5 November 2018

Hans-Josef Fell zum EU-Parlamentsbeschluss: Die verheerende Plastikverseuchung wird damit nicht gelöst

Biokunststoffe aus Pflanzenmaterial können Bedingungen der Abfallfreiheit erfüllen

Inzwischen ist es in einer großen gesellschaftlichen Debatte angekommen: Der Plastikmüll erstickt unsere Umwelt, vermüllt die Meere, verseucht auch uns Menschen mit Mikroplastik und tötet massenhaft Tiere, die das Plastik aus der Umwelt fressen und elend daran zugrunde gehen – nicht nur Seevögel und Delfine, sondern auch Kamele in der Wüste Abu Dhabis, wie mir ein Tierarzt in einer erschreckenden Dokumentation schon vor Jahren zeigte.

Nun hat das EU-Parlament diese Woche einen viel beachteten Beschluss gefasst, um das Problem anzugehen. Verboten werden soll eine Menge von Plastikartikeln, die insbesondere die Strände der Weltmeere vermüllen:  Einweggeschirr, einzelne Verpackungen, Plastikstrohhalme, Haltestäbchen für Luftballons, Fischernetze und einige andere.

Ist das nun die Lösung des Problems der weltweiten Plastikmüllverseuchung? Ganz klar: Nein. Es wird weder die Vermüllung mit Makroplastik, noch die mit Mikroplastik beendet. Zu groß sind die Kunststoffproduktgruppen, als dass sie mit dem Verbot einzelner Produktgruppen erfasst werden können. So werden, selbst wenn der Beschluss tatsächlich Gesetzeskraft erlangt, weiterhin riesige Kunststoffmengen Meere, Naturräume und Siedlungen überschwemmen, mit Makro- und insbesondere mit Mikroplastik.

Der ganze Gesetzesentwurf ist wie so oft Ausdruck einer verfehlten ökologischen Denkweise: Dort wo ein Problem existiert, soll mit Verboten agiert werden. Diese Denkweise hat schon in der Vergangenheit nicht funktioniert, zum einen weil es bei Verbotspolitik immer die erfolgreiche Opposition derer gibt, die die wirtschaftlichen Verlierer sein werden. Hier sind es eben die Produzenten von Plastikwegwerfartikeln – und deren Marktmacht und damit politischer Einfluss ist groß. Zum anderen, weil Verbotspolitiken nur Teilmengen aus dem ganzen Problembereich herausgreifen, so auch hier wieder: Es sollen beispielsweise nur die Plastikhaltestäbe von Plastikluftballons verboten werden, aber nicht die Plastikluftballons selbst.

Auch ich spiele gerne mit meinen Enkeln mit Luftballons. Aber diese Unmengen Luftballons werden auch nach Umsetzung des EU-Beschlusses weiter die Meere und Wüsten vermüllen. Selbst dann, wenn der Beschluss des EU-Parlaments auch vom EU-Ministerrat bestätigt wird, was noch längst nicht ausgemacht ist. Bei aller Unzulänglichkeit des Ansatzes wünsche ich natürlich, dass der Beschluss auch den EU-Rat passieren kann und Gesetzeskraft erlangt. Dennoch braucht es endlich eine Politik, die das ganze Problem löst und nicht nur kleine Teilbereiche, wie die Haltestäbchen. Luftballons sollten aus selbstverrotbarem Biomaterial bestehen, damit wir noch weiter mit den Kindern mit Luftballons spielen können.

Und diese Politikansätze gibt es, doch sie werden nicht verfolgt, weil sie utopisch erscheinen.

Klares Ziel muss eine abfallfreie Wirtschaft sein. Das ist ein völlig anderer Denkansatz als die Verbotspolitik.

Da geht es dann darum, dass nicht nur z.B. Plastikwegwerfprodukte verboten werden, sondern dass sie so technisch verändert werden, dass sie selbst beim unachtsamen Wegwerfen keine ernsten Müllprobleme verursachen.

Geht nicht, werden nun viele visionslosen Umweltpolitiker antworten oder in diesen Strategien irgendein Haar in der Suppe finden, wo sie schon gleich wieder diese Denkansätze zerstören.

