30 September 2011

“Jahrhundert der Biologie”: Doppelkongress in Berlin

Biopolymer zur Erdölförderung, Rennwagen mit biochemischem Antrieb, das beste Biotech-Bier aus der Ostsee und mehr

Die “Biologisierung der Wirtschaft”, das hören Vertreter der Biotechnologie immer wieder gerne. Dass das Schlagwort immer mehr zur Wirklichkeit wird, zeigte ein Doppelkongress in Berlin. Die Dechema, die Deutsche Gesellschaft für Chemie und Biotechnologie, machte ihrem Namen alle Ehre und brachte beide Disziplinen mit dem 8. European Congress of Chemical Engineering und 1. European Congress of Applied Biotechnology zusammen. Von der Essigsäure-Produktion über das Biotech-Bier bis zum Biopolymer bei der Ölförderung, die Biotechnologie erobert immer mehr Bereiche, wie die Simultankonferenzen zeigten. Alois Jungbauer, der Vorsitzende des Biotech-Kongresses, hat hier sogar eine Zeitenwende miterlebt: “Der Kongress hat gezeigt, dass wir in das Jahrhundert der Biologie eingetreten sind und dass Biotechnologie und Chemie verschmolzen sind.”

Vom 26. bis zum 29. September war Berlins größtes Kongresszentrum ganz in der Hand der Chemiker und Biotechnologen. Gemeinsam trafen sie sich zu einer Premiere. Zum ersten Mal wurden die europäischen Kongresse der chemischen Ingenieurstechnik sowie der angewandten Biotechnologie gemeinsam abgehalten. Das Internationale Congress Centrum Berlin war mit 3.000 Fachbesuchern, Experten, Industrievertretern und Forschern angefüllt. Die Veranstaltungen zur Bioökonomie und Biotechnologie erkannte man daran, dass es keinen Sitzplatz mehr gab. “Die Bioökonomie-Sessions waren brechend voll”, sagte Andreas Scriba von der Vereinigung Deutscher Biotechnologie-Unternehmen.

“Es kam vor, dass der Sicherheitsdienst wieder einige Leute aus den Räumen bitten musste, weil sonst die Fluchtwege verstopft gewesen wären.” Andreas Förster, Geschäftsleiter von ProcessNet, bezeugte: “Biotechnologen und Verfahrenstechniker haben zusammengefunden und gemeinsam diskutiert, bis die Räume geplatzt sind.” Schon im Vorfeld zeichnete sich die rege Beteiligung ab. Darauf wies in der Eröffnungsrede Jerzy Buzek hin, Präsident des Europäischen Parlaments und selbst gelernter Chemiker. “Die mehr als 2.000 eingereichten Kurzbeiträge von 65 Ländern zeigen, wie stark die internationale Wissenschaftsgemeinschaft auf diese Art von vereintem Kongress reagiert hat.”

Beide Disziplinen, die Chemie und die Biotechnologie, seien wichtige Innovationstreiber der Wirtschaft, sagte Staatssekretär Helge Braun, der für das Bundesministerium für Bildung und Forschung gekommen war. “Um nachhaltige Lösungen für zukünftige Herausforderungen zu finden, müssen Synergien noch viel besser genutzt werden.”

Biopolymer zur Erdölförderung
Wenn auch oft unbemerkt, werden diese Vorteile in der Industrie immer öfter genutzt. Dafür gab es während der vier Tage dauernden Konferenz vielfältige Beispiele. Derzeit erforschen BASF und ihre Tochter Wintershall etwa den Einsatz industrieller Biotechnologie zur Ölförderung, sagte Friedrich Seitz, der Präsident des Kompetenzcenters für chemische Forschung und Ingenieurstechnik beim Chemiekonzern BASF. Bei diesem Projekt erzeuge der Pilz Schizophyllum commune ein Biopolymer. “Hierbei handelt es sich um ein Verdickungsmittel”, so Seitz. “Die gelatineartige Substanz dickt das Wasser an, das zur Verbesserung der Förderung in die Lagerstätte gepresst wird.” Das verdickte Wasser könne dann mehr Öl aus der Lagerstätte verdrängen. “Außerdem ist das Biopolymer vollständig biologisch abbaubar.”

