26 April 1999

Hanffaserfabrik Prenzlau (Brandenburg): Hanfjeans, Katzenstreu und Hanföl

Sie ist naturfarben, sie ist schmiegsam und knackig. Und sie ist aus Brandenburg: Die erste Hanfjeans des Landes. Hier entworfen, angebaut, gesponnen, gewebt und geschneidert. Und gestern öffentlich präsentiert durch Landwirtschaftsminister Gunter Fritsch (SPD).
“Mit dieser Hose greifen wir eine Brandenburger Tradition auf und beweisen, daß wir völlig autonom ein Bekleidungsstück herstellen können: von der Faser bis zum Produkt. Und was den Hanf betrifft: Auch ohne Chemie”, sagt der Geschäftsführer der Hanffaserfabrik, Rainer Nowotny. Beteiligt an dem Produkt waren viele Landwirte der Uckermark, die den Hanf anbauten, die Hanffaserfabrik Prenzlau, die aus der Pflanze verarbeitungsfähige Fasern produzierte, sowie eine Spinnerei und Weberei aus der Lausitz und ein Schneider aus Bernau. “Die Hose ist jetzt da. Inwieweit wir sie vermarkten können, das wird die Zukunft zeigen.” Nowotny ist optimistisch. Und angesichts seiner bisherigen Erfolge hat er auch allen Grund dazu.
Vor einem Jahr startete der Probebetrieb der ersten ostdeutschen Hanffaserfabrik in Prenzlau. Zuvor hatte der studierte Mathematiker 5,5 Millionen Mark in das Projekt investiert. Mit 1,7 Millionen Mark stand ihm dabei das brandenburgische Wirtschaftsministerium zur Seite. Der Probebetrieb wurde Ende vorigen Jahres abgeschlossen. In diesem Jahr will Nowotny die Ernte von 700 Hektar Fläche, auf der durch die Landwirte der Region Hanf angebaut wird, zu Fasern, Katzenstreu und Hanföl verarbeiten. “Das sind 7.000 Tonnen Hanf, die Arbeit für zehn Leute sichern. Wenn die Produktion einmal auf vollen Touren läuft, werden wir in der Lage sein, jährlich 20.000 Tonnen Hanf zu verarbeiten.”
Die 100 Meter lange Verarbeitungsstrecke, die die stärkste Naturfaser, die es gibt, mit einer Kraft von 400 Pferdestärken bezwingt, läßt nichts aus, was die Pflanze bietet. “Es gibt keine Abprodukte. Der Hanf wird zu 100 Prozent verarbeitet”, sagt der Geschäftsführer. Die Fasern kommen in der für die Textilindustrie idealen Länge aus der Maschine heraus. Aus dem extrem saugfähigen Pflanzenmark entsteht Katzenstreu. “Und aus allem, was nicht Faser und nicht Stengelmark ist, pressen wir Briketts für die Energiegewinnung”, sagt Nowotny. Der Grundstoff kann nicht nur in der Textilbranche, sondern vielen anderen Industriezweigen weiterverarbeitet werden. “Hanf eignet sich als Zusatz für Bremsbeläge in Autos. Selbst als Armierung in Beton ist er gut zu gebrauchen”, berichtet er.
Gegenwärtig verhandelt Nowotny über die Verwendung von Hanf in der Türfüllung der Mercedes S-Klasse. “Nicht zu vergessen, das Öl, das wir aus dieser Pflanze gewinnen. Es ist sowohl bei der Kosmetik als auch bei der Pharmazie begehrt, weil es Hautkrankheiten lindert”, berichtet er. “Das alles kann die Pflanze Hanf leisten.” Und zwar kann sie das Gunter Fritsch zufolge nicht zuletzt dank des Landes wieder leisten. Nachdem ihr Anbau jahrzehntelang verboten war, beteiligte sich Brandenburg an einer Bundesratsinitiative, die den Wiederanbau der Pflanze ab 1996 ermöglichte.

Autor und Endredaktion: Michael Karus (nova)
Quelle: Matthias Bruck, Nordkurier-Online 1998-2000

Source: Matthias Bruck, Nordkurier-Online 1998-2000

Share on Twitter+1Share on FacebookShare on XingShare on LinkedInShare via email