13 Juni 2008

IDW-Interview: “Biokraftstoffe haben die Krise nicht ausgelöst”

Einschätzungen zur Nahrungsmittelkrise von Prof. Zeller, Universität Hohenheim

Als Ursache für die aktuelle Nahrungsmittelkrise wird meist der Boom der Biokraftstoffe genannt. Sie sehen das differenzierter.

Prof. Dr. Zeller (Universität Hohenheim): Die Krise war vorhersehbar – abgesehen vom extremen Preisanstieg seit 2006 der durch zusätzliche kurzfristig wirkende Faktoren bedingt ist. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln übersteigt jedoch schon seit den letzten 8 Jahren das Angebot. Vor diesem Hintergrund erscheint die Bezeichnung “Krise” gerechtfertigt. Den Boom der Biokraftstoffe dafür allein verantwortlich zu machen hieße jedoch, das Thema sträflich zu vereinfachen.

In Ihrer jüngsten Publikation sehen Sie mehrere Gründe für die aktuelle Explosion der Nahrungsmittelpreise.

Prof. Dr. Zeller:. Die Biokraftstoffe tragen ohne Zweifel zur Preishausse bei, sind aber nur einer von vielen Faktoren. Dementsprechend müssen auch die Lösungsansätze differenziert ausfallen. Eine langfristige Ursache höherer Agrarproduktpreise ist sicher das Bevölkerungswachstum und die steigende Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten, insbesondere in Indien und China, aufgrund der dort stark ansteigenden Einkommen. Um ein Kilogramm Geflügelfleisch zu erzeugen, braucht man das Siebenfache an Getreide. Gleichzeitig ist die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in Asien kaum noch ausdehnbar. Zunehmend wird auch Wasser zum begrenzenden Faktor der Produktion. Kurzfristig addieren sich dazu die Folgen aktueller Spekulationsblasen und die durch Dürre begründeten Ernteausfälle in Australien im letzten Jahr. Da die Agrarpreise in US-Dollar international bewertet werden, ist ein nicht unerheblicher Anteil des Preisanstieges allein auf den rasanten Wertverfall des US-Dollars während der letzten drei Jahre zurückzuführen.

…und die Rolle der Biokraftstoffe?

Prof. Dr. Zeller: Woran wir uns gewöhnen müssen ist, dass die Preise für Energie und für Nahrungsmittel zunehmend voneinander abhängen. Steigende Energiepreise haben seit jeher die Lebensmittelpreise gesteigert, weil sie Produktionsmittel wie Dünger oder Treibstoff verteuern. Der rasante Anstieg des Ölpreises treibt damit auch die Kosten für die landwirtschaftliche Produktion und den Transport für Nahrungsmittel in die Höhe. Darauf satteln sich die Folgen des aktuellen Biokraftstoff-Booms – ausgelöst durch die hohen Preise für Erdöl und verstärkt durch Steuerbefreiung, Beimischungszwang und andere direkte Subventionen in der EU und den USA. Die gesamte Entwicklung zur jetzigen Nahrungsmittelkrise war also nicht völlig unabsehbar, und es gab auch genug Stimmen seit Anfang 1990, die gewarnt haben, dass zuwenig in die nachhaltige Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion weltweit investiert wird.

Sie sehen den Biokraftstoff-Boom allein politisch motiviert?

Prof. Dr. Zeller: Nein, es gibt sowohl politische als auch rein marktwirtschaftliche Bestimmungsgründe für den Boom. In der EU und den USA waren es vorwiegend politische Maßnahmen, wie Steuerbefreiung für Biokraftstoffe, Subventionen und jetzt der Beimischungszwang, der die Agrarproduktion aus dem Nahrungs-Sektor in den Energie-Sektor umleitet. Beim Biodiesel aus Raps nimmt Deutschland zusammen mit Frankreich die Führungsrolle ein. Weltweit wurden im vergangenen Jahr 5,6 Millionen Tonnen produziert. Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Menge in drei Jahren verdoppelt. Noch bedeutender als Biodiesel ist Bioethanol mit einer Jahresproduktion von derzeit 47.156 Millionen Tonnen. 70 Prozent davon produzieren allein die USA und Brasilien aus Mais und Zuckerrohr. Obwohl die USA letztes Jahr eine Rekordmaisernte einfuhren, wanderte bereits ein Drittel in die Produktion von Ethanol ab. In Europa sind Frankreich und Deutschland die treibenden Kräfte. In den kostengünstiger produzierenden Entwicklungsländern wie Brasilien, ist der Boom allein durch den hohen Ölpreis – das heißt marktwirtschaftlich – begründet. Allerdings wird der Biokraftstoffboom in Brasilien – zumindest indirekt- die Abholzung der für Klima- und Artenschutz weltweit so wichtigen Tropenwälder im Amazonas weiter vorantreiben.

Welche Motive treiben eine so geringe Anzahl von Akteuren zu einer so massiven Entwicklung?

Prof. Dr. Zeller: Die Hauptargumente sind: die Energieversorgung sicherstellen, neue Einkommensquellen für die Landwirtschaft erschließen und fossile Energieträger ersetzen, um den Klimawandel nicht weiter anzuheizen. Letzteres KANN durch Biokraftstoffe geleistet werden, muss aber genau betrachtet werden. Wenn für den Anbau erst Wälder gerodet werden, entstehen mehr Treibhausgase als durch fossile Treibstoffe aus Erdöl. Unter bestimmten Bedingungen kann auch der Soja-Anbau für Biodiesel höchst klimawirksame Treibhausgase freisetzen, so dass die Ökobilanz schlechter, als bei fossilem Diesel, ist. Die jetzige Produktion von Biodiesel aus Raps in Deutschland und Frankreich, weist vergleichsweise sehr hohe Kosten zur Vermeidung von Treibhausgasen auf, und ist aus umweltökonomischen Gesichtspunkten mehr als fragwürdig.