Dabei gibt es diese Denkansätze: Alle Stoffgruppen, die die Menschheit in den Wirtschaftskreislauf führen, sollen so gestaltet sein,  dass sie auf natürliche Weise in einen geschlossenen Stoffkreislauf führen, eben ohne Abfall. Selbst wenn sie weggeworfener Abfall sind, sollten sie in der Natur keinen Schaden ausrichten, sondern in die Stoffkreisläufe zurückführen.

Der Ansatz cradle to cradle, entworfen von Michael Braungart beschreibt genau diesen Ansatz. Alle Stoffgruppen sollen so entworfen werden, dass es keinen Abfall geben kann. Genauso wie es uns die Natur vormacht, sie kennt eben keinen Abfall.

Für Kunststoffe gilt dann eben, dass sie, selbst dann wenn sie unachtsam weggeworfen werden, kein problematischer Müll sind.

Kunststoffe, aus nachwachsenden Rohstoffen, die so designt sind, dass sie einmal weggeworfen, selbst verrotten und den Kohlenstoff des Pflanzenrohstoffes wieder zu Humus oder zu Tiernahrung für Delfine oder Mikroorganismen werden lassen.

Oh ja, ich höre schon wieder die große Schar der Umweltschützer, die dann rufen, Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen würde über die Knappheit der Agrarflächen den Welthunger befördern. Wie immer visionslos, denn über die Wiederbegrünung arider Flächen stünden genug Flächen zur Verfügung, um die etwa 10% fossiler Rohstoffe aus Erdöl und Erdgas zu ersetzen, die heute in die Chemiegrundstoffe fließen. Und mit dieser Visionslosigkeit verschütten sie seit Jahren die wirklichen Lösungsansätze einer abfallfreien Kunststoffwirtschaft.

Dabei gehört es zu den grandiosesten Fehlleistungen von Chemietechnikern, dass sie Kunststoffe für Plastiktüten so designt haben, dass sie 1 000 Jahre stabil bleiben – also ein Wegwerfprodukt, das oft nur einen Tag benutzt wird. Das Ganze dann aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas, was die Erderhitzung massiv antreibt. Denn wenn diese Kunststoffe statt die Meere zu vermüllen in der Müllverbrennung landen, dann heizt das so emittierte fossile CO2 kräftig die Erdtemperatur auf.

Biokunststoffe aus Pflanzenmaterial – Pflanzenöle, Stärke, Milchsäure, Algen u.a. – können diese Bedingungen der Abfallfreiheit erfüllen. Es gibt schon heute viele ausgereifte Produktentwicklungen dafür. Die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR) hat hier ein umfassendes Wissen parat.

Doch für alle diese Produkte braucht es endlich eine umfassende Markteinführungsstrategie. Im Teilbereich der Verpackungsmaterialien wurde dies unter rot-grün u.a. auf meine Initiative hin auf den Weg gebracht. Die Befreiung der Bioverpackungen von den Lizenzentgelten hatte einen ersten großen Aufbruch für Bioverpackungen geschaffen. Jäh zerstört unter Kanzlerin Merkel, die etwa 2009 die Gebührenbefreiungen wieder abschaffte.

Bis heute gibt es keine politischen Ansätze mehr, die Markteinführung von abfallfreien Biokunststoffprodukten zu unterstützen. Auch das EU-Parlament hat mit dem jüngsten Beschluss keinen Ansatz dazu vorgeschlagen – und genau deswegen werden die beschlossenen Verbote von Teilmengen problematischer Plastikprodukte die weitere Vermüllung der Meere nicht verhindern.

Eine große Chance wurde wieder vertan. Es wurde auf eine untaugliche Verbotspolitik gesetzt und versäumt, die ganze Wirtschaft und die Verbraucher auf einen technologischen Pfad zu führen, der in eine abfallfreie Wirtschaft führt.

Ach – was würde ich gerne mit meinen Enkeln mit Luftballons spielen, die beim unachtsamen Wegwerfen auch der Haltestäbchen in der Natur einfach zu bodenverbesserndem Humus werden.  Dann müsste ich ihnen nicht erzählen, wie umweltschädlich doch dieses wunderbare Spielzeug ist und warum es das EU-Parlament gerade verbieten will.

 

Hammelburg, den 26. Oktober 2018

Ihr Hans-Josef Fell

Source: Hans-Josef Fell, Pressemitteilung, 2018-10-25.
Author: Hans-Josef Fell

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