31 Oktober 2013

INRO – Netzwerk für eine freiwillige Nachhaltigkeitszertifizierung der stofflichen Biomassenutzung durch die Industrie

Auch Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln bedürfen globaler Kontrolle, um Verdrängungseffekte zu vermeiden

Für Strom aus flüssiger Biomasse und Biokraftstoffe ist eine Nachhaltigkeitszerti- fizierung in Deutschland bereits seit 2011 gesetzlich vorgeschrieben. Doch parallel zur Energiewende ist auch die Rohstoffwende erklärtes Ziel der Politik. Die deutsche Industrie verarbeitet schon heute jährlich fast 3 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Biomasse zu Produkten, weltweit wird ein Vielfaches dieser Menge umgesetzt, Tendenz steigend.

Es drängt sich deshalb die Frage auf, wie eine Nachhaltigkeitszertifizierung im stofflichen Sektor aussehen könnte.

Die „Initiative Nachhaltige Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung“ INRO setzt hier an. 2011 wurde sie mit dem Ziel gegründet, mit Industrieunternehmen eine Vereinbarung zur freiwilligen Zertifizierung nachwachsender Rohstoffe vom Anbau bis zur Erstverarbeitung zu treffen. Eine entsprechende gesetzliche Regelung ist derzeit weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene geplant.

Heute umfasst das Netzwerk 37 Teilnehmer. Vertreten sind Unternehmen aus den Branchen Chemie, Automobil, Verpackung, Konsumgüter, Werkstoffe, Hydraulik- und Schmieröle, Lacke/Farben ebenso wie Wirtschaftsverbände und –vereine, deutsche Ministerien und nachgeordnete Behörden, Wissenschaftler, Umwelt- und Entwicklungsverbände sowie deutsche Zertifizierungssysteme.

Inzwischen steht ein Katalog an Nachhaltigkeitsmerkmalen, auf den sich alle Teilnehmer verständigen konnten. Er bezieht sich auf sämtliche industriell genutzten Agrarrohstoffe, neben Pflanzenölen auch auf Zucker, Stärke, Fette und Fasern. Holz und Tierfette wurden bislang noch nicht einbezogen. Es wurden sowohl Kriterien festgelegt für den Umweltschutz (wie z.B. Schutz von Wäldern, Feuchtgebieten, Torfmooren und Standards für eine umweltschonende landwirtschaftliche Praxis) aber auch soziale Kriterien (wie z.B. keine Kinder- und Zwangsarbeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Einhaltung von Rechten indigener Völker…) sowie auch ökonomische Kriterien (wie z.B. Maßnahmen gegen Korruption, Transparenz..)

Wichtig war allen Teilnehmern, dass Kriterien so formuliert sind, dass sie vor Ort auch überprüfbar sind.

Für die Glaubwürdigkeit der Zertifizierung ist es von zentraler Bedeutung, dass diese nicht beliebig erfolgt. Das professionelle Niveau der weltweit agierenden Zertifizierungssysteme ist allerdings sehr unterschiedlich. INRO hat deshalb „Kriterien für ein gutes Zertifizierungssystem“ entwickelt, um den Unternehmen Anhaltspunkte bei der Auswahl zu vermitteln und zugleich den Anbietern Anregungen zur Weiterentwicklung ihrer Systeme zu geben. Die Erarbeitung eines eigenen neuen Zertifizierungssystems für den stofflichen Bereich war hingegen kein Bestandteil von INRO. Denn bei der Produktion von Agrarrohstoffen wird meist nicht unterschieden, wofür diese später genutzt werden, zudem ist der Aufbau von Zertifizierungssystemen komplex und arbeitsintensiv und eine Doppel- und Mehrfachzertifizierung wäre eine Zumutung für Landwirte, Ersterfasser, Händler und andere Marktteilnehmer. Deshalb wurden bei INRO bestehende Systeme auf die stoffliche Biomassenutzung angepasst.

Die INRO-Initiative flankiert den auf deutscher und europäischer Ebene beschlossenen Aufbau einer Bioökonomie. Nicht nur Deutschland, auch die europäische Kommission hat Anfang 2012 eine Bioökonomie-Strategie und einen dazu gehörigen Aktionsplan vorgestellt. Von den Mitgliedsstaaten sind neben Deutschland die Niederlande, Norwegen und Dänemark besonders weit voran geschritten bei der nationalen Umsetzung.

Mittelfristig strebt INRO die Entwicklung einer Nachhaltigkeitszertifizierung auf europäischer und globaler Ebene an. Langfristig müssen sämtliche Verwertungspfade von Biomasse zertifiziert werden, nur so lassen sich Verdrängungseffekte vermeiden. Das heißt, dass auch die Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln global kontrolliert werden muss. Sonst könnte die Biomasseproduktion für Energie und stoffliche Nutzung auf zertifizierten Flächen erfolgen, während parallel ein nicht nachhaltiger Anbau von Rohstoffen für Lebens- und Futtermittel stattfindet.

Die Nachhaltigkeitskontrolle der gesamten weltweiten Agrar- und Forstwirtschaft ist eine Mammutaufgabe. INRO ist ein erster Schritt auf dem langen Weg dorthin.

Weitere Informationen
- Über die Autorin:
Michaele Hustedt vom Berliner Politikberatungsbüro CPC moderiert INRO, das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) stellt über seinen Projektträger, die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR), Fördermittel zur Verfügung.

- Informationen zum Projekt finden sich auf www.fnr.de im Menü Projekte & Förderung unter dem Förderkennzeichen 22018411 oder auf www.inro-biomasse.de.

- Am 9. Oktober stellten INRO-Vertreter die Initiative auf einer Tagung in Berlin der Öffentlichkeit vor. Die Beiträge sind im Internet auf http://veranstaltungen.fnr.de/inro2013/beitraege/ nachzulesen.

 

Die englische Version der Pressemeldung finden Sie hier.

Source: INRO, Pressemitteilung, 2013-10-31.

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