielbaumarten. Die Entnahme erfolgt im Zuge der ersten Durchforstungen.
  • Anbau in Form eines vom Wald-Zentrum der Universität Münster entwickelten Energievorwald-Konzeptes. Hierbei werden Pappeln in einem Pflanzverband angebaut, der durch eine zeitliche Entkopplung der Nutzungen wiederkehrend kahlschlagsfrei von Fahrgassen aus mit Forsttechnik beerntet werden kann (Umtriebszeiten durchschnittlich 10 (8-12) Jahren), angebaut. Gleichzeitig werden “Cluster” mit heimischen Baumarten der Zielbestockung eingebracht, die nicht mit den Pappeln zusammen geerntet werden und deren Anteil bei jede Flächenbeerntung erhöht wird. So entsteht in einem Zeitraum von im Mittel 50 Jahren ein horizontal und vertikal strukturierter (Misch-) Bestand, wie er sich bei konventioneller, flächiger Begründung mit den Zielbaumarten erst nach mehreren Waldgenerationen einstellen würde.

Also lehnen wir kategorisch ab:

  • Eine rechtliche Freigabe von konventionellen Kurzumtriebsplantagen im Wald
  • Eine Öffnungsklausel bei der Novellierung des Bundeswaldgesetzes, durch die Kurzumtriebsplantagen durch Landesrecht dem Waldbegriff zugeordnet werden können.
  • Waldumwandlungsgenehmigungen für Kurzumtriebsplantagen
  • Ein Aufweichen der Grundsätze einer naturnahen, multifunktionalen Waldbewirtschaftung wegen steigender Nachfrage nach Holz zu Gunsten einer rein rohstofforientierten Waldbewirtschaftung.
  • Eine Stubbenrodung im Wald.

Stattdessen empfehlen wir:

  • Die Energieholzproduktion im Rahmen der Waldbehandlung nach den Grundsätzen einer naturnahen Waldbewirtschaftung
  • Die Förderung und Anwendung von Wiederbewaldungskonzepten mit einer temporären Beimischung von schnell wachsenden Baumarten auf Erschließungslinien, als konventioneller Vorwald oder als Energievorwald nach dem Konzept des Wald-Zentrums der Universität Münster.

Definition
Kurzumtriebsplantagen im Sinne dieses Papiers sind Flächen, auf denen schnell wachsende Baumarten – insbesondere Pappeln, Weiden und Robinien – mit Pflanzenzahlen von 5.000 bis 15.000 Steck- oder Sämlingen (Robinie) je Hektar in einem maschinenbeerntbaren Pflanzverband ausgebracht und alle 2-5 Jahre (ja nach Wachstum) maschinell, z. B. mit modifizierten Maishäckslern in vollflächiger Befahrung beerntet werden.

Source: Holz.net, 2009-04-20.

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