23 Oktober 2003

Hanf als Rohstoff für Haus und Auto

9. NRW Hanftag im Landwirtschaftszentrum Haus Düsse

Im “verflixten siebten Jahr” seit Wiederzulassung des Hanfanbaus in Deutschland stand im Landwirtschaftszentrum Haus Düsse beim neunten NRW-Hanftag die Nutzung der alten Kulturpflanze als Rohstoff für Haus und Auto im Mittelpunkt. 60 Teilnehmer diskutierten die aktuelle Markt- und Preissituation, die Nutzung des bundesweiten Förderprogramms zu Dämmstoffen und die weitere Entwicklung von Hanf und anderen Naturfaserprodukten.

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In seinem Grußwort sagte Staatssekretär Dr. Thomas Griese aus dem Landwirtschaftsministerium dem Hanfverein seine Unterstützung dafür zu, die Prozesskette zwischen Landwirtschaft und weiterverarbeitender Industrie zu schließen, da Hanf aus seiner Sicht ein kommender Rohstoff ist. Das belegen Hanfprodukte und deren Eigenschaften. So zeichnen sich Faserverbundstoffe beim Einsatz im Auto durch geringes Gewicht, gute Festigkeiten, geringe Emissionen und gute Entsorgungseigenschaften aus. Ferner ist Hanf eine hervorragender umweltfreundlicher Dämmstoff.

WenkeZum Dämmen mit nachwachsenden Rohstoffen stellte Wenke Stelter von der Fachagentur nachwachsende Rohstoffe (Gülzow) das seit August aufgelegte Markteinführungsprogramm vor. Dieses Programm fördert das Dämmen mit Hanf, Flachs, Schafwolle, Getreide und Gras je nach Förderkategorie mit 30 bis 40 Euro je m3. Gefördert werden Privatpersonen und Anwender, wenn mehr als 5 m3 Dämmstoff benötigt werden. Von diesem vorerst bis Ende 2004 befristeten Programm wird eine stärkere Marktdurchdringung im Dämmstoffbereich erwartet. Weitere Informationen stehen im Internet unter www.naturdaemmstoffe.info.

Zum Dämmen mit Naturfasern wurden die Einblasprodukte 2B Gratec, eine Dämmung aus Gras, und ECOLAN EDH 50, ein Schafwoll-Hanffaser-Gemisch, vorgestellt. Aus dem Hause Isover G+H wurde die Mattenware Isover Flora auf Hanfbasis vorgestellt. Deutlich wurde, dass beispielsweise die Einblasprodukte nach Förderung nicht nur aus Umweltgründen sondern auch ökonomisch – im Vergleich zu Glas- und Steinwolle – für “Häuslebauer” aufgrund ihrer Produkteigenschaften im Neubau wie im Altbau interessant sind.

Michael Kalweit von der Johann Borgers GmbH & Co. KG stellte die Hanfnutzung in Hutablagen für das Auto seitens des Bocholter Unternehmens dar. Beeindruckt zeigten sich die Tagungsteilnehmer von den Qualitätsanforderungen, die an die Automobilindustrie gestellt werden und durch verstärkte Nutzung von Hanf und anderen Naturfasern erfüllt werden können. Der Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Ernst-Otto Meinecke hob in seiner Begrüßung hervor, dass Ford beispielsweise in den europäischen Modellen im vergangenen Jahr 26.800 Tonnen an erneuerbaren, das heißt nachwachsenden, Materialien verwendet hat – vor allem Produkte aus Holz, Baumwolle, Flachs, Hanf und Jute. Untermauert wurden diese Zahlen von Michael Karus vom nova-Institut in Hürth, denn die Automobilindustrie hat die Verwendung von Naturfasern von 4.000 Tonnen 1996 auf 17.000 Tonnen in 2002 gesteigert. In dieser Steigerung sieht er den Hauptgrund dafür, dass in Deutschland der Hanfanbau in 2003 auf 2.700 Hektar gesteigert werden konnte.

Andrea Kiehl berichtete aus der Praxis des Hanfanbaus in Ostwestfalen. Anhand von Fotos stellte Sie die aktuellen Probleme der Erzeugergemeinschaft bei der Anbautechnik dar. Für die 45 Landwirte, die in diesem Jahr Hanf angebaut haben, war es eine besondere Herausforderung, die Umstellung von Grünhanf zu Rösthanf zu bewältigen. Diese Änderung war notwendig, um den Anforderungen des Vertragsgebers des niedersächsischen Agrodienstes in Huntlosen zu entsprechen. Speziell das Pressen von Großquaderballen mit reissfestem Sisalgarn stellte für die Lohnunternehmer eine schwierige Herausforderung dar. Sisal muss verwendet werden, da Polyethylenfasern oder andere Kunststoffbindungen in der Faseraufbereitung nicht mehr getrennt werden können. Ein Vertreter der Naturfaserindustrie bezeichnete solche Kunststoffbänder als “Industriequecke”. Diese Formulierung konnten alle anwesenden Landwirte sofort einordnen.

Fazit des Hanftages war, dass auf Basis von Hanf und anderen Naturfasern heute bereits eine Vielzahl von High-Tech-Produkten für Haus und Auto hergestellt werden. Der Anbau des Hanfes und die Verarbeitung des Hanfstrohs ist aus Transportgründen nur regional um entsprechende Verarbeitungsanlagen möglich. Sowohl für Röst- als auch für Grünhanf gibt es Märkte. Dabei stellen beide Produktionsrichtungen andere Herausforderungen bei der Beerntung an die Landwirtschaft. Für die Hanfbranche sind die Dämmstoffbranche, die Verwendung in Faserverbundstoffen und für die Schäben der Einstreubereich für Pferde und Kleintiere die zentralen Produktperspektiven in den nächsten Jahren.

Kontakt:
Hans-Bernd Hartmann
Zentrum für nachwachsende Rohstoffe NRW
im Landwirtschaftszentrum Haus Düsse
E-Mail: hans-bernd.hartmann@lk-wl.nrw.de

(Vgl. Meldungen vom 2003-09-29, 2003-01-17, 2002-11-27, 2002-08-09 und 2001-11-03.)

Source: Pressemitteilung des Zentrums für nachwachsende Rohstoffe NRW vom 2003-10-23.

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