14 März 2011

Holzwerkstoffindustrie leidet unter explodierenden Rohstoffpreisen

Energetische Nutzung verknappt Rohholz - EUwood Studie prognostiziert Fehlmenge von 316 Mio. m³ Holz

Sowohl die Preise für den Rohstoff Holz als auch die Preise für Chemierohstoffe zur Leimherstellung sind in Deutschland und den internationalen Beschaffungsmärkten in den letzten Wochen und Monaten drastisch gestiegen. Für die Hersteller von Holzwerkstoffen haben damit die Produktionskosten unverhältnismäßig stark zugenommen. Ein Ende dieser Entwicklungen ist nicht in Sicht.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hatte Anfang Februar unter 28.000 Unternehmen aller Branchen eine Befragung durchgeführt. Darin sahen Dreiviertel der Unternehmen “die enormen Teuerungsraten bei Energie und Rohstoffen als größtes Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten”. Bereits im letzten Jahr dürfte die Rohstoffrechnung um mehr als 40 Prozent höher als 2009 ausfallen, das entspricht mehr als 40 Mrd. Euro.

Diesem allgemeinen Trend können sich die Hersteller von Holzwerkstoffen nicht entziehen. Erschwerend kommt für die Branche hinzu, dass sie neben steigenden Energiekosten auch noch gegen steigende Rohstoffkosten kämpft. Zum einen wird der heimische Rohstoff Holz besonders durch den vermehrten energetischen Bedarf knapp und daher teuer. Zum anderen sind die weltweit produzierten Vorprodukte zur Leimherstellung wie Harnstoff, Methanol oder Benzol, seit letztem Jahr kostenmäßig explodiert.

Preise für Nadelholz seit Juli 2009 um zwei Drittel höher
Mit 4,2 Mrd. Euro Jahresumsatz und 13.000 Beschäftigten ist Deutschland der bedeutendste Holzwerkstoffproduzent Europas. 2010 wurden rund 12 Mio. m³ Platten für die Möbelindustrie, den DIY- und den Baubereich gefertigt; das entspricht einem Bedarf von 15,1 Mio. m³ Holz. Das Rohholz besteht vornehmlich aus Industrieholz aus dem Wald (Baumkronen), daneben aus Industrierestholz (Sägespäne und Hackschnitzel aus dem Sägewerk) und aus Altholz (recycelte Möbel, Paletten).

Naturgemäß konkurrieren zumindest in einigen Segmenten alle Holz verarbeitenden Industrien, neben der Holzwerkstoffindustrie die Papier- und Zellstoff- sowie die Sägeindustrie, miteinander.

In allen Holzsegmenten sind seit Mitte letzten Jahres die Preise in die Höhe geschnellt. Laut einer Information des Statistischen Bundesates ist in deutschen Staatsforsten der Industrieholzpreisindex für “Kiefer kurz” und “Fichte kurz” von Juli 2009 bis November 2010 von gut 110 (Fichte) und ca. 145 (Kiefer) auf über 170 bzw. fast 210 gestiegen. Da Spanplatten, OSB und Faserplatten zu einem hohen Anteil aus diesen Nadelhölzern hergestellt werden, belastet ein Preisanstieg von Fichte um 65 Prozent und Kiefer um 69 Prozent innerhalb von knapp eineinhalb Jahren die Hersteller von Holzwerkstoffen einschneidend.

Die Verknappung von Rohholz, denn nichts anderes bildet der Industriepreisindex ab, beruht jedoch in erster Linie auf der extrem angestiegenen energetischen Nutzung des Rohstoffs. Hintergrund ist der im April 2009 in Kraft getretene nationale Biomasseaktionsplan, der die Vorgaben der Europäischen Union (EU) zum Klimaschutz umsetzen soll. Der Anteil nachwachsender Rohstoffe an der Ener-giegewinnung bis 2020 und darüber hinaus soll deutlich ausgeweitet werden, um langfristig die CO2-Emissionen um rund 20 Prozent zu senken. Die großen Biomassekraftwerke benötigten schon 2009 ca. 7,5 Mio. tatro (absolute Trockenmasse) Holz und ständig werden neue Anlagen errichtet.

Für den Klimaschutz einzutreten, ist auch erklärtes Ziel der Unternehmen der Holzwerkstoffindustrie. Holz speichert das schädliche Klimagas CO2 und sollte daher möglichst lange im Kreislauf gehalten werden, bevor es verbrannt wird.

Die Schere von Holzaufkommen und Holzverwendung geht immer weiter auf. Der Zuwachs von Holz im Wald wird fast völlig genutzt (Quelle: Inventurstudie 2008, BMELV, Johann Heinrich von Thünen Institut). Einzelne Baumarten stehen bereits vor der “Übernutzung”. Insbesondere bei der Fichte wurde rund ein Drittel mehr genutzt als nachwächst (Quelle: IS 2008) – was zwangsläufig zu dem o.g. Preisanstieg geführt hat.