Die Biotechnologie biete aber nicht nur Potenzial für die Herstellung von Spezialprodukten, erklärte Günter Wich, Leiter Biotechnologie bei der Wacker Chemie AG. Zunehmend zeige sich, dass Biotechnologie die klassische ölbasierte Chemie auch im Bereich der großvolumigen Grundchemikalien ergänzen und teilweise ersetzen könne. In der Forschungsabteilung von Wacker laufen derzeit mehrere entsprechende Projekte. Wacker setzt hierbei auf Bioraffinerien der zweiten Generation, also den Einsatz von der bisher nur schwer “erdaubaren” Lignocellulose aus Pflanzenabfallmaterialien. Seit 2009 ist bei Wacker eine Pilotanlage zur Herstellung von Essigsäure durch biotechnologische Verfahren und innovative chemische Downstream-Prozesse in Betrieb. Das Unternehmen beteiligt sich auch an der Modell-Bioraffinerie in Leuna, die Ende 2011 in Betrieb gehen soll (mehr…). “Zusammen mit dem Einsatz von Ethylen auf Bioethanol-Basis eröffnen sich Möglichkeiten zur ‚grünen’ Produktion von Polymeren unabhängig von petrochemischen Raffinerien”, so Wich.

Rennwagen mit biochemischem Antrieb
Großen Publikumszuspruch fanden zwei sportliche Wettbewerbe, in denen der Nachwuchs an Biotechnologen, Biochemikern und Chemikern zeigen konnte, was sie gelernt haben. Beim sogenannten ChemCar-Wettbewerbs, der schon zum sechsten Mal stattfand, mussten die Teams ein kleines Fahrzeug mit Hilfe einer biochemischen Reaktion über eine vorher bestimmte Strecke rollen, kriechen oder krabbeln lassen. Als Antriebe dienten zum Beispiel der Druck, der bei verschiedenen chemischen Reaktionen entsteht, eine lichterzeugende Reaktion, die eine Solarzelle antreibt, oder selbstentwickelte Brennstoffzellen. Die Herausforderung: möglichst exakt an der Ziellinie stehen bleiben, ohne dass eine Bremse benutzt werden darf. Insgesamt wurden zwölf Mannschaften für die Endrunde in Berlin zugelassen, darunter zwei aus dem Iran und eines aus Indonesien. Die glücklichen Gewinner waren alte Bekannte. Das Team “DU-Dosorber” der Technischen Universität Dortmund setzte sich wie schon im Jahr 2009 durch.

Das beste Biotech-Bier kommt aus der Ostsee
Beim zum zweiten Mal abgehaltenen Biotech-Bierbrauwettbewerb konnte “Zickfelder Meeresbrise” die Jury überzeugen. Ein Weizenbier, “professionell gebraut und wohlschmeckend”, so das Urteil. Das Geheimnis der Braumeister der Fachhochschule Flensburg: Brauwasser aus der Ostsee. Das Bierbraune ist eine der ältesten biotechnologischen Disziplinen. Schon 3000 vor Christus schienen die Ägypter eine Methode zu kennen, wie sie Hefebakterien dazu einsetzen, um Getreide zu fermentieren und damit Alkohol zu erzeugen. Meerwasser wie die Flensburger benutzten sie dazu aber wohl nicht. Was Bierfreunden einen Schauer über den Rücken jagt, war für die Studenten die eigentliche Herausforderung: Für die Wasseraufbereitung bauten sie eigens eine Anlage: Über zwölf Filterstufen wird das Wasser gereinigt und entsalzt. “Ich bin sehr stolz auf unseren Studierenden”, sagte FH-Präsident Herbert Zickfeld, nach dem das Bier benannt wurde. “Mit sehr großem Engagement haben sie sich wochenlang vorbereitet und viele Stunden im Labor verbracht.”

Die Dynamik, die auf dem Kongress beobachtet werden konnte, war Musik in den Ohren von Henrik van Liempt, der im BMBF das Referat Bioökonomie leitet. “Deutschland soll zu einem dynamischen Forschungs- und Innovationsstandort für hochwertige biobasierte Produkte, Energien, Verfahren und Dienstleistungen werden”, sagte er. Mit der im November 2010 vorgestellten “Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030″ will die Bundesregierung diese Entwicklung unterstützen (mehr…). Was vor einigen Jahren noch zum großen Teil Zukunftsmusik war, wird jetzt immer realistischer. Anfang 2012 wird die EU eine Europäische Strategie und einen Aktionsplan für eine nachhaltige biobasierte Wirtschaft in 2020 vorstellen, kündigte van Liempt an. Eine weitere Wasserstandsmeldung auf dem Weg zur Biologisierung der Wirtschaft gibt es dann im übernächsten Jahr. Gemeinsam mit dem 9. European Congress of Chemical Engineering wird 2013 der 2. European Congress of Applied Biotechnology in Den Haag stattfinden.

Source: biotechnologie.de, 2011-09-30.

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