Sind Biokraftstoffe ein Irrweg?

Prof. Dr. Zeller: Nein, ganz und gar nicht. Bioenergie muss aber nachhaltig sein. Weizen und Mais zu verwenden ist sicherlich Unsinn. In der Forschung setzen wir auf Bioenergie der 2. Generation: Anstelle von Nahrungspflanzen finden hier Neben- und Abfallprodukte aus Land- und Forstwirtschaft Verwendung. Eine weitere Alternative sind Energiepflanzen, die auch auf schlechten Standorten gedeihen können, die für die Nahrungsmittelproduktion nicht geeignet sind, wie man sich dies etwa von Jatropha erhofft. Außerdem muss (Bio-)Energie effizienter genutzt werden. Nach Schätzungen lassen sich durch die 1. Generation der Biokraftstoffe bis 2050 nur 11 Prozent des Welt-Treibstoffbedarfs decken – ohne dass bei dieser Rechnung die ökologischen und sozialen Kosten bei der Produktion von Biokraftstoffen berücksichtigt werden. An der Universität Hohenheim weihen wir diesen Monat eine eigene Forschungsanlage ein, die effiziente Nutzung und neue Bioenergieträger erforscht.

In Ihrer aktuellen Publikation kritisieren Sie auch, dass die Politik zu einseitig auf Biokraftstoffe als Ausweg aus der Klimafalle setzt.

Prof. Dr. Zeller: Die anstehende Großkonferenz in Rom behandelt die Nahrungskrise in Verbindung mit der Energiekrise und dem Klimawandel. Dieser Ansatz ist sinnvoll, weil sich diese Themen gegenseitig beeinflussen. Entsprechend breit müssen Lösungsansätze sein. Was den Klimawandel betrifft, liegt das größte Potenzial im Energiesparen durch höhere Energie-Effizienz. Sehr sinnvoll ist es deshalb auch, Energie oder die entstehende Verschmutzung zu besteuern. Für die Abkehr vom Erdöl müssen wir alle regenerativen Energien auf ganzer Breite fördern. Bioenergie und Biokraftstoffe sind ein wichtiger Baustein – aber nur einer.

Und welche Lösungsansätze erhoffen Sie sich mit Blick auf die Nahrungskrise, Hunger- und Armutsbekämpfung?

Prof. Dr. Zeller: Als erstes müssen wir folgende Mechanismen akzeptieren: Ab jetzt sind Nahrungsmittel- und Energiepreise unvermeidbar miteinander verbunden. Und Energiepreise werden weiter steigen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN erwartet für die nächsten Jahre eine Stabilisierung der Agrarpreise auf dem derzeitig sehr hohen Niveau. Da die global begrenzte Anbaufläche zunehmend ausgereizt ist, bleibt nur, die Produktivität der Felder zu steigern. Hierfür sind jedoch massive Investitionen in Agrarforschung und die Verbreitung und Anwendung von neuen und an die jeweiligen Standortbedingungen angepassten Technologien Voraussetzung. Um Hunger und Armut wirksam zu bekämpfen, bedarf es gezielt der Investitionen in die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Entwicklungsländern. Der Großteil der Armen und Hungernden auf dieser Welt lebt in ländlichen Regionen, und ist von der Landwirtschaft als wichtigste Einkommensquelle abhängig.

Eine auswegslose Situation?

Prof. Dr. Zeller: Nein, die Situation ist keineswegs aussichtslos. Wir müssen nur erkennen, dass die Nachfrage nach Agrarprodukten weiter weltweit steigen wird, und entsprechend handeln. Selbst der aktuelle Bericht der Weltbank beklagt, dass die nationalen und internationalen Förderorganisationen die weltweite Agrar- und Ernährungsforschung und die Investitionen zur Förderung der landwirtschaftlichen Entwicklung eklatant vernachlässigt haben. Das gilt vor allem mit Bezug auf die Entwicklungsländer, und hier insbesondere für Afrika. Was jetzt gebraucht wird, ist ein neuer, längst überfälliger Schub für Innovation und Forschung im Agrarbereich, und massive Investitionen in eine nachhaltige landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung, die damit insbesondere den Kleinbauern und der armen ländlichen Bevölkerung zugute kommen.

Zur Person
“Biofuel boom or doom?: Opportunities and constraints for biofuels in developing countries”, so titelt die jüngste Publikation von Prof. Dr. Manfred Zeller und Mitarbeiter Dipl. Ing. agr. Martin Grass (erscheint in der Zeitschrift Quarterly Journal of International Agriculture). Wissenschaftliche Schwerpunkte des Lehrstuhlinhabers für Entwicklungstheorie – und politik für den ländlichen Raum an der Universität Hohenheim sind Studien in derzeit mehr als zehn Entwicklungsländern in Afrika, Asien und Lateinamerika in den Themenbereichen Ernährungssicherung, Boden- und landwirtschaftliche Kreditmärkte, und Wachstums-, Verteilungs- und Umweltwirkungen landwirtschaftlicher Technologien.

Kontakt
Universität Hohenheim

Prof. Dr. Manfred Zeller
Tel.: 0711-459-221 75
E-Mail: manfred.zeller@uni-hohenheim.de

Dipl.-Ing. sc.agr. Martin Grass
Tel.: 0711-459-234 75
E-Mail: mgrass@uni-hohenheim.de

(Vgl. Meldungen vom 2008-06-02, 2008-05-08 und 2008-04-16.)

Source: Informationsdienst Wissenschaft (IDW), 2008-06-02.

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