14 Juli 2005

Grüne Chemie: Erdöl ist schon fast Vergangenheit

Biomasseraffinerien sollen Ölraffinerien einmal ersetzen

Das genaue Jahr kennt niemand – doch dass Erdöl, aus dem derzeit fast alle Kunststoffe gemacht werden, in absehbarer Zeit zur Neige gehen wird, bestreitet niemand. Von 40 bis 60 Jahren spricht die Gesellschaft Deutscher Chemiker und fordert, die Entwicklung von Bio-Kunststoffen zügig voranzutreiben. Plastik aus Gräsern, Holz oder Speiseresten: Vieles ist heute schon machbar.

Hersteller von Kunststoffen, Farben und unzähligen anderen chemischen Produkten bedienen sich aus einem riesigen “Baukasten”: Erdöl wird in Raffinerien in seine Grundbausteine zerlegt und so der chemischen Industrie zur Verfügung gestellt. Diese setzt die Bestandteile, kombiniert mit weiteren Zutaten, wieder zusammen und macht daraus Gegenstände unseres Alltags.

Ähnliches haben Wissenschaftler mit nachwachsenden Rohstoffen vor. Ihr Ziel ist es, in Biomasseraffinerien nachwachsende Rohstoffe wie Getreide, Mais oder Stroh in ihre Einzelteile aufzuspalten und so der Industrie eine breite Palette an Naturstoffen für ihre Produktion zu bieten.

“Die grüne Chemie auf der Suche nach neuen Materialien” – Die Forschung ist noch am Anfang

“Grüne Chemie” nennen Fachleute die Herstellung chemischer Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet ist Mufit Bahadir, Professor am Institut für ökologische Chemie und Abfallanalyse an der Universität Braunschweig. “Die Chemie basiert momentan zu 80 Prozent auf Erdöl”, sagt der Wissenschaftler. Erst knapp zehn Prozent der Kunststoffe und Chemikalien würden heute aus Naturprodukten hergestellt.

Hautkrem aus altem Speisefett

Um den Anteil grüner Chemikalien steigern zu können, ist noch viel Forschungsarbeit notwendig, denn Biomasse ist anders zusammengesetzt als Erdöl. Ehrgeiziger als in Deutschland werden die Ziele in den USA verfolgt. Dort sollen bis zum Jahr 2030 ein Viertel aller Grundsubstanzen, die jetzt noch vom Erdöl stammen, durch Produkte aus Biomasseraffinierien ersetzt werden.

“Ein großes technisches Produkt der grünen Chemie ist der so genannte Biodiesel”, so Mufit Bahadir. Biodiesel wird heute oft aus Raps hergestellt, er lässt sich aber auch aus altem Speisefett der Lebensmittelbranche erzeugen. Rund 30 Tonnen Fett aus Restaurants und Großküchen werden allein von der Firma Lesch in Thalmässing südlich von Nürnberg jeden Tag wieder aufbereitet. Abnehmer für gereinigtes Altfett ist die Industrie, die daraus zum Beispiel Treibstoff oder auch Kosmetika erzeugt.

Kunststoffe aus Holzabfall

Auch für Holz gibt es bereits ein patentiertes Verfahren, mit dem sich der nachwachsende Rohstoff in Kunststoff verwandeln lässt. Verwertet wird dabei das so genannte Lignin, ein Holzbestandteil, der bei der Papierherstellung als Abfallprodukt anfällt. Der Kunststoff aus Holz wird mit herkömmlichen Spritzgussmaschinen in Form gebracht und unterscheidet sich als fertiges Produkt kaum von herkömmlichen Kunststoffen.

Eine andere Firma hat eine Methode zur Herstellung von Kunstharz aus Ölen von Flachs, Raps oder Kokos entwickelt. Im nächsten Arbeitsgang werden daraus Armaturbretter oder Türverkleidungen von Autos. Jetzt träumen die Erfinder davon, mit dem Werkstoff sogar einmal Aluminiumteile zu ersetzen.

(Vgl. Meldungen vom 2005-06-03 und 2005-04-01.)

Source: Bayern Radio vom 2005-07-14.

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