14 November 2005

Jühnde: Ein Dorf befreit sich vom Öl

Das erste Bioenergiedorf Deutschlands liegt in Südniedersachsen

So viele fremde Gesichter wie zurzeit haben die Bewohner des 800-Seelen-Dorfes Jühnde im Landkreis Göttingen noch nicht gesehen. Die Besucher scheinen aus jedem Winkel der Welt in den kleinen Ort rund 130 Kilometer südlich von Hannover zu pilgern – aus europäischen Ländern, Japan und Korea genauso wie aus den USA. Auch der scheidende Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) reiste aus Berlin nach Südniedersachsen und gratulierte: dem ersten Bioenergiedorf Deutschlands.

Herzstück ist die Biogasanlage

Als bundesweit erster Ort produziert Jühnde seinen kompletten Bedarf an Strom und Wärme aus Bioenergie. Von den Erdölpreisen und Stromgebühren großer Konzerne sind die Bewohner dadurch nicht mehr abhängig. Stattdessen liefern die ansässigen Landwirte nachwachsende Rohstoffe wie Gras, Getreide, Hackschnitzel sowie Gülle von rund 800 Kühen und 1.400 Schweinen, die Bakterien in der zentralen Biogasanlage in Methan umwandeln.

Mehr Strom als verbraucht wird

Im Blockheizkraftwerk wird das Methangas verbrannt und über Generatoren in elektrischen Strom umgewandelt. Mit vier Millionen Kilowatt-Stunden produziert das Kraftwerk etwa doppelt so viel Elektrizität, wie das Dorf selbst verbraucht. Das senkt die Betriebskosten: Für jede eingespeiste Kilowattstunde garantiert das Erneuerbare-Energien-Gesetz auf 20 Jahre 17 Cent, was für Jühnde knapp 700.000 Euro an Einnahmen pro Jahr bedeutet.

Heizkosten so niedrig wie früher

Die Abwärme, die bei der Stromgewinnung entsteht, versorgt die beteiligten Haushalte des Orts mit Warmwasser und Heizwärme. Das geschieht über ein elf Kilometer langes Nahwärmenetz, das gerade gebaut wird. Für die kalte Jahreszeit gibt es zusätzlich ein Hackschnitzel-Heizwerk. 140 der 200 Haushalte im Dorf haben sich bis jetzt anschließen lassen und dafür 1.500 Euro an die eigens gegründete Betreibergenossenschaft gezahlt.

Weitere 1.000 Euro kosten die Installationsarbeiten am Haus. Dafür müssen die Bewohner für das Heizen ihrer Wohnungen heute nicht tiefer in die Tasche greifen als im Jahr 2002. Damals betrug der Heizölpreis etwa 35 Cent pro Liter. Heute ist er doppelt so hoch.

Perspektive für die Bauern

Von dem Projekt scheinen alle zu profitieren – auch die Umwelt: Die Kohlendioxid-Emissionen pro angeschlossenem Bewohner sinken durch die Umstellung auf Bioenergie um 60 Prozent. Dazu kommt, dass das Geld für die Energie weder ins Ausland fließt, noch an Energiekonzerne geht, sondern in der Region bleibt und damit auch den Landwirten langfristige Planungssicherheit bietet.

Derzeit bauen diese auf 15 Prozent der Ackerfläche des Dorfs Energiepflanzen an. Möglich wäre noch viel mehr: “Jühnde könnte theoretisch sechs bis sieben Dörfer mit Energie versorgen”, rechnet Marianne Karpenstein-Machan von der Universität Göttingen vor. Nach Schätzungen der beteiligten Wissenschaftler könnte etwa ein Viertel des Energieverbrauchs in Deutschland durch nachwachsende Rohstoffe gedeckt werden.

Mit gutem Beispiel voran

Mit Jühnde sei ein neues Kapitel bei der Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zur Energieversorgung aufgeschlagen worden, schwärmte Trittin bei seinem Besuch. Angesichts immer weiter steigender Öl-, Gas- und Strompreise scheint seine Zuversicht berechtigt, dass der kleine Ort im südlichen Niedersachsen auf Dauer nicht das einzige Bioenergiedorf Deutschlands bleiben wird.

Rund fünf Millionen Euro

Die Kosten für das Pilotprojekt in Jühnde belaufen sich auf rund 5,2 Millionen Euro, wovon 1,3 Millionen das Landwirtschaftsministerium in Berlin übernommen hat. Am Projekt beteiligt sind Wissenschaftler der Universitäten Göttingen und Kassel.

(Vgl. Meldung vom 2005-04-01.)

Source: Bayerischer Rundfunk vom 2005-11-12.

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