Die Hersteller von Holzwerkstoffen kritisieren in diesem Zusammenhang vor allem dieses: Über die Hälfte, 53 Prozent des naturbelassenen Holzes – also hochwertiges Holz, das die Holz verarbeitenden Industrien sinnvoll weiterverarbeiten könnten – wandert sofort als Brennmaterial in die Biomasse(heiz)kraftwerke. Dieses Holz steht dann nicht mehr für die stoffliche Nutzung zur Verfügung und gefährde damit Tausende von Arbeitsplätzen, nicht zuletzt in der Möbelindustrie.

In der gesamten Holzindustrie sind 500.000 Personen beschäftigt. Dem stehen 47.600 Beschäftigte in der thermischen Verwertung von Holz gegenüber. Die Holzwerkstoffhersteller appellieren, Holz verantwortungsvoll – nämlich zunächst mehrfach – stofflich zu nutzen und die staatlichen Subventionen für die energetische Holzverwertung zu stoppen.

Preise für Chemierohstoffe 2010 um ein Drittel höher
Der Preisindex für Leim als fertiges Produkt kletterte im Zeitraum von Januar 2010 bis Januar 2011 von 100 auf 133. Auch wenn der Bindemittelanteil einer Spanplatte oder Faserplatte absolut betrachtet nur einen kleinen Anteil beträgt, machen die chemisch herzustellenden einzelnen Leimbestandteile einen erheblichen Kostenfaktor aus.

Einige Vergleichszahlen im Detail: Um der Spanplatte eine ausreichende Festigkeit zu geben, enthält der Leim zur Hälfte Harnstoff. Kostete Harnstoff im 2. Quartal 2010 noch 180 EUR/ton, waren es im 1. Quartal diesen Jahres schon über 270 EUR/ton (Quelle: ICIS Report). Methanol, ein weiteres Vorprodukt zur Leimherstellung, ist von Januar 2009 auf Januar 2011 mit nunmehr gut 250 EUR/ton auf über das 2,5 fache gestiegen (Quelle: ICIS Report). Melamin, das für die gute Wasserbeständigkeit in bestimmten Platten sorgt, war im Januar 2011 um ein Drittel teurer als zwölf Monate zuvor.

Diese Übersicht ließe sich um einige weitere Chemierohstoffe mit ähnlichen Preisentwicklungen fortsetzen. Schwer zu toppen wäre sicher nur der jüngst erreichte Preis für Benzol, das zur Herstellung von OSB verwendet wird: Hier gab es innerhalb der letzten zwei Jahre eine Preissteigerung um das Fünffache. Der ein oder andere Benzol-Produzent hat darüber hinaus bei seinen Kunden schon weitere Preissteigerungen um mehr als 25 Prozent angekündigt.

Die Ursachen für diese Teuerungsraten liegen in dem deutlichen Anziehen der Ausgangsprodukte Erdöl und Erdgas, nachdem sich die Weltwirtschaft wieder erholt hat. Durch die aktuellen Unruhen in Libyen wird der Ölpreis weiter angefacht. Weltweit ist zudem ein immer größer werdender Bedarf an Rohstoffen zu verzeichnen. Hinzu kommt der ungebrochene Boom nach alternativen Kraftstoffen.

Auch hier wird beispielsweise in der AdBlue-Technologie Harnstoff zur Abgasreinigung dem Treibstoff beigemischt, um den Ausstoß von Stickoxiden zu verringern. In Ländern wie China und Indien dient der Harnstoff in Düngemittel dazu, die Produktivität auf landwirtschaftlichen Flächen zu erhöhen. So lässt sich tatsächlich eine Steigerung des Harnstoffpreises in Abhängigkeit zur Düngesaison in Asien erkennen.

Da Leim sich nicht auf Vorrat produzieren lässt, ist die deutsche Holzwerkstoffindustrie auf kontinuierliche Lieferungen angewiesen. Dies auch dann, wenn diese buchstäblich unterwegs, nachdem die Transportschiffe schon die chinesischen Häfen verlassen haben, mit Ausfuhrsteuern bis zu 67 Prozent belegt werden. Bei Melamin war das jüngst der Fall.

Fazit
Die Teuerungsraten für die Chemierohstoffe zur Leimherstellung sind schmerzlich. Die Verknappung des Rohholzes in Deutschland ist Besorgnis erregend. Die Holzwerkstoffindustrie steht unter einem bisher nicht dagewesenen Kostendruck. Zudem haben Studien für die Zukunft eine heute kaum vorstellbare Versorgungslücke an Holz ermittelt (EUwood Studie, Prof. Udo Mantau, Universität Hamburg: Fehlmenge 2030 in der EU von 316 Mio. m³ Holz). Die gegenwärtige Entwicklung dürfte sich damit nur verschärfen.

Source: Holz.net, 2011-03-14.

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