14 April 2005

Hessen: Warum nicht Getreide statt Heizöl?

Vorsitzender des Kreisbauernverbandes setzt auf Getreideverbrennung - Korn lässt sich schlecht vermarkten - ethische Bedenken

So wie der Ölpreis steigt, so anhaltend ist die Preistalfahrt von Getreide festzustellen. Nicht verwunderlich, dass die Landwirte ihr schlecht bezahltes Korn als Heizmittel verkaufen möchten. “So könnten sich neue Perspektiven für die Landwirtschaft und den gesamten ländlichen Raum bieten”, prognostiziert Herbert Enders, Vorsitzender im Kreisbauernverband Rheingau-Taunus und amtierender Kreislandwirt.

Mit zweieinhalb Kilo Getreide lässt sich ein Liter Heizöl ersetzen, so Enders traurige Kenntnis. So würde bei einem angenommenen Ölpreis von 0,35 Euro je Liter ein Getreidebauer pro Doppelzentner einen Umsatz von 14 Euro erzielen – ein lukratives Geschäft auf dem konventionellen Markt, wo der Doppelzentner bislang mit nur ca. 10 Euro gehandelt wird.

“Nach geltendem Recht ist Getreide aber kein zulässiger Brennstoff”, erklärt Enders. Die hessische Landesregierung versucht derzeit im Bundesrat eine Gesetztesänderung zu erreichen, damit speziell in kleinen Heizungen von weniger als 100 Kilowatt Leistung künftig auch Korn verbrannt werden darf. Der Bauernvorsitzende führt ein Beispiel an: “Holzhackschnitzelheizungen können zumindest zu 30 Prozent mit Getreide befeuert werden.”

Neben ökonomischen Vorteilen für seine Branche verweist der Hennethaler auf den Klimaschutz. Dem sei immerhin auch gedient, sobald nachwachsende Rohstoffe der Energieerzeugung dienten. Vor allem der schlecht vermarktbare Roggen sollte als Heizmaterial dienen, denn im Untertaunus gedeiht der Roggen auch auf eher durchschnittlichen Böden ausgezeichnet.

Doch neue Züchtungen, die sich besser als die Traditionssorten zur Verbrennung eignen, wären nach Enders wünschenswert: “Wenn das Getreide genetisch bedingt weniger Eiweiß besitzt, entsteht beispielsweise auch nicht so viel Ruß”, weiß er. Aber zumindest in Schlechtwetterperioden geerntetes Getreide von schlechter Qualität sei in den Öfen sinnvoll zu verwerten.

Bekannterweise geraten immer wieder massive ethische Bedenken gegen diese Pläne in die Diskussion. So monieren beispielsweise die Kirchen das Paradoxum, dass in Industrieländern mit Lebensmitteln geheizt werden soll, während ein Großteil der Menschheit nach wie vor mit dem Hunger kämpfe.

“Wenn es nur ein Verteilungsproblem gäbe, wäre die Ernährungsfrage längst gelöst, kann der Kreislandwirt gegen halten. Es sei kontraproduktiv, wenn die Agrarexporteure, zu denen beim Getreide auch Deutschland gehört, ihre Überschüsse einfach in den Entwicklungsländern “abladen” wollten. “Damit wird die Produktion vor Ort zurück geworfen, der Grad der Eigenversorgung nimmt ab und es entsteht eine dauerhafte Abhängigkeit”, stellt der Kreislandwirt das ebenfalls bekannte Dilemma dar.

“Früher musste das Getreide ins Meer gekippt werden, um die Überschüsse zu regulieren. Da erscheint mir die Verbrennung vernünftiger”, so Enders logisches Resümee.

(Vgl. Meldungen vom 2005-03-23 und 2005-01-06.)

Source: Wiesbadener Kurier vom 2005-04-14.

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